Links der Woche – KW 41

Unsere Hypothesen zur SPÖ haben sich im gestrigen Wahlkampf insgesamt durchwegs bewahrheitet. Insbesondere dort, wo die SPÖ versucht, die FPÖ von rechts zu überholen oder durch Imitation zum Verschwinden zu bringen, war die FPÖ am stärksten. Am eindrucksvollsten ist das in Simmering zu beobachten. Österreich hat die Flüchtlinge offensichtlich benötigt wie ein Durstiger einen Tropfen Wasser. Zum ersten Mal wurde mit ‚Ausländer sind auch nur Menschen‘ – und im Zweifelsfall meistens arme Menschen – eine Wahl gewonnen, und das in einem Land, in dem über zwanzig Jahre hinweg das Gegenteil funktioniert hat und selbst Ausländer gegen Ausländer sind. Viel Interessantes und Kontroverses wurde geschrieben, eine Auswahl davon haben wir in den Links der Woche zusammengefasst. Viel Spaß beim Lesen!

Wien-Wahl

Der ORF hat uns als Teil der SPÖ-Basis zur gestrigen Wahl befragt und hier erwähnt.

Die Grundprobleme der Sozialdemokratie hat diese Wienwahl gestern freilich nicht verändert. Keinen Grund zum Korken knallen finden deswegen die Redakteurinnen vom Mosaik Blog. „Der Trend bleibt also aufrecht: Die Sozialdemokratie schafft es nicht mehr, enttäuschte Arbeiter_innen (zurück) zu gewinnen. Sie symbolisiert nicht, dass es besser werden könnte – sie verhindert bloß im besten Fall, dass es nicht noch schlimmer wird.“ Auch sie weisen darauf hin, wie die Zufriedenheit mit den eigenen Lebensumständen entlang Parteigrenzen verläuft: „81 Prozent der NEOS-WählerInnen, 89 Prozent der SPÖ-WählerInnnen und sogar 94 Prozent der Grün-WählerInnen empfinden Wien als sehr lebenswert. Unter FPÖ-WählerInnen stimmen dem weniger als ein Drittel zu.“

Abgesehen davon lässt sich noch mit Sicherheit sagen, dass die Wahlforschung eine eindeutige Verliererin der gestrigen Wahlen war. Christoph Hofinger von SORA war heute eine Stunde zu Gast im Standard-Chat und hat Fragen zu Methoden beantwortet und Kritik eingesteckt.

Das VICE Magazin hat Florian Reithner und Raphael Schlüsselberg zu den verschiedenen Wahlpartys geschickt. Wie es dort war, kann man hier nachlesen.

In den Tagen vor der Wahl hat das VICE Magazin Stellungnahmen von verschiedenen Bewohnerinnen und Bewohnern Wiens eingeholt. Was wünschen sich Menschen aus dünnen, wenig beachteten Strata von der Wiener Landesregierung? Ein Obdachloser, ein Rollstuhlfahrer, ein Suchtkranker, ein ehemaliger Häftling, ein Flüchtling und ein Transmann erzählen. Beim nächsten Mal sollte man auf jeden Fall auch eine Frau fragen.

Die NZZ berichtete anlässlich der Wienwahl über den Traiskirchner Bürgermeister Andreas Babler und seinen Zugang, mit dem es ihm seit Jahren gelingt, die FPÖ klein zu halten, obwohl Traiskirchen im Zentrum der Asylquartierkrise stand und weiterhin stehen wird. „Wenn ich am Stammtisch sitze, wird natürlich auch manchmal ausländerfeindlich gesprochen. Dann gehe ich rein in die Diskussion und argumentiere. Ein echter Sozialdemokrat darf nicht mitheulen, wenn nach unten getreten wird. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Solidarität mit Flüchtlingen und der Solidarität mit den eigenen Leuten.“

Peter Michael Lingens argumentiert im Profil so: „Nein, die Mehrheit der FPÖ-Wähler besteht nicht aus Rechtsradikalen oder gar Keller-Nazis – sie besteht aus unterbezahlten, öfter auch unterbelichteten Modernisierungsverlierern; und partiell auch aus Leuten, die zu Recht gegen Klüngelei und Behäbigkeit der „Altparteien“ opponieren. Das eigentliche Problem der FPÖ sind ihre Funktionäre: Leute, die wissen, wie man durch das Schüren der Ängste der Modernisierungsverlierer an deren primitivste Instinkte appellieren und dies für sich und die eigenen Seilschaften nutzen kann.“

Ein Prozess der Erneuerung, wie ihn auch die SPÖ braucht, findet derzeit in England statt. Jeremy Corbyn’s Wahl zum neuen Labour-Vorsitzenden hat die Partei auf den Kopf gestellt. Alex Nunns analysiert in der Monde Diplomatique, Corbyn habe „nicht etwa eine Bewegung aus dem Hut gezaubert, sondern Energien zu einer neuen Kraft gebündelt.“ Von den unterschiedlichen Anhängern, die ihm 59% bei der Vorsitzendenwahl und damit ein klareres Mandat als jedem Vorgänger gaben, sind laut Nunn drei Gruppen besonders relevant: die junge Generation, die Kriegsgegner und die organisierte Arbeiterklasse.

Auch Anton Pelinka hat sich vor der Wahl im Datum geäußert und und die Sektion 8 dabei als inhaltlich altlinks bezeichnet. Er hat auch gesagt, „Was mir in der Wiener SPÖ aber abgeht, ist eine Kontroverse zwischen ihnen und einer anderen jungen Gruppe, die ein anderes Gedankengut vertritt und mit ihnen streitet.“ Zum Glück schreibt Pelinka selbst streitbare Bücher. Niki Kowall hat eines davon gelesen, seine Meinung dazu kann man auf unserem Blog nachlesen.

Flucht und neue WienerInnen

Der Tagesanzeiger widmet sich der angespannten Situation am Wiener Westbahnhof. Eine freiwillige Übersetzerin gibt ihre Einschätzung der Lage wieder.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume beschreibt in diesem sehr lesenswerten Beitrag die Veränderungen in Religiosität und Spiritualität, die bei muslimischen ZuwandererInnen vermehrt auftreten. „Dass die Ölmonarchien verzweifelte Flüchtlinge mit oft menschenverachtenden Untertönen abweisen und sich die greisen Würdenträger aus (mehrheitlich sunnitischen) Saudi-Arabien und dem (mehrheitlich schiitischen) Iran selbst angesichts von vielen Hundert Massenpanik-Toten bei der gemeinsamen Hadsch-Wallfahrt doch nur wieder gegenseitig beschuldigen, passt in dieses Bild. Viele „einfache Muslime“ fragen sich, ob und was den Zynikern überhaupt noch heilig sei – und einige tun es inzwischen sogar öffentlich.“

Saeed Othman Mohammed ist am 27. August in einem LKW nahe Parndorf zusammen mit 70 anderen geschleppten Flüchtlingen qualvoll erstickt. Der Guardian hat die Schritte seiner Reise nachrecherchiert.

Feminismus und Männlichkeit

Feminismus ist längst kein Basisprojekt mehr, vielleicht sogar hauptsächlich ein Elitenprojekt, lautet zumindest ein beliebter Vorwurf. Die Tatsache, dass sich Magazine wie ELLE mit einer starken Reichweite darum bemühen, das F-Wort wiederzubeleben, könnte dafür als Beweis gewertet werden. In einem kurzem Video werden Männer aus Darstellungen von Berufsgruppen retuschiert, um an den wenigen im Bild verbleibenden Frauen zu zeigen, dass es noch Raum nach oben gibt. Hillary Clinton sitzt dann ganz allein im Situation Room, Emma Watson allein vor der UNO-Vollversammlung und sämtliche Panels und Podien sind auch ziemlich dünn mit Frauen besetzt.

Zur Erotik von Yanis Varoufakis gibt es einen Artikel im Miss Magazine. Der Griechische ex-Finanzminister gilt als Sexsymbol, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Margarita Tsomou analysiert aus feministischer Perspektive dieses Phänomen, das weiter geht als nur „Mann + Macht = sexy!“.

 

One Response to Links der Woche – KW 41

  1. Rudolf T.Z. Scheu 13. Oktober 2015 at 23:23 #

    Urheberrecht neu (https://www.bka.de/DE/ThemenABisZ/Urheberrecht/NeuesUrheberrecht/neuesUrheberrecht__node.html?__nnn=true).
    Wieder ein Gesetz ganz im Sinn der Maechtigen, der Wirtschaft. Einige werden aus Angst zahlen, die anderen muessen mind. das Porto fuers Einschreiben und einige Zeit aufbringen. Wenn ein Site-betreiber zu dumm ist, die E-welt zu verstehen, wird er auch noch belohnt. Wenn ein Student der Rechtswissenschaften mit so einem Gesetz daherkaeme, wuerde er ein glattes „Nicht genuegend“ bekommen.
    Wundert man sich in der SPOe noch ueber die Serienniederlagen?

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