Niki Kowall bei der Bundestagung der Jungen Industrie

Die Junge Industrie hat Sektion 8 Sprecher Nikolaus Kowall zu ihrer Bundestagung unter dem Motto “Revolution – Zeit, dass sich was bewegt” als Podiumsgast eingeladen. Hier sein Eingangsstatement:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Was ich Ihnen heute vermitteln möchte ist, dass wir eine Revolution in unserem ökonomischen Denken brauchen. Im Kern laufen meine Ausführungen darauf hinaus, dass eine betriebswirtschaftliche Sichtweise auf die gesamte Volkwirtschaft inkonsistent und logisch falsch ist. Es sind Bilder wie jenes von der „Österreich AG, ein Unternehmen der EU 25 Holding“ (IV Geschäftsbericht 2004) oder die kürzlich von der ÖVP zusammengerufene Initiative „Unternehmen Österreich 2025“, die uns suggerieren, dass Volkswirtschaften derselben Logik folgen wie Unternehmen. Diese Sichtweise halte ich für falsch, weil das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Es ist mit sonnenklar, dass den meisten in diesem Raum eine betriebswirtschaftliche Vorstellung von Volkswirtschaft intuitiv nahe liegt. Doch gerade weil sich die Materien ähneln gibt es zahlreiche Rationalitätsfallen, die womöglich der Hauptgrund dafür sind, dass uns der ökonomische Mainstream seit vier Jahren keinen Weg aus der europäischen Krise weisen kann. Im Gegenteil, die Wirtschaft im Süden schrumpft so stark, dass der absolute Schuldenabbau gar nicht in der Statistik sichtbar wird. Misst man die Verschuldung in Relation zum BIP, und der Nenner – als die Wirtschaftsleistung – schrumpft schneller als der Zähler – also die Schulden, dann steigt die Verschuldungsquote. Obwohl ich Sie alle im Verdacht habe besonders anfällig für eine betriebswirtschaftliche Sichtweise auf die Gesamtwirtschaft zu sein, hoffe ich, dass meine Ausführungen über die Notwendigkeit einer geistigen Revolution in ökonomischen Fragen zumindest eine neue Perspektive für Sie darstellen.

Die betriebswirtschaftliche Vorstellung davon, dass man weniger ausgeben soll als man einnimmt, wird zu Unrecht auf Volkswirtschaften umgelegt. Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und eine damit einhergehende Exportorientierung werden im öffentlichen Diskurs als wesentliche wirtschaftliche Erfolgsfaktoren gewertet. Die Medien freuen sich über die jährlichen Exportüberschüsse. Aber was bedeutet das genau? Wenn die österreichische Volkswirtschaft mehr exportiert als sie importiert, dann führt dies zu einem Überschuss in der Leistungsbilanz. Wir haben also im Saldo mehr produziert, als wir selbst verbraucht haben. Das bedeutet wir haben nicht unsere gesamte Produktivität selbst konsumiert, sondern einen Teil der Produktivität ins Ausland abgeführt. Wir haben also nicht über, sondern unter unseren Verhältnissen gelebt.

Wir können nur mehr exportieren als importieren, wenn andere mehr importieren als exportieren. Diese Länder können natürlich nicht alle Waren bezahlen, weil sie ja durch ihre Exporterlöse ihre Importausgaben nicht abdecken können. Das heißt, die Länder verschulden sich bei uns. Oftmals ist es sogar so, dass die Hausbank eines österreichischen Erzeugers die Einnahmen ihres Kunden über eine Ecke an die ausländischen Konsumenten verborgt. Das heißt, letztlich finanzieren wir unsere Exportüberschüsse selbst mit dem Geld das wir verborgen. Umso höher unsere Exportüberschüsse umso höher die Verschuldung des Auslands.

Die Schulden des Auslands sind unsere Forderungen. Wie kann das Ausland seine volkswirtschaftlichen Schulden zurückzahlen? Offensichtlich nicht mit Geld, weil ihre Erlöse ja zu gering waren, um ausgeglichen zu bilanzieren. Die einzige Möglichkeit wie das Ausland seine Schulden begleichen kann ist in Form von Waren und Dienstleistungen. Dafür müssen aber wir für einige Perioden aus diesen Volkswirtschaften mehr einführen als wir dort hin exportieren. Das heißt nur wenn wir Leistungsbilanzdefizite machen geben wir dem Ausland die Chance, seine Schulden zu begleichen. Gleichzeitig ist es für uns die einzige Möglichkeit die Produktivität die wir zuvor verliehen haben, nun selbst vollständig zu konsumieren. Wenn wir niemals Leistungsbilanzdefizite sondern immer nur Überschüsse machen, machen wir uns künstlich ärmer.

In der betriebswirtschaftlichen Logik sind Überschüsse erstrebenswert und wenn es ein Unternehmen schafft seinen Mitbewerber niederzukonkurrieren, dann verschwindet dieser aus dem Markt. Das Unternehmen kann seinen Marktanteil vergrößern, seine Marktmacht steigern und es gibt keine negativen Rückwirkungen auf den Absatz. Auch auf volkswirtschaftlicher Ebene können wir unsere Mitbewerber durch dauernde Orientierung auf die Wettbewerbsfähigkeit niederkonkurrieren, etwa durch niedrige Lohnabschlüsse. Noch härter als unsere günstigen Exporte treffen den Handelspartner allerdings die Ausfälle bei unserer Importnachfrage nach seinen Gütern. Doch irgendwann bekommen auch wir ein handfestes Problem. Unser Mitbewerber ist nämlich auch unser Kunde, das bedeutet unsere Strategie hat negative Auswirkungen auf unseren Absatz. Durch unsere aggressive Strategie beschädigen wir seine industrielle Basis, gleichzeitig aber kann er seine Forderungen nicht mehr begleichen. Die Folge ist vielleicht ein Schuldenschnitt oder gar ein Bankrott der ausländischen Volkswirtschaft. Das bedeutet wir haben dem Ausland die exportierten Waren und Dienstleistungen zum Schluss geschenkt, dabei aber gleichzeitig seine Wirtschaft demoliert. Eine klassische Lose-lose Situation.

Wenn die damals mehrheitlich sozialdemokratischen Regierungschefs im Jahr 2000 im Rahmen der Lissabonziele festhielten, dass Europa zum wettbewerbsfähigsten Raum der Welt werden solle, dann haben sie etwas nicht ganz begriffen. Immer der wettbewerbsfähigste zu sein bedeutet immer mehr zu exportieren als zu importieren und damit permanent die Spirale aus Schulden und Forderungen zu vergrößern. Es bedeutet eine betriebswirtschaftliche Logik auf eine Volkswirtschaft anzuwenden, ohne die Folgen zu bedenken. Ich glaube die Revolution die wir im ökonomischen Denken brauchen ist jene, zwischen Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft sauber zu trennen. Volkswirtschaften sollen nicht ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern, sondern ihre Produktivität. Wir sollen nicht versuchen anderen Marktanteile wegzunehmen, sondern selbst Wohlstand aufbauen. Der Standortwettbewerb ist der große betriebswirtschaftliche Fremdkörper in unserer Vorstellung von Ökonomie. Unternehmen stehen im Wettbewerb, nicht Volkswirtschaften. Volkswirtschaften sind keine Unternehmen.

Seit 15 Jahren findet in Europa ein Wettlauf um niedrige Lohnabschlüsse statt, wobei Österreich in dieser Disziplin nach Deutschland den zweiten Platz belegt. Der Chefökonom der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung Heiner Flassbeck hat ein anderes Modell vor Augen: Würden sich alle Volkswirtschaften bei der Lohnentwicklung an den Produktivitätszuwächsen orientieren, bliebe der Marktanteil jeder einzelnen Volkswirtschaft am Welthandel stets konstant. Was sich verändert sind die mit der jeweiligen Produktivität unterschiedlich wachsenden Lohn- und Wohlstandsniveaus in den einzelnen Volkswirtschaften. Doch die relativen Weltmarktpreise der einzelnen Anbieter/innen bleiben gleich. Wieso? Weil jene die rascher produktiver werden als andere auch Löhne (und damit Preisaufschläge) entsprechend steigern. Daher bezeichnet Flassbeck die produktivitätsorientierte Lohnentwicklung als „goldene Regel“.

Umgelegt auf Volkswirtschaften wie Deutschland und Österreich bedeutet das folgendes: Möglichkeit 1: Durch die produktivitätsorientierte Lohnentwicklung konsumieren die Deutschen und Österreicher ihre Produktivitätszuwächse künftig selbst. Möglichkeit 2: Wird ein Teil der Produktivitätszuwächse exportiert, führt die produktivitätsorientierte Lohnsteigerung dazu, dass genau um diesen Exportzuwachs auch die Importnachfrage steigt. Wer Exportweltmeister sein will, muss eben auch Importweltmeister sein.

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9 Responses to Niki Kowall bei der Bundestagung der Jungen Industrie

  1. Heinrich Elsigan 30. November 2012 at 04:38 #

    Ich habe mich geirrt und gebe es zu.
    Die zu niedrigen Löhne bringen NULL Steuereinnahmen. Man müsste einen Schuldenschnitt machen, den €uro stark gegenüber den anderen Währungen entwerten und damit müssten die Länder in der €-Zone wieder mehr selber produzieren müssen. Deutschland produziert genug, dort würden die Löhne einfach steigen. Die Staatsschulden können bei der negativen Alterspyramide nur durch Hyperinflation abbezahlt werden. Die hohen Staatlichen Ruhegenüsse von Neugebauer & CO inflationierst du auch einfach weg und passt nur die Ausgleichsrente an die Inflation an, damit es zu keiner Altersarmut kommt.
    Die Reichen werden teilweise in Aktien und Anleihen der Firmen, die jetzt wieder produzieren müssen gehen, manche werden in Gold, Betongold gehen, einige Antisoziale werden aber sicher mit Öl und Lebensmittel hedgen. Achtung Öl und alle Rohstoffe werden extrem teuer, auch das russische Erdgas und die für die Produktion nötigen Rohstoffe, aufgrund der geringeren Vorkommen in Europa. Dafür wird die deutsche Exportwirtschaft nach Übersee boomen. Bayer wird nach Asien mehr Absatz haben und jeder chinesische Mittelständer will dann einen BMW oder Mercedes und alle saufen ihr Red Bull dazu. Europareisen werden sau billig und für die Kulturstadt Wien ist das sicher kein Nachteil.

  2. Heinrich Elsigan 29. Oktober 2012 at 17:09 #

    Die Telekom wurde schon abgewirtschaftet, wahrscheinlich auch ausgeraubt!
    Telekom, Eigenkapitalentwicklung:
    2006: 2.823 Mio.
    2007: 2.565 Mio.
    2008: 2.155 Mio.
    2009: 1.614 Mio.
    2010: 1.477 Mio.
    2011: 883 Mio.

    In 5 Jahren das Unternehmen um satte 2.000 Mio. Euro geschädigt!

    Da gibt es eine Masse an komischen Geschäften und weiß noch über einige mehr!

  3. Heinrich Elsigan 29. Oktober 2012 at 08:25 #

    Aus den Augen aus dem Sinn,
    die junge Industrie hält nicht sehr viel von Diskurs und Pressefreiheit, da sie scheinbar gerne Zensur und Inquisition mag.
    Wer hat uns verraten?
    Sozialdemokraten!
    Und wer war dabei?
    Die Volkspartei!

  4. Sozialdemokrat 26. Oktober 2012 at 18:13 #

    PS:

    Der Satz im Kommentar oben soll richtig
    „Denn: Schulden kann man ja nur mit einer Enteignung oder mit Wirtschaftswachstum durchsetzen.“ soll richtig „Schulden kann man ja nur mit einer Enteignung oder mit Wirtschaftswachstum abbauen.“ heißen.

  5. Sozialdemokrat 26. Oktober 2012 at 18:05 #

    Wenn Österreich jetzt, um Länder wie Griechenland zu entlasten, mehr importieren als exportieren soll, soll sich dann Österreich mehr verschulden (noch mehr!?)?

    Wenn ich den Text richtig verstanden habe, müssen sich Länder, die mehr importieren als exportieren, ja verschulden.

    Ich bin beim Thema Schulden sehr konservativ. Ich glaube nicht, auch wenn ich links bin, an die segensreiche Wirkung von Schulden. Denn: Schulden kann man ja nur mit einer Enteignung oder mit Wirtschaftswachstum durchsetzen. Enteignungen sind menschenrechtlich nur dann gerechtfertig, wenn sie notwendig sind, damit andere Menschenrechte (z.B. das Menschenrecht auf soziale Sicherheit) gesichert werden können. Für die Lösung Schuldenreduktion mittels Wirtschaftswachstum (= mehr Staatseinnahmen durch Wirtschaftswachstum, die für den Schuldenabbau verwendet werden) bin ich nur dann, wenn es tatsächlich so ist, dass man die Wirtschaft wachsen lassen kann und dabei die Umwelt ausreichend schützen kann. Sind ausreichend Umweltschutz und Wirtschaftswach vereinbar oder ist, um die Umwelt ausreichend zu schützen, weltweit nicht sogar ein Rückgang des BIP notwendig?

  6. Heinrich Elsigan 20. Oktober 2012 at 04:10 #

    Ich stimme zu, dass die Wirtschaften ausgeglichener sein müssten. Das Problem, dass ich in dem Beispiel sehe ist der Export und Import aus der €-Zone nach USA und China heraus. Durch die Krise wurde der € im Vergleich zum $ wieder etwas weniger stark und dadurch wurde die Nachfrage nach deutschen Produkten in den USA und auch in Asien (weil ja durch steigen des $ und sinken des € für die Asiatischen Länder auch deutsche Produkte billiger zu amerikanischen werden).
    Jetzt brauchen oder wollen wir viele Importwaren von Übersee (ganze Technik, Rohstoffe, Kleidung, …)
    Steigen die Löhne in Deutschland und Österreich, dann können diese Produkte nicht mehr so gut exportiert werden (wegen Teuerung) aber die Nachfrage nach Importen bleibt.
    Und da sehe ich das Problem.
    Wenn Europa eine Insel wäre und sich rein selbst versorgen würde, was es nicht in der Form kann, dann würde ich zustimmen.

  7. Albrecht Karlusch 20. Oktober 2012 at 00:48 #

    Herzlichen Dank fürs Kommen!
    Auch wenn natürlich unterschiedliche Meinungen und Zugänge aufeinander getroffen sind waren deine Inputs und Ansichten zum Teil durchaus inspirierend.. Sehr geschätzt hab ich, deinen, auch im Arbeitskreis, offenen, demokratischen und respektvollen Umgang und ich hoffe, dass Du auch uns als konstruktiv und zukunftsorientiert erleben konntest. Viel Erfolg für deine Zukunft!

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  1. Verstehst du die Wirtschaft? | he23@area23 Blog - 6. Dezember 2012

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