Die Gratiszeitungsboxen und die politische Bildung der SchülerInnen

Vorige Woche erreichte uns die Nachricht von Erich Leonhard, Berufsschullehrer in Wien: Er habe von unserem Antrag gehört, die Gratiszeitungsboxen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Da er die Auswirkungen der Gratiszeitungen ÖSTERREICH und HEUTE auf die politische Bildung und Meinung seiner SchülerInnen hautnah miterlebe, unterstütze er unseren Antrag.
Heute legt Erich Leonhard am Blog seine Gründe für die Unterstützung dar und gibt einen Einblick in das Leben eines engagierten Berufsschullehrers.

Ich unterrichte seit 15 Jahren an einer Wiener Berufsschule, seit 12 Jahren auch das Fach Politische Bildung. Dieses Fach wurde an den Berufsschulen im Jahr 1990 aus guten Gründen eingeführt. Es ging darum, das kritische Bewusstsein der SchülerInnen zu entwickeln, sie, wenn schon nicht immun, so doch hellhörig gegenüber politischen Heilsversprechen zu machen. Begleitend wurden Einrichtungen wie etwa das „zentrum polis“, ein Informationsforum mit Lehrmaterialien im Auftrag des Bildungsministeriums geschaffen, andere NGOs, die politische Bildungsarbeit leisten, wie das Mauthausen-Komitee, AI oder der ÖGB werden unterstützt, Workshops zu Integration und Menschenrechten werden angeboten. So weit so fein.

Andererseits unterstützen teils dieselben politischen Parteien, deren Sorge (so behaupten sie) der demokratischen Entwicklung unserer Jugend gilt, Medien, die genau das Gegenteil bewirken. Sei es durch großzügige Inserate, sei es durch die Zurverfügungstellung öffentlichen Raums für deren Gratisboxen. Als vor eineinhalb Jahren die Zeitung HEUTE ihr Zehnjähriges Bestehen feierte, traten die Landeshauptleute von Wien und NÖ artig zum Gruppenfoto an.

Wenn von den Bildungsministerinnen der letzten Jahre immer wieder die Vermittlung von Medienkompetenz gefordert wird, dann frage ich mich, wieso sie sich nicht für eine Presseförderung stark machen, die endlich Qualitätskriterien anlegt. Wieso stattdessen Medien gefördert werden, die journalistische Benimmregeln mit Füßen treten. Jetzt will ja niemand das Verbot von HEUTE, ÖSTERREICH und KRONE. Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Aber dass die Yellow Press bevorzugt gefördert wird, setzt schon ein beträchtliches Quantum an Doppelmoral seitens der politisch Verantwortlichen voraus. Ob die Beweggründe in personellen Verflechtungen oder der Angst vor negativer Berichterstattung liegen, – beides macht die Sache nicht sympathischer.

Wenn denn wenigstens der Zweck die Mittel heiligen würde: Aber sieht man sich die Wählerströme des letzten Jahrzehnts an, so fällt es schwer zu behaupten, dass sich die Förderung der erwähnten Medien ausgezahlt hätte. Wie auch: Der Konsum der Gratisblätter fördert das bequeme Denken und das kommt immer noch denen zu Gute, die die scheinbar einfachen Lösungen propagieren.

Und so komme ich mir etwas verschaukelt vor. Hier die engagierte PB-Lehrkraft, die sich mutig in Anti-Ausländer-Diskussionen wirft, die Mauthausenfahrten organisiert und Parlamentarismus erklärt und da eine Klientel, die sich während der morgendlichen U-Bahnfahrt mit bunt gedrucktem Schwarzweißdenken angefüttert hat. Man darf es ihnen ja nicht vorwerfen, die Verlockung der Gratisgabe ist groß, viele Arztpraxen, die früher Zeitschriften abonniert hatten, legen nun die bunten Blätter aus. Jugendliche informieren sich heute praktisch ausschließlich über die social media und eben über die Gratiszeitungen. Vielen ist zwar bewusst, dass in diesen Medien nicht immer die reine Wahrheit verbreitet wird, ihrer Wirkung können sie sich aber dennoch nicht entziehen.

Ich unterstütze daher ausdrücklich den Antrag der Sektion 8, die Aufstellung der Entnahmeboxen im öffentlichen Raum und U-Bahnbereich zu unterbinden.

Erich Leonhard

One Response to Die Gratiszeitungsboxen und die politische Bildung der SchülerInnen

  1. susanne 20. April 2017 at 12:54 #

    so eine schnapps idee die gratiszeitungsboxen entfernen zu wollen. das ist ja zensur im höchstformat jmmo

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