Vom Brücken Bauen und vom Brücken Einreißen

Ein offener Brief von Sektion 8 Aktivistin Lea Six an den neuen Wiener SPÖ Vorsitzenden Michael Ludwig, nachdem dieser dem Krone Kolumnisten Jeannee seine Aufwartung zum 75. Geburtstag gemacht hat.

Lieber Michael Ludwig,

als am Landesparteitag Jan Krainer verkündete, dass die Delegierten des LPT Dich zum neuen Parteivorsitzenden gewählt haben, war ich zugegebenermaßen keine derjenigen, die laut jubelnd aufgesprungen sind. Doch ich habe Dir aufmerksam zugehört, bei Deinen Reden am LPT selbst, aber auch schon zuvor beim Hearing der beiden Kandidaten. Du sprachst viel davon, dass Du ein Brückenbauer sein willst, dass Du Brücken schlagen willst und auch diejenigen von Deinen Qualitäten überzeugen willst, die Dich bei der Wahl zwischen zwei sozialdemokratischen Kandidaten nicht gewählt haben. Dass Du ein Kandidat sein willst, hinter dem sich die gesamte Wiener SPÖ versammeln kann. “Gut”, dachte ich mir, “ich bin gerne bereit, mich überzeugen zu lassen, warten wir einmal ab, was jetzt, wo die Zeit des parteiinternen Wahlkampfs vorbei ist, passiert.”

Ich habe den Eindruck, dass viele Genossinnen und Genossen es leid sind, jeden Tag aufs Neue von (wahren oder auch nur vermeintlichen) parteiinternen Intrigen in der Zeitung zu lesen. Ich glaube, dass wir uns alle miteinander nichts mehr wünschen würden, als gemeinsam das Bollwerk gegen Schwarz-Blau zu sein, als das sich das rote Wien ja so gerne sieht.

Leider ist mein Zeitungskonsum seit dem LPT nicht angenehmer geworden. Die Berichte über die “geschlagene Partei-Elite rund um Schieder” konnte ich mir noch durch das Eigeninteresse des Boulevards erklären. Doch als ich Dich in der Dienstag-Abendausgabe der Kronenzeitung entdeckte – herzlich lachend zwischen Christoph Dichand und Michael Jeannee, aufgenommen auf der Geburtstagsfeier des Letztgenannten, wurde mir ganz anders.

Blicken wir doch kurz auf die bekannten und einige der weniger bekannten Ausflüsse des Krone-Kampfschreiberlings Jeannee zurück:

  • Im August 2009 schrieb Jeannee in seiner Kolumne „Post von Jeannée“, nachdem ein 14-jähriger Einbrecher von einem Polizisten durch einen Schuss in den Rücken tödlich verwundet wurde: „Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben.”(Quelle  zb hier)
  • Am 30. November 2012 forderte Jeannee die Absetzung des Kurier-Chefs Helmut Brandstätter, und zwar mit folgenden Worten, die er an Aufsichtsratsvorsitzenden Christian Konrad richtete: „Unter uns Jägern, lieber Herr Konrad: Hegeabschuss (Brandstätter) überfällig!” (Quelle: Presserat)
  • In einem Artikel vom 11. Mai 2014 beleidigte Jeannee zwei unserer GenossInnen aufs Übelste: Er bezeichnete  den EU-Abgeordneten Eugen Freund und die damalige Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek als „Polit-Furunkel“ (Quelle: Presserat )
  • Jeannee zeigt immer wieder seinen Hang zum Rassismus, so erklärte er seinen Erfolg als Auslandsreporter derart: „Das war halt dann meine Stärke, den Neger zu finden, der ein Telefon hat.“ (Quelle zB hier)
  • Jeannee scheut es nicht, an Nazidiktion anzustreifen, so brach die Begeisterung für das deutsche Fußballteam im Juli 2014 derart aus ihm heraus: “Seine deutschen Tugenden in elf Sportlern. Daher: Heute die Brasilianer und morgen die ganze Fußballwelt. Mit einem Endspielsieg in Rio” (Quelle zB hier )

In der jüngeren Vergangenheit hörte man von Jeannee beispielsweise folgendes:

  • Selbst der Krone dürfte es zu brenzlig geworden sein, als sich Jeannee mit Dustin Hoffmann solidarisch erklärte nachdem sich dieser mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung konfrontiert sah, und druckte die angekündigte Kolumne nicht ab. Laut Kurier-Bericht  bezeichnete Jeannee in der nicht gedruckten Kolumne Hoffman als “Opfer des absurden, grindigen, grotesken Weinstein-Fiebers”. Und weiters berichtet der Kurier: Jeannee nun „freut“ sich, dass Hoffmann und er etwas „gemeinsam haben“: Denn auch der Krone-Kolumnist hat eine „(allerdings schmunzelnde) Erinnerung“ daran, dass er 1968 „eine 17-jährige Sekretärin mit wunderschönen Händen um eine Fußmassage bat. (Quelle: Kurier)
  • Im Wahlkampf im Oktober 2017 adressiert Jeannee unseren Parteivorsitzenden Christian Kern folgendermaßen: “Die Vorstellung, dass Sie die Nationalratswahl 2017 doch noch gewinnen könnten, dass der Bundespräsident Sie mit der Bildung der Regierung beauftragen könnte […] diese Vorstellung hat mich die letzten Tage buchstäblich krank gemacht.”(Quelle: Printausgabe der Krone, 16.10.2017)
  • Einen Innenminister Kickl hingegen begrüßt Jeannee am 19.Dezember derart: “Abendland in Christenhand – was sonst” und beendet seinen Kommentar mit “Unser Land in Kickl Hand – war hoch an der Zeit” (Quelle: Printausgabe der Krone, 19.12.2017)

Diese Liste an Grauslichkeiten ließe sich wohl noch beliebig fortsetzen – man bräuchte nur die Zeit, um in den Archiven zu wühlen. Doch auch abseits dieser Beispiele  ist jeder Leserin und jedem Leser von Jeannees Kolumne seine immer wiederkehrende Abneigung gegen “Linke“, „Linkslinke“, „die Gutmenschen-Baggage“ und „Sozis” bewusst, denn Jeannee macht keinen Hehl daraus.

Nun frage ich Dich, lieber Michael Ludwig, gerade heraus: Was machst Du auf der Geburtstagsfeier von jemandem, der unsere gemeinsamen sozialdemokratischen Werte derart mit Füßen tritt? Warum jemanden auf dessen Feier “beehren” (denn so nennt man das Teilnehmen an einer Feier gerne), der so viele Genossen und ganz besonders Genossinnen öffentlich beschimpft und verhöhnt hat? Dass Du mit Jeannee auf seiner Geburtstagsfeier eine Diskussion zu seiner Weltanschauung geführt hast, wage ich zu bezweifeln. Ich sehe jedoch in der Zeitung, dass es für ein nettes Erinnerungsfoto gereicht hat.

Beim ersten Hearing wurde Dir die Frage nach einer Medienpolitik à la “Kein Geld für Hetze” gestellt, die Du derart beantwortet hast: “Rassismus ist natürlich immer abzulehnen, egal ob in Medien oder in Politik, aber eine offensive Diskussion mit Medienvertretern ist notwendig”. Ich verstehe selbstverständlich die Notwendigkeit eines professionellen Austauschs mit JournalistInnen, auch wenn diese persönlich andere als sozialdemokratische Ansichten vertreten. Doch zwischen professionellem Austausch und “Sich-Verhabern” ist ein großer Unterschied.

57% der Delegierten haben Dich am LPT gewählt, 43% hätten einen anderen Kandidaten präferiert. Wie Du selbst erkannt hast, ist es nun mitunter Deine Aufgabe, auch das Vertrauen dieser 43% zu gewinnen. Oder wie Du so schön in Deinem Gastkommentar “Brücken schlagen” in der Krone zwei Tage nach dem LPT schreibst: “Ein sozialdemokratisches Wien der Zukunft wird es nur dann geben, wenn wir – insbesondere wir in der Sozialdemokratie – jetzt alle unsere Kräfte bündeln.“ Es liegt an Dir zu entscheiden, zu wem du Brücken schlägst und wo Du Brücken hinter Dir abbrichst, sodass wir für die Zukunft unsere Kräfte gemeinsam bündeln können.

One Response to Vom Brücken Bauen und vom Brücken Einreißen

  1. Christian Höfer 12. Februar 2018 at 19:41 #

    Werte Lea Six,

    Danke für diesen gut formulierten offenen Brief an Michael Ludwig. Ich habe ähnliches empfunden als ich die Bilder auf Facebook&Krone gesehen habe. Es geht einfach nicht, dass der zukünftige BM sich dem Boulevard anbiedert. Danke auch für den Aufwand die Grauslichkeiten im Archiv rauszusuchen. Ich hätte die Hälfte schon wieder vergessen. mit freundschaftlichen Grüßen

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