Leseliste #1: Politik der Paranoia

In der neuen Serie „Leseliste“ werden wir hier in unregelmäßigen Abständen Bücher vorstellen. Diesmal: Robert Misiks „Politik der Paranoia“

Jakob Huber

Robert Misik nimmt sich in seinem jüngsten Buch viel vor, nichts weniger als die „neokonservative Ideologie ins Museum der großen Irrlehren“ zu schicken. Der Zeitpunkt für so einen Versuch könnte nicht besser gewählt sein. Wobei der Zusammenbruch des neoliberalen Kartenhauses für Misiks Abrechnung nicht einmal notwendig ist – er setzt sich mit dem Neu-Konservativismus an seinem Höhepunkt auseinander. Vielmehr macht der Zusammenbruch so ein Plädoyer erst so richtig notwendig und auf eine eigenartige Weise erst praktisch relevant. Damit nämlich tatsächlich eine neue Ära eintritt, müsse nämlich „auf jedem Politikfeld deutlich werden, dass die progressiven Konzepte und Ideen die besseren, realitätstauglicheren, gerechteren und menschenfreundlicheren Konzepte sind„, und dazu will Misik einen Beitrag leisten. Es geht also darum, den Neoliberalismus nicht nur an seinem wirtschaftspolitischen Scheitern zu messen, zu kritisieren, zu verurteilen und (hoffentlich) zu überwinden, sondern auch die „gesellschaftspolitische“ Seite der neoliberalen Medaille zu diskreditieren. Ein Blick auf den Krisendiskurs (Wie können BankerInnen wieder Vertrauen gewinnen? Wie beleben wir die Konjunktur? Wie sichern wir Arbeitsplätze?) reicht, um zu erkennen: So werden wir den Neoliberalismus nicht hinter uns lassen.

Sein bevorzugtes Werkzeug ist es, die Widersprüche und damit Unzulänglichkeiten des Neo-Konservativismus aufzuzeigen. Diesen begreift er als heterogenes „weltanschauliches Knäuel“ von neoliberalen Marktradikalen bis zu neu-bürgerlichen Spießern, von islamophoben Rechtspopulisten bis zu jenen, die die Dekadenz der Moderne beklagen. Sie lieben die kapitalistische Konsumkultur, aber jammern über die Auswüchse des Hedonismus. Sie verstehen sich selbst als einzig-fähige Elite, entdecken aber den „kleinen Mann“ für sich. Wettbewerb und Egoismus als Tugend sind ihnen heilig, aber dass im Bus niemand mehr für Oma aufsteht, steht für den moralischen Verfall. Sie lobpreisen die Familie – außer es ist eine türkische Großfamilie…

Misik bleibt seinem spitzen Stil treu und begnügt sich nicht damit, Widersprüche einer „krausen, grotesk unlogischen politischen Philosophie“ zu zeigen. Er setzt neben gut verständlichen philosophischen Giftpfeilen auch auf kurzlebige Ausflüge in Geschichte, Soziologie, Ökonomie, Kunst- und Medienlandschaft. Misiks Schlussfolgerung: „Die neuen Konservativen geben in praktisch jedem Fall die falschen Antworten: Berufstätige Frauen beschimpften sie als maskulinisierte, egoistische Emanzen, qualitativ hochstehende Kinderbetreuungseinrichtungen werden als Insitutionen zur ‚Verstaatlichung der Kinder‘ verächtlich gemacht, Anstrengungen zur Garantie gleicher Lebenschancen werden als ‚Gleichmacherei‘ verschrien und ein Steuersystem, das dazu dient, das Geld für all die notwendigen staatlichen Ausgaben bereit zu stellen, wird als ‚konfiskatorisch‘ kritisiert. Jeder einzelne Vorschlag der Konservativen ist schädlich – und zwar für so ziemlich jeden von uns.

Angenehm ist, dass Misik auch die Progressiven immer wieder an denselben Maßstäben misst. Misiks Plädoyer gegen den Neo-Konservatismus ist auch ein überzeugendes Plädoyer für eine Re-Politisierung der Gesellschaft im Allgemeinen und die sozialdemokratischen Grundwerte Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert im Speziellen. Kann sein, dass Grüne und andere nicht-sozialdemokratische Progressive Misik anders lesen – das ist aber meines Erachtens egal, so lange sie ihn lesen.

Misik schließt mit einem Appell an die progressiven Parteien: Sie brauchen neuen Elan, es hängt an ihnen (also uns), denn „die gesellschaftliche Basis – also Menschen, die bereit wären, sich zu engagieren – gibt es und ebenso die Ideen, die nötig sind um eine neue Ära zu prägen. Yes, we can.

Wer die Weltwirtschaftskrise verstehen will, ist bei Misik falsch. Wer über die gesellschaftlichen Ursachen, Folgen und Alternativen lesen will, findet am Vorabend der Ära Obama eine spannende Interpretation der Welt, wie wir sie kannten und wie sie werden könnte. Und wer Misik’s Blog regelmäßig liest, kann sich auf ein geschlosseneres, umfassenderes und tiefergehendes Lesevergnügen freuen, als es im dort möglich ist.

Robert Misik: Die Politik der Paranoia – Gegen die Neuen Konservativen
Aufbau Verlag, 202 Seiten
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Trackbacks/Pingbacks

  1. Jakob Huber’s Blog » Nachgereicht: Politik der Paranoia - 8. März 2009

    […] Ebenfalls für die Sektion 8 habe ich diese Lese-Empfehlung für Robert Misik’s jüngsten Buch… […]

  2. Lesenswert (1): Misik - Politik der Paranoia - 8. Februar 2009

    […] Rezension auch auf sektionacht.at […]

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