Gratiszeitungsboxen in Wien – ein Faktencheck

Ich sehe was, das Du auch siehst, denn der öffentlichen Raum Wiens ist voll davon – nämlich die Gratiszeitungsboxen. Sei es vor/in den Ubahnstationen, sei es auf der Mariahilferstraße, vor öffentlichen Gebäuden der Stadt Wien, an Bim- und Bushaltestellen, an Bahnhöfen und sogar im Krankenhaus, man kommt ihnen nicht aus. Und bisweilen scheint es, als würden sie wie Schwammerl aus dem Boden sprießen.

Beim Landesparteitag der SPÖ Wien stellen nun mehrere Bezirke (6/9), den Antrag, die Verträge der Zeitungsherausgeber mit der Stadt Wien und den Wiener Linien über das Aufstellen der Boxen nicht mehr zu verlängern. Der Antrag wurde bereits auf der Jahreskonferenz der Sektion 8 Ende 2016 beschlossen und auf der Bezirkskonferenz der SPÖ Alsergrund mit sehr großer Mehrheit angenommen.

In diesem Blogbeitrag versuchen wir nun folgende Fragen zu beantworten:

  1. Wieviele von diesen Boxen gibt es eigentlich?
  2. Seit wann gibt es die Gratiszeitungen in der Ubahn/im öffentlichen Raum, wer darf sie aufstellen?
  3. Ist es üblich für eine Großstadt, dass es diese Boxen gibt?
  4. Wer macht mit den Boxen eigentlich ein Geschäft und wieviel Geld ist im Spiel?
  5. Wer hat beim Aufstellen der Boxen etwas mitzureden?

Gründe, warum wir dafür sind, in Zukunft keine Boxen mehr zu genehmigen, legen wir in einem eigenen Blogbeitrag dar.

Die Anzahl der Boxen

Die Boxen scheinen an jeder Straßenecke aus dem Boden zu wachsen, und an den Ubahnstationen verdoppelt und verdreifacht sich ihre Zahl. Aber wieviele sind wirklich genehmigt? Die Frage ist für Außenstehende gar nicht so leicht zu beantworten. Eines der wenigen öffentlich einsehbaren Dokumente – ein OGH Entscheid, entnommen aus der Klage der Zeitung “Österreich” gegen die Wiener Linien – nennt zumindest ansatzweise Zahlen, auch wenn diese teils schon recht veraltet sind. So heißt es darin[1]

 

  “Österreich” “Heute”
in Ubahnstationen 239
vor/Umkreis 5 Meter von Ubahnst. 187   62
anderer öffentlicher Raum Stadt Wien 132 163
insgesamt 319 464

Das ergibt also knapp 800 genehmigte Boxen. Gleichzeitig ist im historischen Abriss im OGH Entscheid aber diese Aussage zu finden: “Spätestens ab 2009 begann die Antragsstellerin [“Österreich”] damit, Boxen auch ohne Genehmigung der MA 46 auf öffentlichem Grund aufzustellen”. D.h., die Vermutung, dass da draußen auch noch einige ungenehmigte Boxen zu finden sind, bzw dass die Anzahl der genehmigten Boxen in der Zwischenzeit noch weiter zugenommen hat, scheint nach diesen Informationen plausibel.

Von dieser Auflistung komplett ausgenommen dürften Boxen sein, welche durch Verträge mit der ÖBB geregelt sind, sprich Standorte auf den Bahnhöfen, bzw wohl auch Verträge mit dem Krankenanstaltenverbund, sprich Standorte in den Krankenhäusern und Pflegehäusern.

Seit wann gibt es die Gratiszeitungen in der Ubahn/im öffentlichen Raum? Wer darf aufstellen?

Wer wann und wo aufstellen wollte und dafür auch die Erlaubnis bekam, ist etwas verwirrend. Aus dem OGH Entscheid lässt sich der Ablauf so rekonstruieren:

  • Im August 2004 schlossen die AHVV Verlags GmbH (die Herausgeberin von “Heute”) und die Wiener Linien einen Vertrag, der den Vertrieb der Zeitung unter Verwendung von Zeitungsboxen in den Stationen der Ubahn gestattete.
  • Ab Mitte 2006 bemühte sich auch die Medieninhaberin von “Österreich” um Genehmigungen in der Ubahn, allerdings kam es zu keiner Einigung mit den Wiener Linien
  • Ab Ende 2006 erteilte der Magistrat der Stadt Wien, MA 28, Straßenverwaltung und Straßenbau, der “Österreich Gmbh” die Erlaubnis über das Aufstellen von Zeitungsständern zur Entnahme der Gratiszeitung “Österreich” auf den von der MA28 verwalteten Grundstücken (jedoch scheint auch die Genehmigung der MA46 benötigt zu werden)
  • In weiterer Folge wurden sowohl “Heute” als auch “Österreich” Boxen auf öffentlichem Grund aufgestellt. Die Medieninhaberin von “Österreich” versucht in einem Gerichtsprozess, welcher bereits einige Jahre dauert, das Recht einzuklagen, ebenso innerhalb der Ubahnstationen Boxen aufstellen zu dürfen, bisher jedoch ohne Erfolg.

Die Frage, ob auch andere Medieninhaber Gratisversionen ihrer Zeitungen durch Entnahmeboxen vertreiben dürften, ist schwer zu beantworten. Eine Umfrage bei einigen der größeren Zeitungen Österreichs ergibt keine einheitliche Einschätzung. Die einzige andere Gratiszeitung Wiens – das Biber – erscheint nur monatlich. Deren Entnahmeboxen finden sich nur auf privatem Raum wie beispielsweise in Bäckereien. Ob es Verhandlungen mit der Stadt Wien gegeben hätte, konnten wir bislang nicht in Erfahrung bringen.

Ist es üblich für eine Großstadt, dass es Gratiszeitungen mit Vertrieb im öffentlichen Raum gibt?

Eine erschöpfende Umfrage liegt uns nicht vor. Aus Fragen im Bekanntenkreis ergibt sich jedoch das erstaunliche Bild, dass beispielsweise Welt-Städte wie Berlin und Frankfurt keinerlei Gratiszeitungen im öffentlichen Raum vertreiben.

Laut World Press Trend 2016 ist Österreich jedenfalls Weltmeister in der Verbreitung von Gratiszeitungen pro Einwohner – eine zweifelhafte Auszeichnung. [2]

Wer macht mit den Boxen eigentlich ein Geschäft und wieviel Geld ist im Spiel?

Das Geschäftsmodell von Gratiszeitungen ist ganz einfach: Da die Zeitung für die LeserInnen gratis sein soll, muss sich die Zeitung rein über Inserate (und in Zukunft eventuell Presseförderung) finanzieren. Je größer die Auflage der Zeitung ist, desto mehr kosten die Inserateschaltungen, da dann davon ausgegangen werden kann, dass mehr LeserInnen die Werbungen auch zu Gesicht bekommen.

Es ist anzunehmen, dass die Druck- und Vertriebskosten pro zusätzlichem Zeitungsexemplar viel geringer sind als die Werbeeinnahmen pro zusätzlich vertriebenem Zeitungsexemplar. Es ist daher im ureigensten Interesse der MedieninhaberInnen der Gratiszeitungen, möglichst viele Exemplare unter die Leute zu bringen.

Der OGH Entscheid (Seite 7) gibt einige sehr interessante Einblicke, wie viel der Vertrieb von Gratiszeitungsexemplaren Werbeeinnahmen bringt, so heißt es: “Ausgehend von den Werbeeinahmen der Antragsstellerin [“Österreich”] errechnet sich ein Betrag von 19 Cent an Netto-Werbeeinnahmen pro vertriebenem Exemplar Gratiszeitung”. (Zeitpunkt der Betrachtung 2010/2011). Weiters wird berichtet, dass die durchschnittlichen Entnahmen der “Österreich” 2011 aus Boxen in Nähe von Ubahnstationen ca 590 Exemplare betrugen. Weiters: “Die Entnahmen von „Heute“ aus Boxen in den U Bahn Stationen unterschieden sich nicht wesentlich von den Entnahmen von „Österreich“ aus den Boxen vor den Stationen.” Angenommen, die Netto-Werbeeinnahmen pro vertriebenem Exemplar der “Heute” sind gleich, kommt man pro Tag auf

0,19€ x 590 Entnahmen x 488 Boxen im Ubahnbereich = 54.705 €

Netto-Werbeeinnahmen für vertriebene Exemplare Gratiszeitung beider Zeitungen in den Ubahnstationen bzw rund um die Ubahnstationen.

Noch nicht eingerechnet sind die Boxen abseits der Ubahnstationen, weil der OGH Entscheid hier keine durchschnittlichen Entnahmezahlen nennt. Gehen wir von der vorsichtigen Annahme aus, abseits der Ubahn betragen die durchschnittlichen Entnahmezahlen nur die Hälfte (295), so kämen noch

0,19€ x 295 Entnahmen x 295 Boxen abseits der Ubahn = 16.534 € hinzu.

Wir möchten betonen, dies sind reine Überschlagsrechnungen und keine exakten Ergebnisse, dennoch lassen sich die Größenverhältnisse erahnen. Hier geht es um ziemlich viel Geld.

Und was zahlen die MedieninhaberInnen für das Aufstellen der Boxen? Die genauen Verträge scheinen ein gut gehütetes Geheimnis zu sein, aber auch hier finden sich Hinweise im OGH Urteil:

“Ab 1. 9. 2004 war ein monatliches Entgelt von 80 EUR netto je aufgestellter Zeitungsbox (wertgesichert) sowie ein zusätzliches Entgelt für die Zusatzkosten der Reinigung im U Bahn Netz durch die Entsorgung der Zeitungen vereinbart” [diese Zahlen betreffen den Vertrag der Wiener Linien mit dem AHVV Verlags GmbH, dem “Heute”-Herausgeber]

Für das Aufstellen von Boxen außerhalb der Ubahnstationen wird ein monatliches Entgelt an die Stadt Wien von 40€ zztl Umsatzsteuer erwähnt.

Auch diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, die Verträge können sich inzwischen geändert haben, das Reinigungsentgelt wird nicht beziffert. Aber dennoch: der Vergleich der monatlichen “Mieten” mit den täglichen Werbeeinnahmen legt nahe: die Zeitungsboxen sind ein hoch rentables Geschäft.

Wer hat beim Aufstellen der Boxen etwas mitzureden?

Auch diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Die Verträge für Boxen in der Ubahn bestehen zwischen der “Heute” und den Wiener Linien. Die Verträge auf öffentichem Grund der Stadt Wien dürften mit der MA 28 und der MA46 abgeschlossen werden.

Doch es scheint, als hätten auch die Bezirksvertrungen ein gewisses Mitspracherecht. Was genau ein einzelner Bezirk nun mitentscheiden kann, bzw ob Bezirke auch alleine die Genehmigung der Boxen im jeweiligen Bezirk verhindern können, das sind wir gerade dabei herauszufinden.

[1] Die Anzahl der Heute-Boxen in der Ubahn wird auf den Mai 2011 datiert, die restlichen Zahlen werden im OGH Entscheid mit “derzeit” betitelt, das Entscheidungsdatum ist Juni 2015

[2] http://derstandard.at/2000050569539/Oesterreich-ist-Gratiszeitungs-Weltmeister-laut-Print-Weltverband

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