Links der Woche – KW 40

Tolle Kommentare zum Aufstieg der FPÖ und dem reziproken Niedergang der SPÖ gab es letzte Woche in der Wiener Zeitung und im Standard. Georg Herrnstadt widerspricht der Behauptung, der Wohlstand mache die Menschen hartherzig. „Das Gegenteil ist wahr: Armut macht hart. Ein Viertel der Österreicher wird von Jahr zu Jahr de facto ärmer.“ Rechts wählt, wer links liegengelassen wird. FPÖ-Stimmen entstehen, so gesehen, nicht aus der Niedertracht, sondern aus dem Nachteil: „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.“ In der Wiener Zeitung kann man bei den Rezepten gegen den Rechtspopulismus nachlesen, dass es einige gäbe und wir nach keinem davon kochen. Auch hier ist der Tenor eindeutig: Gute Politik schützt am besten vor Rechts.

Außerdem: Armin Thurnher zu Demografie, der Politikwissenschafter Andrew Moravcsik über Rollen in der Familie und eine Erinnerung an die Aufdeckung der SS-Vergangenheit des FPÖ-Politikers Friedrich Peter durch Simon Wiesenthal und die Reaktion der österreichischen Öffentlichkeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Ungleichheit, Gleichberechtigung und Verteilungsgerechtigkeit

Die preisgekrönte, 2013 erschienene Dokumentation „Inequality for all“ ist vorübergehend frei auf youtube verfügbar und wird längerfristig bei freedocumentaries zu sehen sein. Darin diskutiert der Ökonomie-Professor Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister unter Bill Clinton, die Auswirkungen der immer extremer werdenden ökonomischen Ungleichheit auf Wirtschaft und Demokratie, indem er solche Sachen sagt: „When somebody calls himself a job creator, they’re not describing the economy or how the economy works, although that’s what it sound’s like. What they are really doing is making a claim on status, privileges and power.“

Anne-Marie Slaughter ist der weibliche Teil des Power-Pärchens Anne-Marie Slaughter und Andrew Moravcsik; sie ist Princeton-Professorin und vormals leitende Angestellte im amerikanischen Außenministerium. Andrew Moravcsik ist auch nicht irgendwer, aber seine Frau ist tatsächlich ein größeres Kaliber. Er weiß das, und hat im Atlantic nun einen persönlichen Artikel über ihre Beziehung und jeweiligen Karrieren geschrieben, in dem er sich als Hauptverantwortlicher für die beiden Kinder outet. Sein Artikel ist gewissermaßen eine Antwort und Fortsetzung auf jenen seiner Frau im selben Heft vor drei Jahren: in ‚Why Women Still Can’t Have it All‘ sprach damals Anne-Marie Slaughter offen aus, dass selbst mit ihren Ressourcen und Möglichkeiten die Vereinbarkeit von Kind und Karriere nur schwer herzustellen ist. Frauen, die Spitzenberufe und Kinder unter einen Hut bringen, sind entweder reich, selbstständig oder Übermenschen, sagte sie damals. Für alle anderen ist es höchste Zeit, mit diesem Märchen aufzuhören.

Ideologie und Geschichte

Georg Herrnstadt versucht sich in einem fulminanten Kommentar der Anderen im Standard an einer Erklärung, warum gerade ArbeiterInnen zur FPÖ tendieren.

Geht man ideologisch lange genug nach links, kommt man rechts raus, und umgekehrt. In Frankreich sind eine Reihe einstiger linker Intellektueller auf den Front National eingeschwenkt. Die taz berichtet darüber.

Peter Michael Lingens im Profil über den Beitrag Bruno Kreiskys zur Sozialisierung der FPÖ: „Indem er [Bruno Kreisky] mit ihr eine De-facto-Koalition einging, hauchte er der FPÖ neues politisches Leben ein. In die Minderheitsregierung, die sie ihm im Tausch gegen eine Wahlrechtsreform ermöglichte, berief er – man könnte fast sagen „programmatisch“ – vier ehemalige Nationalsozialisten, darunter einen SS-Mann, zu Ministern.“

Vor 40 Jahren deckte Simon Wiesenthal die SS-Vergangenheit des FPÖ-Obmanns Friedrich Peter auf. Seine Einheit hatte an Massenerschießungen hinter der Front teilgenommen. Kreisky und beinahe die gesamte österreichische Öffentlichkeit reagierten mit Unverständnis und attackierten nicht Peter, sondern Wiesenthal: der Standard erinnert sich und uns.

In einem Kommentar in der Wiener Zeitung von Solmaz Khorsand kommen Politikwissenschaftler mit Rezepten zum Thema Rechtspopulismus und dem masochistischen Umgang mit der FPÖ zu Wort:“ Je höher die Zahl, desto größer der Schauder.“ Nutzen habe das keinen: „Ihnen mit moralischer Empörung und Betroffenheit zu kommen, ist kontraproduktiv.“ Und: „Wer potenziell rechtsextreme Wählergruppen beschämt, verstärkt ihre Ressentiments“; „sich ihnen mit voyeuristischer Lust anzunähern, sie Woche für Woche auf das Cover zu tun und mit einer gewissen „Lust am Untergang“ – wie es Politologe Hofer bezeichnet – vor ihnen zu warnen“ bringt auch nix. Das empfehlen die Experten: „Wer sie vor ihren (potenziellen) Wählern bloßstellen will, muss sich sachlich mit den Protagonisten auseinandersetzen und ihre Argumente einzeln zerpflücken. Solange bis klar ist, dass hinter jeder Parole nicht mehr steckt als billiger Stimmenfang auf Kosten von jenen „da unten.“ Dafür müssen alle wieder auf Ideologie setzen, auch wenn das bei vielen verpönt ist: “ Zu pathetisch. Zu ideologisch. Zu emotional. „Viele Politiker behaupten, dass es besser ist, pragmatisch zu sein“, sagt er, „aber Pragmatismus ist halt nicht sehr inspirierend.“ Denn derzeit biete keiner „einen Gegenentwurf zum rechtspopulistischen Narrativ. Im Gegenteil, insgeheim würde man es in gewisser Weise teilen, auch wenn das keiner zugeben möchte.“

Am blog.arbeitwirtschaft schreibt Bernhard Schütz sehr interessant über die Ideengeschichte der Arbeitszeit. „Fortschritt bedeutet Arbeitszeitverkürzung – der Ansicht waren schon Marx und Keynes.“

In einem Beitrag am blog.arbeitwirtschaft über die Entwicklung der Demografie erinnert Armin Thurnher mit dem deutschen Demografen Gerd Bosbach daran, wie problematisch Prognosen sind, wieviele Instrumente aber in den Händen der Politik existieren, um sich auf alles Mögliche vorzubereiten. „Wer etwa 1950 etwas über die Bevölkerung von 2000 sagen hätte wollen, hätte die Antibabypille, die Arbeitsmigration, den Trend zum Singledasein und zur Kleinfamilie und die Öffnung der Ostgrenzen (2,5 Millionen Deutsche wanderten ein) voraussehen müssen.“ All das hätte man jeweils wieder in unterschiedliche Richtungen steuern können. Demografie ist letztlich Politik.

Krieg, Entwicklungszusammenarbeit und Flucht

Die Zeit im Gespräch mit der Linguistin Ruth Wodak über den Umgang mit Fremden, die Medienfalle und die Strategie der Populisten.

Ende September haben sich Staats-und Regierungschefs fast aller Länder in New York getroffen, um sage und schreibe 169 Ziele für nachhaltige Entwicklung zu formulieren. Wohl selten lagen Anspruch und Wirklichkeit in der Entwicklungszusammenarbeit so weit auseinander. „Wer eine dreistellige Anzahl „nachhaltiger Entwicklungsziele“ formuliert, lebt offensichtlich in einer anderen Realität“, schreibt Bjørn Lomborg für das Journal für Internationale Politik und Gesellschaft und macht dort auch gleich bessere Vorschläge.

Ein Quotensystem zur internen Verteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU muss zwischen Arm und Reich unterscheiden, argumentieren Luc Bovens und Anna Bartsch am Blog der LSE.

Schorsch Kamerun im Interview über das neue Album der Goldenen Zitronen, linke Ästhetik und die Asyldebatte in Deutschland.

Die Zeit hat gerade angekommenen Flüchtlingen ein paar „typisch deutsche“ Photos gezeigt und Ihre Reaktionen gesammelt.

Mit Deutschland für Anfänger gestaltet ein deutscher Journalist für nach Deutschland Geflohene Einführungsfilme auf Arabisch (der Link zur Sendung befindet sich unterhalb des Artikels).

 

 

 

 

One Response to Links der Woche – KW 40

  1. Michael Bauer-Leeb 12. Oktober 2015 at 19:52 #

    Ich sehe den Link zum Artikel (und den Artikel) von Björn Lomborg extrem kritisch. Lomborg gilt als ausgewiesener Klimaskeptiker und wurde in der wissenschaftlichen Gemeinschaft schon mehrfach kritisiert, weil er nicht konsensuale wissenschaftliche Fakten zum aktuellen Stand der Wissenschaft über den Klimawandel verwendet, sondern im Besten Fall Auslassungen betreibt, die seine Meinung in gutem Licht dastehen lassen. Soweit ich mich erinnere, wurde er sogar in Naomi Oreskes und Eric Conways Buch “Merchants of Doubt” entsprechend erwähnt, die darin beschreiben, wie die Mechanismen und Strategien der Klimawandelleugner funktionieren.

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