Alte Konflikte neu auf Telepolis

Clemens Kaupa

Dobusch/Kowall argumentierten in einem Telepolis-Artikel vor einigen Wochen, es bestünde eine Paralelle zwischen dem orthodoxen Marxismus und dem Neoliberalismus, da beide Bewegungen eine ökonomistisch fundierte Teleologie vertreten würden. Genauso wie der orthodoxe Marxismus durch einen sozialdemokratischen Reformismus von seinem teleologischen Radikalismus befreit wurde, müsste der Neoliberalismus nach der Finanzkrise sich nun seinerseits an den Realitäten orientieren lernen und einen reformistischen Turn hinlegen. Nun folgte die geharnischte Antwort von Dvorak/Puller/Wenninger, ebenfalls – dies ist offensichtlich momentan die heiße Scheiße – auf Telepolis.

Dobusch/Kowall würden dem Marxismus zu Unrecht einen ökonomistischen Determinismus vorwerfen, außerdem auf die gesamte Marxrezeption der letzten Jahrzehnte vergessen. Marxismus wäre, so das Trio, auch für eine „reformistische“ – keynesianische – Politikauffassung wichtig: „Die Autoren verkennen, dass der bestgemeinte Reformismus auf marxistische Analysen von Gesellschaft, Staat und Ökonomie nicht verzichten kann, sollen die von der Kapitalseite mit Entschlossenheit geführten Verteilungskämpfe nicht mit Orientierungslosigkeit und Niederlage enden.“

Das Duo und das Trio sprechen jeweils hochspannende Punkte an, die im Einzelnen zu kommentieren wären. Der Vorwurf des Trios, das Duo hätte eine gar zu einseitige Marxismusinterpretation geliefert, ist sicher zutreffend. Dobusch/Kowall liefern ein Bild des Marxismus, bei dem wohl auch der toten Friedman in der Kiste wohlgefällig mitnicken würde. Gleichzeitig hat das Trio in seiner bedeutungsgewaltigen Verteidigungsrede des Marxismus den eigentlichen Hauptwitz des Duos in der Hitze des Gefechts übersehen – nämlich die Ironie, den Neoliberalen realitätsfremdes und deterministisches Sektierertum genau mit jenen Argumenten vorzuwerfen, die bisher gegen den orthodoxen Marxismus verwendet wurden. Ich fand die Pointe eigentlich recht witzig, das Trio offensichtlich nicht.

Wirklich spannend ist jedoch ein anderer Punkt: wer sind eigentlich die Gegner, gegen die die fünf Kombattanten so eifrig in Stellung gehen? Wiewohl das gar düstere Bild, das Dobusch/Kowall vom orthodoxen Marxismus zeichnen für ihre Polemik notwendig ist, ist doch offensichtlich, dass sie ihre Schläge nicht bloß gegen die Markt-Fundis, sondern auch gegen die Marx-Fundis richten. Das Duo scheint der Meinung zu sein, dass eine falsche linke Einstellung – die immer nur für die Revolution brüllt und nie an real existierenden politischen Auseinandersetzungen anknüpft – gefährlich ist … zumindest so gefährlich, dass sie in einem Atemzug mit den Neoliberalen genannt und bekämpft wird. Dvorak/Puller/Wenninger wiederum sind so gebannt von der Attacke des Duos auf den Marxismus, dass sie den Gegner Neoliberalismus überhaupt nur noch dafür zitieren, um die Fehler des Reformismus aufzuzeigen.

Dass die Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen inneren Gegner das Autorenblut zum Kochen bringt ist unbestritten. Dass sie im Rahmen des Kampfes gegen den Neoliberalismus besonders bedeutsam ist wage ich zu bezweifeln. Der orthodoxe Marxismus wird gerade mal in Teilen der SJ und einigen Linkssekten praktiziert, und mir fallen eigentlich überhaupt keine Beispiele ein, wo Marx-Fundis eine relevante linke Entwicklung in Österreich blockiert oder geschwächt hätten. Vielmehr hat in den vier in meiner politisch aktiven Zeit wichtigsten linken Aktivitäten – Anti-Schwarz/Blau, Studiengebühren, Regierung 2006, Anti-FPÖ – weitgehend Einigkeit bestanden: ReformistInnen und Marx-Fundis haben in allen vier Bereichen gut zu einer Koalition zusammenfinden können.

Die Angst vor der Blindheit des Reformismus wiederum ist im Fall von Dobusch/Kowall ungerechtfertigt. Die Komplizenschaft der Sozialdemokratie am neoliberalen Umbau der letzten Jahrzehnte verdammt das Duo mit derselben Verve wie das Trio.

Mir scheint, dass die fünf nach wie vor die Schlachten auskämpfen, die schon vor Jahren innerhalb der SJ getobt haben. Relevant scheint mir das eigentlich nicht – vor allem unter den jetzigen Bedingungen, die für Argumente gegen den neoliberalen Marktfundamentalismus so fruchtbar sind wie seit Jahrzehnten nicht. Spannender fände ich es, von den fünf von mir sehr geschätzten Köpfen mehr zur Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus zu hören, und vor allem darüber, wie die verschiedenen Flügel innerhalb einer möglichst schlagkräftigen Koalition gemeinsam agieren können.

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  1. Umdeutung der Wirtschaftswissenschaften? | blog.sektionacht.at - 4. Februar 2009

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