Von Arbeitern und Bäuerinnen

Alpensaga“ und „Arbeitersaga“. Filme für die Krise.

von Andreas Handler*

Die Siebziger Jahre waren das Jahrzehnt des großen Aufbruchs, eines gesellschaftlichen Wandels, einer Modernisierung. Die Zukunft sah gut aus. Gleichzeitig begann zu dieser Zeit auch in Österreich langsam aber doch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Zeitgeschichte. Mit Monarchie Kitsch wie in den Sissi Filmen wollten sich viele nicht mehr zufrieden geben. Auch zur Rolle Österreichs im Nationalsozialismus wurden erste zaghafte Fragen gestellt. Das Verlangen nach mehr Informationen schlug sich auf vielen Kanälen wieder. Film und Fernsehen waren dafür zentrale Medien, weil sie auch das Verlangen nach Bildern und (scheinbarer) Authentizität stillen konnten.

Die Alpensaga

Zu den bekanntesten Filmen, die in Österreich zu dieser Zeit entstanden, gehört die Alpensaga. In sechs Teilen erzählt sie die Geschichte eines oberösterreichischen Dorfes vom Jahr 1900 bis in den Sommer 1945, als Österreich bereits vom Nationalsozialismus befreit war. Die Filme spannen also einen weiten Bogen: Von der Monarchie in den ersten Weltkrieg, von der Ersten Republik in den Austrofaschismus, vom „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland in den zweiten Weltkrieg. Die Auswirkungen all dieser Entwicklungen auf das Leben im Dorf werden dabei nachvollziehbar, Geschichte wird im Zeitraffer miterlebt. Mit der lange Zeit üblichen Romantisierung des Landlebens wird in diesen sechs Filmen komplett gebrochen. Der Anspruch der Filmemacher war ein möglichst realistischer Blick – und das hatte großen Erfolg. Über die Filme wurde geredet und diskutiert, sie lösten Kontroversen aus. Der österreichische Bauernbund protestierte gegen die Darstellungen im Film, Historikerinnen und Historiker mischten sich ein.

Für die beiden Drehbuchautoren Peter Turrini und Wilhelm Pevny sowie den Regisseur Dieter Berner bedeutete das großes Renommee. Als 1980, vier Jahre nach der Erstausstrahlung des ersten Teils, der sechste und letzte Teil der Alpensaga ins Fernsehen kam, war die Filmreihe bereits Kult.

Die Arbeitersaga

Die 1980er Jahre brachten ein noch größeres Interesse an der Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte, insbesondere mit Nationalsozialismus und zweitem Weltkrieg. Der ORF trug dem Rechnung und produzierte zum Beispiel die berühmte Dokumentarfilmreihe Österreich II von Hugo Portisch und Sepp Riff, die in den ersten Folgen auch das Ende der ersten Republik und den „Anschluss“ thematisieren, insbesondere aber auch einen Blick auf die Zeit von 1938 bis 1945 und damit auf die siebenjährige Herrschaft der Nationalsozialisten in Österreich werfen. Diese Dokumentationen waren ein wichtiger Beitrag zur immer intensiver geführten Diskussion über die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus. Die Wahrnehmung von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus wurde verstärkt in Frage gestellt, der Fokus auf die Beteiligung an Verbrechen des Nationalsozialismus gelegt. Diese Diskussion wurde auch parteipolitisch geführt und mündete 1986 in der so genannten Waldheim-Affäre, eine Diskussion, die die vermutete Beteiligung des Bundespräsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim an NS-Verbrechen und seinen Umgang damit problematisierte.

In dieser Zeit sehr leidenschaftlich geführter Debatten um Geschichte planten Peter Turrini und Dieter Berner, die mit der Alpensaga bereits gutes Gespür für eine filmische Begleitung solcher Diskussionen gezeigt hatten, gemeinsam mit Rudi Palla ein weiteres Projekt. Thema sollte diesmal die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung sein, es sollte eine Arbeitersaga entstehen. Der Plan war, ähnlich wie in der Alpensaga in vier Teilen historische Entwicklungen darzustellen. Allerdings entschloss man sich diesmal, nicht wie in der Alpensaga um die Jahrhundertwende zu beginnen, sondern die Geschichte erst in der Kriegsendphase 1945 zu starten und den Fokus damit auf die zweite Republik zu legen. Hatte die Alpensaga also das ländliche, bäuerliche Österreich von 1900 bis 1945 dargestellt, sollte die Arbeitersaga die städtische Arbeiterbewegung von 1945 bis in die unmittelbare Gegenwart begleiten. Themen wie der 8-Stunden-Tag, der Kampf um Wahlrecht und Republik, aber auch die Auseinandersetzung mit dem Bürgerkrieg und dem Verbot von freien Gewerkschaften, von SPÖ (SDAP) 1934 bzw. KPÖ 1933 sowie die Zeit von Widerstand und Verfolgung bzw. Opportunismus und Kollaboration im Nationalsozialismus waren damit von Vornherein ausgeschlossen.

Die vier Filme setzen chronologisch im Frühling 1945 ein, wo nach Jahren des Verbots die politische Leidenschaft im Vordergrund steht und das große Bemühen, nach Jahren erstmals wieder eine freie Demonstration am 1. Mai zu veranstalten, Thema ist. Die anderen drei Filme spielen in den 1960er, 1980er und 1990er Jahren und behandeln Themen wie die stärker werdende Individualisierung, die aufkommende Konsumgesellschaft. Die Filme diskutieren Korruption und die Sozialpartnerschaft, die den offen geführten Klassenkampf ersetzte. Der vierte und letzte Teil, 1991 veröffentlicht, thematisiert bereits ein bis heute brandaktuelles Thema: Die Einwanderungsgesellschaft, den immer stärker aufkommenden Fremdenhass und die Ausnutzung von Migrantinnen und Migranten als Billiglohnkräfte.

Das verbindende Element aller vier Filme ist der Protagonist Rudi Blaha, der 1945 geboren wird, sich schließlich in der Gewerkschaftsjugend engagiert, Pressesprecher und schlussendlich höherer Parteifunktionär wird. Die historischen Entwicklungen werden mit der Lebensgeschichte von Rudi Blaha nachvollziehbar dargestellt, wobei er dabei nicht immer sympathisch bleibt.

Die Arbeitersaga endet in den frühen 90er Jahren. Man kann sich eine Fortsetzung aber leicht vorstellen. Als eine Geschichte der Globalisierung, als einen Aufstieg der Rechtspopulisten und Neofaschisten, als einen fortgesetzten Niedergang der Arbeiterbewegung. Man kann das aber auch als Auftrag sehen. Kein Niedergang ist zwingend. Aus Fehlern kann man lernen, wenn man sich kritisch damit auseinandersetzt. Weil es immer noch wir sind, die die Geschichte machen.

Links zum Streamen

Die Alpensaga kann man z.B. auf Flimmit streamen: https://www.flimmit.com/alpensaga/

Auch die Arbeitersaga gibt es dort: https://www.flimmit.com/arbeitersaga/

*Andreas Handler ist stellvertretender Vorsitzender der Sektion 8 und nutzt die Ausgangsbeschränkungen auch, um viele Filme zu schauen.

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2 Responses to Von Arbeitern und Bäuerinnen

  1. Coffebreakblog 13. April 2020 at 19:45 #

    EU und MERCOSUR haben ein Freihandelsabkommen ausgehandelt, dass BauerInnen in Sudamerika, in der EU aber auch in Afrika schweren Schaden zufugen wird. EU Industriekonzerne haben sich durchgesetzt und das Agrobusiness Brasiliens hat gewonnen, auf Kosten von Klima, Umwelt- und Menschenrechten.

  2. Richard Schaf 10. April 2020 at 15:03 #

    Darum: endlich die SPOe-FPOe-koalitionen beenden.

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