Die ignorierten Erkenntnisse des IWF

Die jüngsten Publikationen des Internationalen Währungsfonds (IWF, World Economic Outlook, Global Financial Stability Report, jeweils vom Oktober 2012) enthalten einige wichtige Erkenntnisse für die Europäische Wirtschaftspolitik. Leider sind sie in der öffentlichen Wahrnehmung etwas zu kurz gekommen.

Dominik Bernhofer*

Hier eine Kurzfassung der drei wichtigsten Punkte:

  1. Die negativen BIP-Effekte der Budgetkonsolidierung sind stärker als bisher angenommen. Während bisherige IWF-Prognosen von einem Multiplikator von 0,5 ausgegangen waren, scheint er seit der Krise zwischen 0,9 und 1,7 zu liegen. Ein Multiplikator misst – vereinfacht gesprochen – wie stark das BIP infolge einer Budgetkonsolidierung zurückgeht. Ein Multiplikator von 0,5 impliziert dass das jährliche BIP-Wachstum um 0,5 Prozentpunkte zurückgeht, wenn das Defizit um 1 Prozentpunkt verringert wird. Je höher der Multiplikator desto höher der Wachstumseinbruch, bei Multiplikatoren von > 1 spricht man von „keynesianischen Effekten“ der Fiskalpolitik. Kurz gesagt: Sparen ist schlecht für die Wirtschaft. Die Erkenntnisse sind nicht nur von akademischer Bedeutung, sie haben auch wichtige Implikationen für die Europäische Wirtschaftspolitik. IWF-Chefin Christine Lagarde empfiehlt längere Übergangsfristen für die Budgetkonsolidierung, ein Vorschlag den kürzlich auch Bundeskanzler Werner Faymann aufgegriffen hat. Bei Portugal ist das bereits geglückt: Beim letzten Treffen mit der Troika wurde eine Erhöhung des angepeilten Defizits auf 5% (2012, vormals 4,5%) und 4,5% (2013, vormals 3%). Es wird zunehmend deutlich dass für ein tragfähiges Wirtschaftsmodell in der Europäischen Peripherie auch Investitionen in die Zukunft notwendig sind.
  2. Der Kapitalabfluss aus Italien und Spanien hat sich weiter verstärkt. Alleine zwischen Juni 2011 und Juni 2012 haben EUR 235 Mrd. (15 % des BIP) bzw. EUR 296 Mrd. (27 % des BIP) die Länder verlassen. Für die gesamte Peripherie (Griechenland, Irland, Portugal, Italien, Spanien) ergeben sich kumulierte Abflüsse pro Jahr von im Schnitt mehr als 10% des dortigen BIPs seit Ende 2009. Das betrifft nicht nur die Staatsschulden, auch Unternehmen und private Haushalte haben mit den teuren Kreditkosten zu kämpfen. Für einen mehrjährigen Unternehmenskredit, für den man in Österreich aktuell etwa 3-4% p.a. zahlen würde, müssen Unternehmen in der Peripherie meist das Doppelte zahlen. Gleichzeitig ziehen Vermögende ihre Spareinlagen ab, ein Phänomen das vor allem in Griechenland zu beobachten ist. Die Kapitalabflüsse verschlimmern die wirtschaftliche Situation in diesen Ländern. Konsolidierung und strukturelle Reformen haben nicht zur erhofften Rückkehr des Marktvertrauens geführt, nun ist Europäische Solidarität gefragt. Der IWF macht deutlich dass nur weitere Schritte in Richtung einer fiskalischen und politischen Integration den Kapitalabfluss stoppen können. Bisher erreichte Veränderungen wie der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) oder die gemeinsame Europäische Bankenaufsicht (SSM) sind zu wenig.
  3. Die Finanzkrise hat das Wachstumspotential der entwickelten Volkswirtschaften nachhaltig beschädigt. Anhand der wichtigsten Produktionsfaktoren (wie Kapital, Arbeit und Technologie) berechnet der IWF das maximal mögliche reale Wachstum einer Volkswirtschaft. Die aktuellen IWF-Schätzungen liegen fast durchwegs 1 Prozentpunkt unter den Berechnungen von vor der Krise (April 2007). Für Frankreich und Italien deuten sie sogar auf Stagnation hin, lediglich Deutschlands Potential (1,4% pro Jahr) bleibt unverändert. Der wesentliche Grund ist Hysteresis, ein volkswirtschaftlicher Begriff der die Auswirkungen kurzfristiger Nachfrageprobleme auf das langfristige Wachstumspotential beschreibt. Die Intuition ist einfach: Die Sparprogramme in den Krisenländern lassen die dortige Binnennachfrage dramatisch einbrechen. Das hat Auswirkungen auf die lange Frist: Entnervte Arbeitskräfte verlassen den Arbeitsmarkt (weil sie irgendwann die Hoffnung aufgeben Arbeit zu finden), Investitionen in Kapital und Technologie sinken (weil die Unternehmen von Unterauslastung, Unsicherheit und Kreditklemme geplagt werden). Bei einer Arbeitslosenrate jenseits der 10%-Marke deuten diese Wachstumsperspektiven auf eine Intensivierung der Verteilungskonflikte hin. Es ist fraglich ob die europäische Sozialdemokratie ausreichend auf ein derartiges Szenario vorbereitet ist.

Die genannten Punkte sind eng verwoben und nur ein kleiner Auszug der interessanten Expertise des IWF. Nachdem in der Krise auch viel über das Versagen der Volkswirtschaftslehre als Disziplin gesprochen worden ist, ist diese Forschungsleistung ein positives Moment. Die Frage ist was wir politisch daraus machen!

 

*Wie bei allen Artikeln am Blog der Sektion 8 handelt es sich um die persönliche Meinung des Autors. Offizielle Standpunkte der Sektion finden Sie auf unserer Homepage.

3 Responses to Die ignorierten Erkenntnisse des IWF

  1. Heinrich Elsigan 16. November 2012 at 03:27 #

    Griechenland:
    Die Sparprogramme schlugen deshalb fehl,
    weil immer zuerst Steuer einnahmenseitig bei der Bevölkerung
    und nie beim Staat gespart wurde.
    In Griechenland wurden erstmals Steuern effizient eingetrieben,
    Reiche flüchteten ins Ausland
    und Kleinunternehmer waren unerwartet damit konfrontiert.
    Dann wurde bei den unteren Beamten gespart
    und zuletzt wurde eine Steuersünderliste fast durch Polizei und Justiz noch beschlagnahmt.

    Zuerst hätte die Korruption bekämpft gehört
    und von den Reichen Steuer eingetrieben,
    dann bei den teuren Beamten gespart,
    dann nur ein wenig bei den kleinen Beamten
    und zuletzt bei korrekten Unternehmern der Real-Wirtschaft,
    sowie bei Angestellten und Arbeitern.
    Da bei uns auch die Beamten Null Bock auf Nulllohnrunde haben,
    während Arbeiter schon dankbar über Kurzarbeit ohne Kündigungen sind,
    ist das Problem leicht zu erkennen!

  2. Heinrich Elsigan 13. November 2012 at 14:18 #

    Die Sparprogramme schlugen deshalb fehl,
    weil inner zuerst Steuer einnahmenseitig bei deer Bevölkerung and nie beam Staat gespart wurde. In Griechenland sudden erstmals Steuern wirklich effizient eingetrieben,
    Reiche flüchteten ins Ausland und Kleinunternehmer warden unerwartet damit konfrontiert.
    Dann wurde bei den unteren Beamten gespart and zuletzt wurde eine Steuersünderliste fast durch Polizei und Justiz noch beschlagnahmt.
    Zuerst hätte die Korruption bekämpft gehört,
    dann bei den teuren Beamten gespart,
    dann win wenig bei den Kleinen
    und dann bei der Wirtschaft.
    Da bei uns auch die Beamten „Null Bock auf Nulllohnrunde“ haben,
    während Arbeiter schon dankbar über Kurzarbeit ohne Kündigungen sind,
    ist das Problem leicht zu erkennen!

  3. Sozialdemokrat 26. Oktober 2012 at 19:49 #

    Auch wenn der Kommentar nicht auf den Inhalt dieses Textes abzielt, will ich ihn trotzdem abgeben:

    Ich habe den Eindruck, dass hier fast nur Artikel abgegeben werden, die sich mit Österreich und Europa befassten (auch von der Sektion 8 habe ich den Eindruck, dass sie sich fast nur mit Österreich und Europa befasst).

    Ich erhoffe mir von jeder sozialdemokratischen Organisation sozialdemokratische Antworten darauf, wie man allen Menschen auf der Welt ein Leben frei von Armut ermöglichen kann, weltweit soziale Gerechtigkeit ermöglichen kann und wie man weltweit ausreichend die Umwelt schützen kann.

    Dass die sozialdemokratie keine kontinentale oder gar nationale, sondern eine internationale Bewegung ist, haben leider die meisten sozialdemokratischen Organisationen in den letzten Jahren vergessen. Es sollen sich wieder alle sozialdemokratischen Organisationen (Parteien, Sektionen, …) darauf besinnen, dass die Sozialdemokratie eine internationale Bewegung ist!

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