Von der Angst, eine „Judenpartei“ zu sein

Siebzig Jahre nach der Befreiung Österreichs blickt die SPÖ auf ihre Neugründung im April 1945 zurück. Parteiinterner Antisemitismus in den Nachkriegsjahren sollte dabei nicht unter den Teppich gekehrt werden.

von Andreas Handler*

Der ehemalige Wiener Finanzstadtrat Hugo Breitner hoffte 1945 vergeblich auf eine Rückkehr aus dem amerikanischen Exil. Breitner selbst machte die ehemaligen Christlichsozialen in der neu gegründeten ÖVP dafür verantwortlich. In der Zwischenkriegszeit war Breitner regelmäßig zur Zielscheibe von deren antisemitischer Agitation und Hetze geworden. Doch 1945 war es keineswegs die ÖVP, die eine Rückkehr Breitners nach Österreich verhinderte. Es war die SPÖ selbst, die bremste. Im Dezember 1945 erläuterte Breitner seine Position in einem Brief: “Obwohl ich erklärt hatte, daß ich keinen bestimmten Posten anstrebe, auf keinen Titel wert lege, keine Zahlungen beanspruche, war die Antwort Renners: ‚Wir denken allesamt an Ihre Rückkehr und hoffen auf Sie, aber ein Grund zu übereilter Rückkehr besteht nicht.‘ Eine höfliche Absage.” Hugo Breitner starb 1946 – im kalifornischen Exil.

Vielen sozialdemokratischen Exilantinnen und Exilanten wurde die Rückkehr nach Österreich durch die SPÖ erschwert. Breitner ist nur eines von zahlreichen Beispielen. Auch Bruno Kreisky hatte Schwierigkeiten, in der Partei wieder Fuß zu fassen. Zunächst wurde er als Diplomat nach Schweden zurück geschickt.
Antisemitismus war für diese Entwicklungen nicht das einzige Motiv. Auch sollte ein Linksrutsch der SPÖ verhindert werden und die neu gewonnenen Positionen der Parteispitze nicht gefährdet werden. Antisemitische Tendenzen spielten dennoch eine offensichtliche Rolle. Die ständige Diffamierung als „Judenpartei“ in der Zwischenkriegszeit sollte der Vergangenheit angehören, dem politischen Gegner erst gar keine Zielscheibe geboten werden. In der Praxis bedeutete das, jüdischen Parteimitgliedern die Rückkehr zu erschweren und deren Engagement in der SPÖ zu verhindern. Als Protagonisten dieser Tendenzen galten der Parteivorsitzende und spätere Bundespräsident Adolf Schärf und insbesondere der langjährige Innenminister Oskar Helmer. Marianne Pollak machte das in einem Brief, den sie im November 1945 an die noch im Exil weilenden Karl Hans Sailer, Otto Leichter und Jacques Hannak schrieb, deutlich: „Schärf und Helmer sind bewusste Antisemiten, die beide mit ihrer Rührigkeit und ihrem Ehrgeiz auch sehr darauf achten, keine Talente hereinzubekommen. (…) Aber den Klüngel der heute Herrschenden habt ihr im Zweifel gegen Euch und wie ich glaube, ausnahmslos.“ Damit schien Pollak Recht zu behalten. Noch in den 1950er Jahren beschwerte sich Kreisky über antisemitische Witze von Helmer. Helmer war es auch, der in seiner Rolle als Innenminister maßgeblich für die lange Verschleppung von Entschädigungszahlungen an die Opfer des Nationalsozialismus verantwortlich war.

Am vergangenen Dienstag erinnerte die Parteispitze der SPÖ an die sozialdemokratischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Dazu zählt auch der Kampf gegen Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Allerdings sollte auf die weniger ruhmreichen Kapitel der neueren sozialdemokratischen Geschichte nicht vergessen werden. Das „Ja“ zum Anschluss an Nazi-Deutschland von Karl Renner, die rasche (Re-)Integration von ehemaligen Nationalsozialisten oder der angesprochene Umgang mit jüdischen Exilanten sind Teil der Parteigeschichte.

Die SPÖ hatte lange Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung ihrer eigenen „braunen Flecken“. Wenn Anfang Mai die Feierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen und zur Kapitulation Nazi-Deutschlands folgen, muss dieser Anlass in der SPÖ auch genutzt werden, um auf lang anhaltende Fehlentwicklungen hinzuweisen. Auch das ist Teil eines klaren antifaschistischen Bekenntnisses.

 

* Andreas Handler ist Historiker und in der Sektion 8 der SPÖ Alsergrund aktiv.

 

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One Response to Von der Angst, eine „Judenpartei“ zu sein

  1. Rudi T.Z. Scheu 27. April 2015 at 08:03 #

    Im Fruehjahr 2013 sprach Salzburgs FPOe-chef Schnell von „Umvolken“.

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