Frauen vor! Aber wie?

Wie können Politikerinnen in der Öffentlichkeit bestehen? In ihrem kürzlich erschienenen Buch Das Ende der Krawattenpflicht nehmen sich Barbara Blaha und Sylvia Kuba diese Frage gründlich vor. Besonders erfrischend: Sie geben handfeste Hinweise, wo der Weg zur gleichberechtigten politischen Teilhabe von Frauen und Männern liegt.

Buchrezension von Eva Maltschnig

Dem internationale Frauentag wohnt ein immanentes Frustrationspotential inne: Jedes Jahr zeigt sich an diesem „Stichtag“ erneut, wie bescheiden es noch immer um soziale Rechte, gesellschaftlichen Status und politische Teilhabe von Frauen steht.

Wer sich mit Geschlechterpolitik auseinandersetzt, benötigt also Durchhaltevermögen und Begeisterung. Barbara Blaha und Sylvia Kuba haben mit ihrem pünktlich zum internationalen Frauentag 2012 publizierten Buch bewiesen, dass es ihnen daran nicht mangelt. Mit Akribie und dem richtigen Riecher für die relevanten Fragen lassen sie in Das Ende der Krawattenpflicht keinen Themenbereich aus. Und den Autorinnen ist es gelungen, einen frischen Blickwinkel auf diese alte Debatte zu eröffnen. Die Kombination aus fundierter Literaturanalyse, aktuellen Zahlen und einer Vielzahl an konkreten Beispielen macht das Buch so lesenswert.

Beispielhaft

So zeigen die Autorinnen nicht nur empirisch und theoretisch, wie (körper)sprachliche Inszenierung funktioniert. Wir sehen auch, dass sich Carla Bruni duckt, um Nicholas Sarkozy am Pressefoto nicht zu überragen. Wir lernen nicht nur, dass Politikerinnen als personifizierter „frischer Wind“ gut positioniert werden können, sondern staunen über Ségolène Royal: Sie wurde trotz 25 Jahren Politikerfahrung als Newcomerin perzipiert, denn sie passte ja qua Geschlecht nicht zur alteingesessenen Politik-Elite. Und während wir uns über die drastische Unterrepräsentation von Frauen in der Kommunalpolitik entsetzen, erklären Blaha und Kuba anhand von Studien, warum Bürgermeister-Kandidatinnen oft auf bereits verlorenem Posten kämpfen. Auch die Tatsache, dass Angela Merkel gleichzeitig zu wenig weiblich und zu weiblich sein kann, macht nach den Ausführungen zum „double-bind“ Sinn: „Femininen“ Frauen wird ein Mangel an Fähigkeiten unterstellt, doch wer diesem Rollenbild nicht entspricht, ist als Mannsweib genauso unwählbar.

Die Autorinnen spannen in ihrem Buch einen weiten Bogen. Sie schreiben über die aktuelle Lage von Frauen in der Politik, die Ursachen ihrer Unterrepräsentation, wo Geschlechterstereotype herkommen und warum sie Politikerinnen das Leben schwer machen, wie Medien diese komplizierte Situation katalysieren und welche Dynamiken sich bei Wahlen von Kandidatinnen entfalten. Diese Breite ist nötig, um dem Thema gerecht zu werden, denn die Problemlagen sind so multidimensional wie die Lösung herausfordernd. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Debatte um gleichberechtigte politische Teilhabe im Netz, die auch hier auf diesem Blog geführt wurde. Auch progressive politische Gruppen wie die Sektion 8 müssen laufend an Gleichberechtigung arbeiten, besonders für sie ist die Krawattenpflicht Pflichtlektüre. Denn guter Wille allein reicht nicht, um Frauen nach vorne zu bringen. Blaha und Kuba schlagen dafür andere Strategien vor.

Wege aus dem double-bind

Elternschaft (nicht Mutterschaft) und politisches Engagement vereinbar zu machen, ist für die Autorinnen ebenso ein Fazit ihrer Analyse wie die Einführung verpflichtender Frauenquoten in der Politik. Allerdings weisen sie darauf hin, dass Quoten alleine noch keine gleichberechtigte Machtverteilung garantierten – das Pochen auf demokratische und sichtbare Entscheidungsstrukturen ist notwendig, um Packelei in informellen Männer-Machtzirkeln zu verhindern. Strategien zur Gleichberechtigung müssen „Spuren in der politischen Kultur und im Regelwerk hinterlassen“. Mit Frauen-Lobby-Organisationen nach U.S.-amerikanischen Vorbild, der Entwicklung von „Prestige-Ankern“, also der gezielten Ausbildung und Positionierung von Frauen als Expertinnen in bestimmten Themenbereichen, sowie persönlicher Back-Up Systeme, in denen sich Frauen gegenseitig stärken können, schlagen sie weitere konkrete Maßnahmen vor.

Die Krawattenpflicht drückt sich nicht um die Frage, wie Veränderung zu schaffen ist, und das ist die große Stärke dieses Buches. Auch seine inhaltliche Breite macht es lesenswert – das zeigt sich beispielhaft auf der Website der Publikation. Wichtige Links aus den Fußnoten werden hier der LeserInnenschaft  zum weiterschmökern aufbereitet (endlich ein sinnvoller Umgang mit Internetquellen!). Die offizielle Buchpräsentation am 20. März sollten sich also weder Geschlechterpolitik-Neulinge, noch geübte Feministinnen entgehen lassen – hier wartet ein hochgradig brauchbares Buch darauf, gelesen und diskutiert zu werden.

Barbara Blaha und Sylvia Kuba, Das Ende der Krawattenpflicht. Wie Politikerinnen in der Öffentlichkeit bestehen (Wien: Czernin Verlag, 2012)

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2 Responses to Frauen vor! Aber wie?

  1. punto 1. November 2013 at 16:49 #

    Frauen vor! Aber wie?

    Weg mit der Quote, die nur Unqualifizierten von Vorteil ist.
    Dafür jede Form der Förderung, durch die die Qualifikation gehoben wird.
    .
    Und natürlich beides für beide Geschlechter.
    .
    Der nächste Schritt wäre eine eine in sich geschlossene, glaubwürdige Politik für alle Österreicher, ohne Unterschied. Innerhalb der Partei und dort wo wir politisch gestalten.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Lesetipp | Eva Maltschnig's Blog - 13. März 2012

    […] hab am Blog der Sektion 8 darüber geschrieben, warum alle unbedingt das neue Buch von Barbara Blaha und Sylvia Kuba lesen […]

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