Linke Köpfe: #3 Joan Violet Robinson

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Joan Violet Robinson: Ökonomin

von Sarah Tesar*

„Pure unrammelled individualism is not a practicable system, and the coherence of an economy depends upon the acceptance of limitations upon it“ – Joan Robinson

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By Ramsey & Muspratt [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Ökonomin Joan Robinson war ohne jeden Zweifel eine der außergewöhnlichsten Frauen ihrer Zeit. Sie war sowohl für ihren messerscharfen Verstand, wie ihre spitze Zunge bekannt. Robinson konzentrierte sich in ihren zahlreichen Veröffentlichungen vor allem auf die Lösung realer Probleme, der Behandlung polit-ökonomischer Machtfragen und kritisierte, trotz ihrer außergewöhnlichen analytischen Fähigkeiten, viele ihrer berühmten männlichen Kollegen für deren Flucht in die Mathematik, um die Funktionsmechanismen der Märkte nachzuweisen.

Die 1903 in Surrey als Tochter eines britischen Generals geborene Ökonomin begann 1922 am Girlton College in Cambridge ihr volkswirtschaftliches Studium.

Nach ihrem Abschluss 1925 heiratete sie den Ökonomen Austin Robinson, mit dem sie nach einem zweijährigen Aufenthalt in Indien gemeinsam nach Cambridge zurückkehrte, da ihr Ehemann nun eine Stelle als Professor antrat. Robinson selbst begann als Dozentin zu lehren, erst nach der Pensionierung ihres Mannes im Jahr 1965 wurde sie Professorin.

Obwohl ihr jahrzehntelang die Professorenstelle verwehrt blieb und sie Mutter zweier Töchter wurde, ließ sie nicht davon ab, die Ökonomie zu revolutionieren. Während ihrer Zeit als Dozentin in den 1930er Jahren war sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Austin Robinson, Richard Kahn, James Meade und Piero Sraffa Teil des intellektuellen Kreises Cambridge Circus, der sich rund um John Maynard Keynes gebildet hatte, um ihn bei seiner Entwicklung der „General Theory“ zu unterstützen. Doch auch nach Veröffentlichung von Keynes’ Buch widmete sich Joan Robinson fortwährend der Weiterentwicklung seiner Ideen.

Der Nonkonformismus der jungen Dozentin spiegelte sich auch in ihrem ersten Buch Die Theorie der unvollständigen Konkurrenz wider, das sie im Jahr 1933 schlagartig bekannt machte. Mit ihrem Modell der monopolistischen Märkte stellte sie sich scharf gegen die vorherrschende Marktorthodoxie der Neoklassik: Unternehmen sind ihrzufolge vom ständigen Streben nach Wachstum getrieben um ihre Marktpositionen auszubauen. In der Folge kommt es zu Größenvorteilen, welche den Unternehmen die Macht der strategischen Preisbildung sowohl auf dem Gütermarkt, als auch auf dem Beschäftigungsmarkt verschafft. Robinson zeigte, dass Unternehmen unter diesen Umständen ihre Profite nur auf Kosten der KonsumentInnen durch überhöhte Preise, oder durch Ausbeutung der ArbeiterInnen unter Verwendung einer Niedriglohnpolitik, weiter steigern können.

Obwohl Robinson Karl Marx’ Werken durchaus positiv gegenüberstand, bezeichnete sie sich selbst nie als Marxistin. In ihrem 1943 erschienenen Essay on Marxian Economics kritisierte sie zwar die starke ideologische Verschränkung Karl Marx, betonte jedoch gleichwohl die Bedeutsamkeit der wissenschaftlichen Substanz seiner Werke.

Während des zweiten. Weltkriegs arbeitete Joan Robinson in verschiedenen ökonomischen Komitees, teils für die Labour Party, teils auf staatlicher Ebene. Sie bereiste China und die Sowjetunion und widmete sich dem Erforschen der Nationalökonomie von Entwicklungsländern.

1956 veröffentlichte Robinson The Accumulation of Capital, in welchem sie Keynes’ Theorie um Langzeitaspekte des Wachstums und der Kapitalakkumulation erweiterte. Sie sah sich selbst als “Linkskeynesianerin” und wurde bei der Ausarbeitung ihrer Beschäftigungsthesen stark von Michał Kalecki beeinflusst, mit dem sie eine lange, intellektuelle Freundschaft verband. Robinson zufolge seien Unternehmen nicht an einem Markt mit Vollbeschäftigung interessiert, denn in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem sei es die Furcht vor Arbeitslosigkeit, die den Arbeitgebern die Ausbeutung der Arbeitnehmer erst ermöglicht. Ohne effektive Nachfrage sei zudem das Erreichen von Vollbeschäftigung nicht möglich.

1975 – dem Jahr der Frau – sahen selbst Robinsons schärfsten Kritiker den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften in ihren Händen. Doch dieser blieb ihr bis zu ihrem Tod 1983 verwehrt.

Leseempfehlungen:

  • The Economics of imperfect competition. Macmillan, London 1933
  • An Essay on Marxian Economics. 1942; 2. Aufl. London 1962
  • The Accumulation of Capital. 1956; 3. Aufl. 1969
  • Economic Philosophy: An essay on the progress of economic thought. London 1962;
  • Freedom and necessity: an introduction to the study of society. London 1970
  • Economic heresies: Some Old-Fashioned Questions in Economic Theory. Basic Books, New York 1971

 

*Sarah Tesar ist Ökonomin und engagiert sich bei der Sektion 8 der SPÖ Alsergrund.

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