Die Prostitutionsdebatte

Es ist in Ordnung, nicht zu jedem Aspekt der Prostitution eine unabänderliche Meinung zu haben. Doch der Streit über diverse Facetten lähmt die Energien, gegen aktuelle Missstände anzukämpfen und verhindert eine dringend notwendige Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

Von Lea Six*

Prostitution ist mit der Menschenwürde nicht vereinbar… Prostitution ist eine Dienstleistung wie jede andere… Solange Prostitution existiert, kann es keine gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau geben… Jede Frau hat das Recht über ihren eigenen Körper selbst zu bestimmen, wenn sie sich dazu entscheidet, mittels sexueller Dienstleistungen finanzielle Mittel zu lukrieren, ist es paternalistisch, ihr das zu verbieten… Prostitution ist eine Sünde… Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt…  Prostitution ist ein Auswuchs unserer patriarchalen Gesellschaftsstruktur… Prostitution verleiht Frauen finanzielle Unabhängigkeit… Prostitution ist geprägt von Gewalttätigkeit und sozialer Verelendung… Das Verbot der Prostitution führt zu einer sozialen Ächtung der Prostitution… Das Verbot führt zu einem Abgleiten der Prostitution in den Untergrund und zu schwerer kontrollierbaren Verhältnissen… Die Freierkriminalisierung verhindert, dass Freier einen Verdacht auf Zwangsprostitution polizeilich melden… Eine Liberalisierung der Prostitution hilft den Prostituierten, legal und sozialversichert zu arbeiten und der Prostitution ohne Zuhälter selbstständig nachgehen zu können… Eine Liberalisierung der Prostitution hilft besonders den Großbordellen, die nun als betriebswirtschaftlich geführte Sexproduktionsstätten Investoren hohe Renditemöglichkeiten bieten.

Zu jeder Position kann eine Gegenposition, oder zumindest ein Gegenbeispiel gefunden werden. Jede/r hat ein anderes Bild von Prostitution, oder besser gesagt von einer konkreten Prostituierten, im Kopf. Für manche ist sie ein bemitleidenswertes, schützenswertes, ausgebeutetes Gewaltopfer, für die anderen eine selbstbestimmte Frau, für die Sexarbeit ein Mittel zum Zweck der Einkommensgenerierung ist. Sämtliche Grauschattierungen und Durchmischungen existieren ebenso. Die Medien bespielen – oft auch je nach Zielgruppe – die unterschiedlichsten Stereotype. Die abgeklärte Studentin im Neon, die sich ihr Studium damit finanziert sich im Internet ersteigern zu lassen.  Die Prostituierte, die als Kind schon Missbrauch erlitten hat und sich seitdem nicht aus dem Teufelskreis von psychischen Problemen und Abhängigkeiten befreien konnte in der Emma. Die Roma-Frauen, die ihren Männern und Familien im Osten mittels Prostitution nicht nur das Überleben, sondern auch den flotten BMW finanzieren (müssen), im Falter. Die glamouröse „Herzensbrecherin“, deren jugendliches Alter einem Staatschef zum Verhängnis wurde, in so ca. jedem Boulevardblatt Europas.

Armutsmigration. Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung. Drogensucht. Zwangsprostitution. Physischer Zwang. Finanzieller Zwang. Psychologischer Druck durch Partner oder gar Familie. Und so weiter…

Welche Handlungsstrategien?

Diverse Debatten landen, nachdem die sich zumal wiederholenden Argumente herunterdekliniert wurden, fast unausweichlich bei der grundlegenden Frage: Kann es in einer idealen Gesellschaft, frei von existenziellen finanziellen Zwängen und geschlechtsspezifischer Ungleichheit,  den Kauf sexueller Dienstleistungen geben? Je nach Antwort leiten sich auch die Handlungsstrategien ab. Wer die Frage verneint, wird für ein vollständiges Verbot plädieren. Dass dies zu einer unmittelbaren Verschlechterung der Position vieler Prostituierten führen würde, wird in Kauf genommen im Kampf für die Idee einer prostitutionslosen zukünftigen Gesellschaft. Wer hingegen die Frage bejaht, wird versuchen gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen eine menschenwürdige Ausübung von Sexarbeit möglich ist. Die Einstellung zu dieser Frage beeinflusst auch stark die Herangehensweise an akute und grassierende Probleme. Denn auch wenn sich alle sensibilisierten Personen einig sind, dass es menschenverachtende „Geschäftszweige“ wie zB Flatrate Bordelle zu bekämpfen gibt, spalten sich die Geister in der Umsetzungsfrage. Ein pragmatischer Zugang, wie ihn beispielsweise der von der BKA-Frauensektion eingerichtete „ExpertInnenkreis Prostitution“ propagiert[1], der vor allem auf Verbesserungsmöglichkeiten der Lebenssituation und des Schutzes von Prostituierten  zielt, stößt bei Anhängern des Prostitutionsverbots auf Widerstand. Gesetzliche Regulierungen, die Prostitution unter bestimmten Bedingungen dulden, werden als Legitimation verstanden.

Mitunter wird  ausgeblendet, dass es für eine Prostituierte, die beispielsweise auf dem nächtlichen Straßenstrich auf der Brünnerstraße steht, kaum eine relevante Frage darstellt,  ob es in einer idealen Gesellschaft Platz für sexuelle Dienstleistungen geben kann. Den Luxus sich darüber den Kopf zu zerbrechen leisten sich meist nur gut gebildete, gut situierte Frauen.

Facettenreichtum und die unterschiedlichen Positionen zur theoretischen Frage lähmen diejenigen, die bezüglich der Prostitutionsproblematik sensibilisiert sind. Wer bereits auf eine Anzahl von hitzigen Debatten ohne gemeinsamer Schlussposition im aufgeklärten Bekanntenkreis blicken kann, dem/r schwindet die Lust, sich in einem weniger sensibilisierten Umfeld zu exponieren. Ein fehlender gemeinsamer Rückhalt reduziert auch die Motivation sich konkret gegen die schlimmsten Auswüchse der Prostitution zu engagieren – selbst wenn sich alle einig darin sind, diese furchtbar zu finden.

Beispiel: Flatrate-Bordell

Besonders leidet darunter die öffentliche Debatte und die öffentliche Wahrnehmung der Prostitutionsproblematik. Dies wurde wieder einmal besonders deutlich, als vorige Woche die Meldung über die Eröffnung eines Flatrate-Bordells in Wien durch sämtliche Medien ging. In Flatrate Bordellen zahlt der Freier eine gewisse Summe, um dann mit einer beliebigen Anzahl von Prostituierten Sex zu haben. Die einzige Einschränkung ist zeitlicher Natur. Frauen werden zu persönlichkeitsloser Massenware degradiert und die vielzitierte Selbstbestimmtheit der Prostituierten verkommt zur vollkommenen Farce. Wieviel Einfühlungsvermögen ist nötig um sich vorstellen zu können, welch ein Arbeitsumfeld automatisch entsteht, wenn der Bordellbetreiber eine „Geld-zurück-Garantie“ gibt, sollten sich die Prostituierten weigern den „Kunden“ zu „bedienen“?

Unter der momentanen Gesetzeslage ist es kaum möglich, derartige „Geschäftszweige“ zu verbieten. SPÖ-Bundesfrauengeschäftsführerin Andrea Brunner versprach in einer Aussendung, sich daher für eine bundesweite Regelung einzusetzen, die es ermöglicht, derartige menschenunwürdige Auswüchse zu verbieten.

Nun könnte man erwarten, dass die Eröffnung eines Flatrate Bordells auf breite Ablehnung und die Ankündigung Brunners auf breite Zustimmung stoßen würde. Die Medien- und Forenlandschaft Österreichs belehrt allerdings schnell eines besseren. Die Berichterstattung mancher Medien klingt schon beinahe nach Werbung (der Artikel auf orf.at beginnt beispielsweise mit dem Satz des Flatrate-Bordellführers Schmuck „Ich mache es, weil ich die Frauen liebe“) und es wird dem Bordellführer genügend Raum gegeben, sein Geschäftsmodell zu verteidigen („Ich werde immer nur doppelt so viele Männer in den Club lassen wie Frauen da sind, ansonsten ist es Ausbeutung“)[2]. Wirklich verzweifeln lassen einen aber erst die Aussagen auf diversen Foren.  Selbst im Forum des Online-Standards überwiegen die Gegner eines Verbots von Flatrate-Bordellen bei weitem. Für die Aussendung Brunners haben sie nur noch Häme übrig.[3] Es wird relativiert, was das Zeug hält (das sei eigentlich eh ein schlechtes Geschäft für die Männer, die sich gern selbst überschätzen), man gibt sich als Verfechter von Fraueninteressen aus,  („Typisch für diese Verbieter- und Kontrollier-Fraktion: Die Meinung der Betroffenen interessiert die offenbar nicht.“), man fragt ernsthaft, warum man sich zuerst um die missliche Lage mancher Prostituierten kümmern solle wenn es doch so vielen in unserer Gesellschaft schlecht geht, es wird auf niedrigstem Niveau gewitzelt und es wird auf breiter Front über die Regulierungswut der Behörden geschimpft.

Selbst wenn wir von der optimistischen Annahme ausgehen, dass Foren eben einen bestimmten Menschenschlag mit besonderen Mitteilungsbedürfnissen anziehen, herrscht kaum Zweifel, dass immense Öffentlichkeitsarbeit nötig ist, um eine breitere Öffentlichkeit bezüglich der vielen und vielfältigen Problematiken im Themenbereich Sexarbeit zu sensibilisieren. Gleichzeitig schreien die menschenunwürdigen Arbeitsverhältnisse vieler Prostituierter, sei es auf dem verlassenen Straßenstrich weit weg von der sichereren Innenstadt, im Flatrate Bordell oder in einem anderwärtig von Gewalt und Abhängigkeit geprägten Umfeld, nach einer handelnden und regulierenden Politik. Doch es ist ein Teufelskreis, umso negativer der breite öffentliche Widerhall, umso weniger Anreiz hat die Politik, die „heiße Kartoffel Prostitution“ anzurühren.

Wir mögen uneins sein über die Legitimation von sexuellen Dienstleistungen, das rechtfertigt aber nicht das Schweigen und das Untätigsein, wenn es um konkrete Missstände geht.

Lea Six ist Wirtschaftswissenschaftlerin und engagiert sich in der Sektion 8


[1]                     eine gute und differenzierte Auseinandersetzung zum Thema Prostitution in Österreich findet sich hier: https://www.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=31425

[2]                     http://wien.orf.at/news/stories/2639518/

[3]                     http://derstandard.at/1395363630925/Prostitution-SPOe-will-Flatrate-Bordelle-verbieten

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