Deutscher Lackel, steig aus dem Ring!

Die Mittelmeerstaaten würden lieber kollabieren, als in einem von Deutschland beherrschten Europa zu leben. (Im Falter“ Nr. 14 / 2013 vom 03.04.2013 Seite: 6 (Ressort: Falter & Meinung) erschien folgender, sehr aufschlussreicher Kommentar von Falter-Redakteur Wolfgang Zwander, den wir mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags hier wiedergeben dürfen. Der Text ist sonst online nicht verfügbar.)

Wolfgang Zwander

 

Nazi-Führer Adolf Hitler und Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel haben nicht viel gemeinsam, sie wurden nicht einmal im gleichen Land geboren, werden aber immer öfter in einem Atemzug genannt. Nachdem die Zypern-Krise vergangene Woche mit Ach und Krach bewältigt worden war, schäumten die kleinen Leute in ganz Südeuropa, weil sich die EU am Ersparten der zypriotischen Kleinsparer vergreifen wollte. Die fast schon traditionelle EU-Ablehnung der Österreicher gemahnt inzwischen an lustige Folklore, wenn man sich die neuen Konfliktlinien Europas ansieht. Nicht mehr Österreich gegen EU, also Nationalstaat gegen eine „ever closer union“ lautet das Match von heute, sondern Norden gegen Süden, oder genauer: Mittelmeer-Europa gegen Deutschland und seine kleinen Nachbarstaaten.

Der neue Konflikt ist brutaler und angsteinflößender als die alten Integrationsscharmützel, die ihm vorausgegangen sind. Die Schilderungen des maltesischen Finanzministers Edward Scicluna, Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble habe „mit der Pistole am Kopf“ der Zyprioten den Zypern-Deal ausverhandelt, weckten Assoziationen, die Deutschland (und im Übrigen auch Österreich) bereits besiegt glaubte. Selbst seriöse südeuropäische Medien greifen mittlerweile ungeniert zum Nazi-Vergleich, um Deutschlands Haltung in der Eurokrise zu attackieren. Deutschland wiederum, das große Teile Europas zu Unrecht gegen sich verbündet sieht, fühlt sich missverstanden. Der deutsche Kommentator Hugo Müller-Vogg brachte eine weitverbreitete Stimmung zum Ausdruck, als er bemerkte: „Ohne deutsche Garantien gäbe es keinen Rettungsschirm. Doch ausgerechnet uns Deutschen schlägt in den Krisenländern Kritik, ja offener Hass entgegen.“

Im Zeichen dieser Irritation stand auch die anklagende Frage der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, des Chauvinismus eigentlich unverdächtig, wo denn nun bitte der Jubel über die Zypern-Rettung bleibe? Allein die Fragestellung zeigt, wie wenig Deutschlands Öffentlichkeit in der Lage ist, die Eurokrise aus einer anderen Sicht zu betrachten als aus der eigenen. Warum droht die Lage in Europa wieder zu eskalieren? Vielleicht kann man das neue Ringen um Europa, passend zum Stil der Zeit, mit einem Bild aus dem Kampfsport beschreiben. Die Eurozone wäre dann ein Boxring, und die Kämpfe zwischen den jeweiligen Akteuren stünden für den freien Wettbewerb zwischen den Eurostaaten. Die Konkurrenzkämpfe untereinander würden jedes Land stärker und international wettbewerbsfähiger machen – so wurden die Vorteile des Euro vor seiner Einführung gepriesen.

Gekommen ist es anders: In der einen Ecke des Boxrings stand ein Schwergewichtskämpfer namens Deutschland, vielfacher Exportweltmeister, ein hoch industrialisierter Berserker, zweifellos der Kraftlackel Europas. Umgeben war der Riese von kleinen Schweißtuchträgern, die sich neben ihm starkmachten und auf Namen wie Niederlande und Österreich hörten. In der anderen Ecke stand ein Fliegengewichtskämpfer, der viele verschiedene Namen trägt: Portugal etwa, oder Spanien, Malta, Griechenland, Zypern. Egal, wie man ihn ruft, dem kleinen Boxer aus dem Süden ist es eigen, dass er auf seinem Hoheitsgebiet über fast bis gar keine Industrie verfügt, dass er nur wenig anderes zum Exportieren hat als landwirtschaftliche Güter, dass ihm seine qualifiziertesten Bewohner in Richtung Norden abhanden kommen, oder zumindest deren Geld; und der sich, auch das muss gesagt sein, aufgrund mangelnder Alternativen oft eine Finanzindustrie schuf, die für seriöse Geschäfte viel zu gute Konditionen versprach.

Kein Ringrichter der Welt würde einen Kampf zwischen zwei solchen Gegnern, ungleicher als David und Goliath, zulassen. Aber die Wirklichkeit fern des sportlichen Wettkampfes zeichnet sich oft dadurch aus, dass ein Ringrichter fehlt, wenn es brutal wird. Weil das so ist, hängen Portugal, Spanien, Malta, Griechenland und Zypern in den Seilen, während der deutsche Lackel, angetrieben von seinen Anhängern, triumphierend im Ring steht, weiterkämpfen will und seine geschlagenen Konkurrenten zu Austerität, volkswirtschaftlicher Fitness und Konkurrenzfähigkeit zwingt. In Wirklichkeit ist der Kampf längst vorbei, der Schwergewichtsboxer hat gewonnen. Aber nicht nur der Jubel darüber will ausbleiben, Kritiker reklamieren sogar, so ein ungleicher Kampf hätte nie stattfinden dürfen. Niemals hätten etwa Griechenland und Deutschland eine Währungsunion dieser Art bilden dürfen, durch die die Hellenen ja erst so kreditwürdig wurden, um die Schulden zu machen, die sie heute ruinieren. Wären die Griechen nicht in den Ring mit den Deutschen gestiegen, stünden sie heute nicht vor dem Knock-out.

Dankbarkeit ist jedenfalls fast das Letzte, was Deutschland aus dem mediterranen Raum erwarten kann, dafür, dass es einen Kampf mit Rettungsschirmen künstlich am Laufen hält und seine Gegner damit vorführt. Es wird Zeit für Deutschland, aus dem Ring zu steigen und damit den südlichen Eurostaaten wieder auf die Beine zu helfen: mit Euro-Bonds und Sozialunion. Das mag aus deutscher Sicht unsinnig erscheinen, ist aber der einzige Weg in Richtung befriedete europäische Zukunft. Denn die Vergangenheit zeigt, dass die so alten wie stolzen Nationen Europas lieber den Tod im Ring suchen würden, als in einer von Deutschland beherrschten Union zu leben.

Der Autor ist Redakteur des Falter

3 Responses to Deutscher Lackel, steig aus dem Ring!

  1. Heinrich Elsigan 14. September 2013 at 06:47 #

    Der €uro und die EU:
    jedes Volk hat eine Geschichte und daraus entstandene Mentalität, die es nicht. o einfach über Bord wIU cerfen kann. Manche meinen die Nationalstaatlichkeit und das völkische sind die archaischen Reste in uns, die uns hindern eine zivilisierte Spezies zu sein.
    Andere sind wieder der Meinung, dass nur durch die Summe der völkischen Erfahrungen ein halbwegs zivilisierter Austausch überhaupt möglich ist und dass nur das national historische Gedächtnis für Freden und Lernen aus der Vergangenheit sorgen kann.

    Wenn ich hier in Österreich den Anschluss an Deutschland oder die EU fordere, dann wird das sicher emotionale Vorbehalte auslösen und das wirst du den Österreichern nicht abgewöhnen können (sollte man auch nicht)
    Genauso schwierig ist es den Deutschen zu Inflation zu bewegen, ein Italiener hingegen fühlt sich mit einer Hartwährung unwohl.

    Eigentlich ist die ganze Krise mit der geschichtlichen Vorbelastung zwar sau blöd, aber trotzdem zum worst case relativ gut, verlaufen.

  2. Heinrich Elsigan 14. September 2013 at 06:03 #

    Bis heute verstand ich nicht die Motivation des deutschen Lackels,
    heute wurde sie mir klar.
    Der deutsche Lackel hat historisch bedingt eine Höllenangst vor Hyperinflation,
    diese historische bedingte Angst spielt bei manchen seiner Entscheidungen eine Rolle.
    Im historischen Gedächtnis des deutschen Lackels ist mit Beginn der Hyperinflation die düsterste Zeit in seiner Geschichte verbunden.
    Gleichzeitig ist es dem.deutschen Lackel unangenehm Druck auf andere Staaten zu machen und es wäre ihm am liebsten, die internationalen Finanzmärkte würden Druck machen.
    Der deutsche Lackel hat es eigentlich nicht leicht, auf der einen Seite kommt immer wieder die Angst vor der Hyperinflation aus ihm heraus, wenn zu viel Notenbankeingriffe erfolgen, auf der anderen Seite ist es ihm unangenehm Sparmaßnahmen zu fordern.
    Der deutsche Lackel hält sich zurück, dann bricht die Hyperinflationsangst aus ihm heraus, dann fordert er aus der Angst heraus emotional Sparmaßnahmen und danach schämt er sich etwas, dass er wieder so ein Lackel war.

  3. Martin Ortner 4. April 2013 at 18:44 #

    Zum Hitlervergleich:

    Ohne ein gutes Harr an Merkel und Schäuble lassen zu wollen, so geht doch der Merkel-Hitler-Vergleich zu weit, den sollte man nicht mit solch ausgebreiteter Genugtuung zitieren.

    Das Menschenrecht auf Eigentum ist zur Mutter aller Menschenrechte geworden und dieses zu beschneiden (etwa durch eine Zwangsabgabe auf Spareinlagen) ist gleichbedeutend mit Völkermord und der Verursachung eines Weltkrieges? Hat den Herrschaften jemand ins Hirn defäkiert?
    Die Europäische Union a la Sowinetz („bei da Bledheit samma Briada …“)?

    Die EU zahlt jetzt die Rechnung dafür, dass sie sich jahrelang als Mittel zur Ausweitung des Zahnpastamarktes verstanden hat. 34 mal die Worte Solidarität in den Verträgen und eine neoliberale Agenda, wie passt das zusammen?

    P.S.: Merkels Parteifreunden im Süden sind die eigenen Völker keine dreissig Silberlinge wert. Eine Sozialdemokratie mit Alternativvorschlägen inexistent.

Schreibe einen Kommentar

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Powered by WordPress. Designed by WooThemes