Serie ORF/SPÖ Teil 2: "Die Sozialdemokratie ist keine Grinsekatze"

Elfriede Jelinek erklärt in ihrem pointierten Beitrag zur jüngsten österreichischen Unverschämtheit die Sozialdemokratie eigenhändig für tot. Man sollte meinen, die dahinscheidende Patientin hätte dabei auch noch ein Wort mitzureden. Zugegebenermaßen, er riecht in letzter Zeit immer öfter sehr schlecht nach billigem Neomanager-Rasierwasser…so sehr, dass zugegebenermaßen dadurch auch viele der feinen und differenzierten Nuancen übertüncht und ertränkt werden, die sich als orchideeisches Nachtschattengewächs der Farbe Rot in den letzten Jahren herausgebildet haben.

Miriam Broucek*

Lassen wir also die lebendig Begrabene wieder auferstehen! Die Sozialdemokratie ist nicht nur nicht tot, sie riecht nicht nur ausschließlich nach Rasierwasser, sondern ist auch kein Firmendiktat einer Vorstandsetage, keine Grinsekatze!

Die zweifellos dreiste Entscheidung des glücklosen ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz, den Posten seines Büroleiters nicht nur vor der offiziellen Ausschreibung, sondern auch noch mit einer Person zu besetzen, die aus guten Gründen schwer umstritten ist, schadet nicht nur dem ORF und seiner Unabhängigkeit. Ebenso dreist ist der Entschluss des Betroffenen (unterlassen wir doch einmal die fingerzeigende Namensnennung – in Wirklichkeit geht es hier nicht um ein Individuum, sondern um Symptome eines Systems, einer Struktur), dieses „Amt“ auch tatsächlich anzutreten. Robert Misik nennt diese beiden Akte zurecht „parteischädigendes Verhalten“. Parteischädigend, da durch dieses Boulevardstück all die sachorientierte, unaufgeregte Arbeit verdeckt wird, die fernab des Ballhausplatzes seit langen Jahren von zahlreichen freiwilligen und unbezahlten, doch umso mehr engagierten GenossInnen, aber auch von BezirksrätInnen, LandesrätInnen oder verschiedenen, der Sozialdemokratie nahestehenden FachexpertInnen geleistet wird. Parteischädigend, da das Blitzlichtgewitter überstrahlt, dass seit geraumer Zeit der Nachwuchs – für diese Bezeichnung muss mensch sich ohnehin bereits schämen – in eigenständig aufgebauten Diskussionszirkeln und Konferenzen wie etwa dem Momentum in Hallstatt, der Linksreformismus-Tagung in Berlin (gemeinsam mit deutschen KollegInnen) oder aber kleinen Arbeitsgruppen bemüht ist, die alte Tante SPÖ wieder das Tanzbein schwingen zu lassen. Das mag nun vielleicht eine gar flapsige Formulierung sein, wo doch ohnehin schon neben den schicken jungen SchlipsträgerInnen, die offenbar auf die Medienöffentlichkeit eine solche Faszination ausüben, dass ihre geringe Zahl völlig ignoriert wird und die uneitle, schlipslose aber dafür zahlreichere und clevere Parteijugend übersehen wird. Die Sozialdemokratie ist ein pluralistisches Feld politischer Auseinandersetzungen.

Geht sich nicht auch die hochgeschätzte Elfriede Jelinek ein wenig selbst auf den Leim, misst sie nicht Kurzzeiterscheinungen ein Gewicht bei, das diese nicht einmal körperlich auf die Waage bringen können?

Die Sozialdemokratische Partei Österreichs, 1889 als eine der ältesten Parteien des Landes gegründet, ist bereits durch vieles gegangen. Wenn sie Illegalität, Verbot, Opposition und Regierungsmacht überstehen konnte, werden kaum zwei der in ihrer Rasanz der heutigen Medienwelt angepasste Halberwachsene ihre TotengräberInnen sein. Einzig, sie schaufelt sich ihr Grab weiterhin selbst. Nicht die Sozialdemokratie ist tot, sondern eine allzu gierige, machthungrige Clique steht gerade im Begriff, das von ihr geschaufelte Grab für sich selbst zu beanspruchen.

*Miriam Broucek ist aktiv in der Sektion 8 der SPÖ Alsergrund.

Morgen in der Serie zu ORF/SPÖ: Niki Kowall argumentiert wieso der ORF ein Instrument der Demokratie, aber keines der Regierung sein soll.

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2 Responses to Serie ORF/SPÖ Teil 2: "Die Sozialdemokratie ist keine Grinsekatze"

  1. Stefan Mackovik 5. Januar 2012 at 17:17 #

    Die Frage ist, warum die „SchlipsträgerInnen“, die Eurer Meinung nach nur in „geringe Zahl“ in der SPÖ vorhanden sind, überhaupt innerhalb der Partei so weit in der Hierachie aufsteigen konnten.

    Die Frage ist, warum nach wie vor stromlinienförmige Pragmatiker vom Schlage eines Vranitzky, Klima oder auch Faymann nach wie vor die Geschicke der SPÖ maßgeblich lenken und beeinflussen?

    Initiativen wie die Eure sind lobenswert und von außen gesehen die einzige wirkliche Hoffnung für diese Partei. Nur geht das aus meiner Sicht alles viel zu langsam. Zeit, dass sich echte Sozialdemokraten an die Parteispitze putschen – oder eine eigene Partei gründen. Reine Sacharbeit a la „Verbot des kleinen Glücksspiels“ wird nämlich aus meiner Sicht den Untergang dieser Partei nicht aufhalten können.

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