Methodenvielfalt als bunte Wolle – eine Replik

Ich habe die Pluralismus-Bewegung mit Sympathie aus dem Off beobachtet. Grundsätzlich finde ich die Forderung des Autors, nämlich die Diversifizierung der von Zugängen zur Wirtschaftsforschung, unterstützenswert. Ich habe mit dem Autoren korrespondiert, und er hat mich gebeten, meine Kommentare zur Entwicklung einer Debatte zu veröffentlichen.

Christof Brandtner*

(1) Die neue Rektorin oder der neue Rektor der WU kann jedenfalls eine Rolle zur Diversifizierung der Wirtschaftsforschung spielen, aber ich denke nicht dass sich das Problem grundlegend im Rahmen einer Personalentscheidung lösen lässt. Es gibt wahrscheinlich große Sympathie für die Forderung nach Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften auf allen universitären Ebenen. Je konstruktiver die Debatte ist, desto leichter können UnterstützerInnen in der Akademie kooptiert werden. Ich denke dabei an den Aufruf von Ronald Coase, der im Alter von 102 Jahren einen Blog-Post (!) gegen das ökonomische Sesselklebertum geschrieben hat.

(2) Allen aufgeschlossenen ÖkonomInnen an der WU sind die marxistischen und postkeynesianischen Alternativen zur Neoklassik (hoffentlich) bekannt. Aber, blöd gesagt, Vielfalt hört nicht dort auf, wo das Unbekannte anfängt. Es gibt einige avantgardistische Denkrichtungen in der Ökonomie, die in Österreich noch keinen Fuß gefasst haben (bitte um Richtigstellung), und die dennoch fortschrittliche Alternativen zum volkswirtschaftlichen Mainstream sind. Ich denke, die Forderung nach Pluralität hätte mehr Gewicht, wenn sie über bekannte linke Subdisziplinen hinaus ginge. Einige Beispiele:

  • NetzwerktheoretikerInnen in Volkswirtschaft und Business Schools (z.B. hier oder hier)
  • ForscherInnen aller Disziplinen, die in Public Policy Departments oder Policy Centers zu finden sind (z.B. hier)
  • Feldexperimente zu Themen wie Armut und Altruismus (z.B. am MIT Poverty Lab oder hier)
  • HistorikerInnen in STS (Science and Technology Studies), die sich mit der Geschichte der Finanzmärkte oder der institutionellen Basis des Kapitalismus beschäftigen (etwa hier oder hier)

(3) Obwohl viele dieser erfrischenden Zugänge rational choice kritisch gegenüber stehen, können sie mehr oder weniger mit den Annahmen der Neoklassik vereinbar sein. Es geht also nur zweitrangig um die Ablösung einer gewissen Denkschule, die mittlerweile zu einem schlecht definierten Strohmann verkommen ist, als Orthodoxie. In erster Linie geht es darum, sich mit der ökonomischen Empirie, und nicht nur formellen Fragestellungen, zu beschäftigen. Dazu gehört neben der angewandten Forschung zu empirischen Problemen (siehe Coase) auch Methodenvielfalt. Neben den bekannten quantitativen Analysen bestehender Daten gilt es, qualitative und mixed-methods-Forschung zu unterstützen, wie sie in anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen durchaus üblich ist: z.B. mit Umfragen, Experimenten in Laboren und im Feld, Interviews und Beobachtungen, Inhaltsanalysen, etc. Wichtig sind dabei angewandte Kurse zu Research Design: also wie Fragestellungen entwickelt werden, welche Methoden wann angewandt werden sollen, wie man ein Sample richtig auswählt etc. Ein weiterer Kollege, David Ifkovits (Politikwissenschaft, Harvard, MA), hat folgende Ableitungen für die österreichische VWL-Lehre getroffen, die ich unterstütze:

„Meine Hauptforderung von der WU und anderen österreichischen VWL-Departments wäre, starke Priorität auf gute empirische Methodenkurse zu legen. Was bedeutet „gut“? (a) Kleine Kurse, mehr Lehrpersonal, (b) Hausübungen, die Datenanalyse beinhalten, und nicht nur statistische Ableitungen,  (c) Replikationen von veröffentlichen Papers – denn wer replizieren kann, kann auch besser kritisieren, (d) Methoden ist nicht äquivalent mit Statistik – qualitative Methodenkurse sollen so gut wie möglich mit den quantitativen verbunden werden. Im Idealfall sollten sie vereint werden.”

(4) Das bringt mich zu einem grundlegenderem, theoretischen Punkt: Marxismus und Postkeynesianismus sind, obwohl eine wichtige Opposition zu neoklassischen Positionen, auch keine Wunderwaffe gegen die Ungleichheit des Wirtschaftssystems. Wieso müssen Professuren mit ausgewiesenen ‚MarxistInnen‘ oder ‚NeoklassikerInnen‘ besetzt werden, um Vielfalt zu erreichen? Vielfalt ist, wieder blöd gesagt, kein Fleckerlteppich von schwarzen und weißen Fleckerln, sondern kommt von bunter Wolle. In einer idealen Welt sind ProfessorInnen allen Denkschulen gegenüber aufgeschlossen, und sind in mehr als einer Denke versiert. Wissenschaftstheoretisch gesehen: Wie soll es möglich sein, miteinander konkurrierende Hypothesen zu formulieren und ultimativ zu testen, wenn man sich nur für seine eigene Hypothese interessiert? In der Soziologie ist es durchaus üblich, dass z.B. InstitutionalistInnen konstruktive reviews für SystemtheoretikerInnen schreiben. Oder dass nicht-funktionalistischen SoziologInnen ein funktionalistisches Argument zusagt. Ich halte das für wünschenswert. Im übrigen ist die Übermacht einiger weniger orthodoxer Journals in Journal-Rankings festgeschrieben, die weder gottgegeben sind noch (meines Erachtens nach) überzeugte FürsprecherInnen haben.

(5) Eine wichtige Frage hinsichtlich der WU im Speziellen ist, wie mit Teilerfolgen umzugehen ist. Zwei Beispiele: (a) Die WU hat im internationalen Verhältnis mittlerweile einen außergewöhnlichen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit entwickelt (mit Nachhaltigkeitsprofessuren, -lehrveranstaltungen, einem deklarierten Ressourcenzentrum für Nachhaltigkeit, dem SEEP Master), der gelobt gehört. Man kann im Detail zu diesem Nachhaltigkeitsschwerpunkt stehen wie man mag, aber die WU hat im Ganzen Wandlungsfähigkeit bewiesen. Diesmal wirklich blöd gesagt, ein gewisses Wonnegefühl darüber ist eine logische Konsequenz der Forderung nach Vielfalt. Ich finde es wichtig, zu argumentieren, warum diese Initiative nicht weit genug geht. Das überlasse ich den AktivistInnen. (b) In Wirklichkeit gibt es außerhalb der VWL einige ausgesprochen tolle WirtschaftswissenschafterInnen, die nicht nur theoretisch aufgeschlossen sind, sondern die auch mit Methodenvielfalt arbeiten – z.B. qualitative Inhaltsanalysen dazu, wie die Wirtschaftskrise in Bildern in internationalen Medien dargestellt wurde, oder zu den Ursachen und Wirkungen von wirtschaftlicher Ungleichheit. Es gibt auch auf der WU viele WissenschafterInnen, die keine ausgewiesenen VolkswirtInnen sind und sich dennoch ernsthaft mit makro-wirtschaftlichen Fragen beschäftigen. Bezieht (sowohl junge als auch etablierte) OrganisationsforscherInnen, WirtschaftssoziologInnen, und -historikerInnen in die Debatte mit ein! Die Wirtschaftswissenschaften sind unter anderem deshalb vielfältig, weil sie mehrere sozialwissenschaftliche Disziplinen vereinen.

*Der Autor studiert (langsam aber stetig) Wirtschafts- und Organisationssoziologie in Kalifornien.

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