VIE-BXL (12): Europäische Arbeitswelten: Zur Ökonomisierung von Wissenschaft und Kunst

VIE-BXL ist eine Serie von Beiträgen am Blog 8 im Vorfeld der Europawahl 2014.

von Tamara Ehs* und Monika Mokre**

Die Arbeitswelten von Künstler_innen und Wissenschafter_innen weisen europaweit große Ähnlichkeiten auf: Alles dreht sich ums Projekt, um den Forschungsauftrag, um die Inszenierung im doppelten Wortsinn. Es braucht nämlich heute, so scheint’s, oft nicht nur Wissen oder Kunst, sondern vor allem auch die Kompetenz zur Selbstvermarktung, zur Selbstdarstellung.

Vom sozialliberalen ins neoliberale System

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine kurze, etwa bis in die 1980er Jahre dauernde Phase sozialliberaler Reformen ein, die Wissenschaft und Kunst als konstitutiv für den demokratischen Prozess verstand und daher in sie investierte. Insbesonders bewirkte in Westeuropa die Blockkonkurrenz mit dem kommunistischen Gesellschaftsmodell den Aufbau des keynesianistischen Sozialstaats und den Ausbau der Demokratie (Segert 2013). Nicht nur die Hochschulen wurden demokratisiert, sondern auch zahlreiche Betriebe ließen Mitsprache zu; vor allem die Sozialdemokratie begriff Kunst- und Kulturpolitik als Austragungsort sozialer Auseinandersetzungen und politischer Kämpfe (Amon 200). 1989 siegte jedoch weniger das demokratische als vielmehr das kapitalistische System, das nunmehr konkurrenzlos geworden war, und seine Protagonist_innen konnten daher beginnen, sozialstaatliche und arbeitsrechtliche Errungenschaften zurückzunehmen. Kommunen und Länder müssen nun sparen, weil seit dem Ausfall öffentlicher Einnahmen (v.a. durch Steuersenkungen für Unternehmensgewinne und Kapitaleinkommen sowie durch Privatisierungen) die Mittel fehlen.

Verelendung am freien Markt

Mit der Kürzung öffentlicher Ausgaben setzt die soziale und kulturelle Verelendung ein. Seither sind auch jene, die sich öffentlich engagieren und empören wie etwa Künstler_innen und Geistes- und Sozialwissenschafter_innen, wieder freigesetzt, also auf dem „freien“ Markt. Wenn sie dort keinen Erfolg haben, so die Marktlogik, dann weil sie eben nicht gut genug sind, weil sie nichts erforschen oder künstlerisch erzeugen, was der Markt gerade braucht, weil sie im Wettbewerb nicht bestehen. Sie haben alle Chancen, doch wahrscheinlich schöpfen sie ihr Potential nicht aus… Doch der Arbeitsmarkt erhielte nach dieser Logik hoch motivierte, selbständige, flexible Menschen, die zudem aufgrund ihrer Vereinzelung und ihrer regelmäßigen Ortswechsel weder gewerkschaftlich organisiert noch politisch engagiert sind – der Traum eines_r jeden Arbeitgebers_in.

Prekarisierung der Demokratie

Die Auswirkungen einer solchen Arbeitswelt auf die Demokratie sind jedoch fatal. Das gilt für Wissenschafter_innen, die entgegen der jüngsten Aussagen von Susanne Weigelin-Schwiedrzik, der Vizerektorin der Universität Wien, durch permanente Unsicherheit gerade nicht zu Höchstleistungen angespornt werden. Falls sie mittels Selbstökonomisierung doch reüssieren, dann nur in einem sehr begrenzten, hochspezialisierten Bereich. Mit der Spezialisierung geht jedoch stets eine steigende Kritiklosigkeit gegenüber dem Gesamtzusammenhang einher und auch eine Individualisierung, die das gemeinsame Bewusstsein als Wissensarbeiter_innen verschleiert und Solidarisierung verunmöglicht. Doch sind die Wissenschaften, allen voran die Geistes- und Sozialwissenschaften, auf ihrer Suche nach Erkenntnis grundsätzlich politisch. Ebensowenig ist künstlerisches Wirken neutral, gerade weil das Ästhetische eben nicht bloße Dekoration ist. Das Handeln von Wissenschafter_innen und Künstler_innen wirkt in die Sphäre des Politischen. Dieses Handeln durch immer unsicherere Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu gängeln, äußert sich schließlich in einer formal noch bestehenden, letztlich aber inhaltsleeren Demokratie. Die Unsicherheit der Arbeitsbeziehungen – und das gilt nicht nur für Wissenschaft und Kunst – resultiert in einer Unsicherheit der Lebensplanung, in einer „Prekarisierung des Privatlebens“ (Boltanski 2007), wodurch letztlich auch die Fragilität der Gesellschaft insgesamt wächst (Deutschmann 2008).

Man mag einwenden, dass dies doch ein Problem von einigen ohnehin Privilegierten ist, doch nicht selten werden exakt diese Arbeits- und Lebensverhältnisse – Enthusiasten ohne feste Löhne, ohne existenzielle Absicherung, ein Heer freier Dienstleister – von Unternehmensberatungen als Modell für den europäischen Arbeitsmarkt der Zukunft gepriesen.

Europäisierung im Zeichen der Wettbewerbsfähigkeit

Die Europäische Kommission ebenso wie die nationalen Fachminister_innen bei Ratstreffen treiben diese Entwicklungen dies- und jenseits der bestehenden EU-Verträge voran. Mit dem Bologna-Prozess im Bereich der Wissenschaft und den europäischen Förderungsprogrammen für Kultur, Kreativwirtschaft und Medien greifen sie direkt in Wissenschafts- und Kulturpolitiken ein. Hier gilt es allerdings zu differenzieren: Während der Bologna-Prozess die europäische Universitätslandschaft entscheidend umgestaltet hat, stellten die Kulturförderungsprogramme bislang eine finanziell wenig bedeutende Ergänzung nationaler Programme dar. Gemeinsam ist beiden Politikfeldern aber die dahinter stehende Philosophie, die prägnant als „Europäisierung plus Wettbewerbsfähigkeit“ oder auch als „Europäisierung zum Ziel der Wettbewerbsfähigkeit“ zusammengefasst werden kann. Die grundlegende Position wurde in der Lissabon-Strategie (2000-2010) festgelegt, mit der die Europäische Union zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Raum der Welt“ gemacht werden sollte und wird nun in der Strategie Europa 2020 fortgeschrieben.

Diese Prozesse und Strategien verfolgen das Ziel, an den Universitäten europaweite Vergleichbarkeit von Studiengängen einzuführen, um die individuelle Mobilität zu erleichtern. Zeitgleich erhöhte sich allerdings der Wettbewerbsdruck zwischen den Universitäten und führte zu zunehmender Spezialisierung von Studiengängen, sodass vielerorts gar nicht mehr von universitas gesprochen werden kann. Das Bologna-System führte bislang zu einer starken Verschulung von Universitätsstudien im Sinne der späteren Beschäftigungsfähigkeit der Absolvent_innen, die zudem nicht mehr als Teil der Akademia, sondern als mit marktkonformem Wissen zu bedienende „Kunden“ angesehen werden. Dem Humboldtschen Ideal einer Bildung, die im Unterschied zur Ausbildung in erster Linie Selbstzweck und Selbstbewusstwerdung ist, wird hierbei eine klare Abfuhr erteilt.

Maßstab „Wertschöpfungskette“

Im Kulturbereich ist eine klare Ausrichtung an europäischen Wirtschaftszielen erst seit diesem Jahr zu beobachten. Bisher hatten zwar die Media-Programme eine deutlich ökonomische Zielsetzung, die Kulturprogramme verschrieben sich aber in erster Linie der europäischen Vernetzung kultureller Aktivitäten. Mit dem neuen EU-Kulturprogramm Creative Europe wurden nun die bisherigen Programme Kultur, Media und Media Mundus zusammenführt. Hierbei geht es nun vor allem um Beschäftigungspotenziale im Kultur- und Kreativsektor. „Kultur“ ist definiert „als Katalysator für Kreativität innerhalb des Rahmens für Wachstum und Beschäftigung“; das Programm spricht von „Wertschöpfungsketten“. Kulturschaffende kritisieren die Entpolitisierung des Kulturbegriffs und den Trend zur schnellen Verwertbarkeit; statt Szenen würden Subjekte gefördert und Scheitern sei nicht erlaubt (Bruell 2013).

Diese Ökonomisierungsprozesse stehen den spezifischen Logiken von Kultur und Wissenschaft entgegen. Zwar ist unbestritten, dass auch hier gesellschaftliche Leistungen erbracht werden müssen und erbracht werden, doch sind diese Leistungen gerade so beschaffen, dass sie nicht von außen diktiert und mit Kenn- und Messziffern versehen werden können. Somit steht zu befürchten, dass die kurzfristige ökonomische Orientierung zeitgenössischer Kultur- und Wissenschaftspolitik die gesellschaftliche Relevanz von Kultur und Wissenschaft langfristig schädigt. Wissenschaft und Kunst sollten nicht als Produkte verstanden werden, stattdessen muss für die Bedingungen kreativen Schaffens gesorgt werden!

Was passiert, wenn die Ökonomisierung von Kunst und Wissenschaft weiter voranschreitet? Kunst nur noch von Reichen für Reiche? Unkritische Dekoration? Kulturwirtschaftliche Orientierung an der Quantität des Publikums? Nur noch aktuell gewinnträchtige und angewandte Forschung? Keine Wissenschaft abseits des Mainstreams und gegen Modetrends?

Diese Fragen diskutieren wir am Donnerstag, 15. Mai, im IWK (Berggasse 17) mit Maria Dabringer von der IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen und Sabine Kock von der IG Freie Theaterarbeit.

Literatur:

  • Amon, Michael (2010): Sozialdemokratische Kulturpolitik?, in: Die Zukunft 2/2010
  • Boltanski, Luc (2007): Leben als Projekt, in: Polar, 2/2007, online: http://www.polar-zeitschrift.de/position.php?id=110#110
  • Bruell, Cornelia (2013): Kreatives Europa 2014-2020: Ein neues Programm – auch eine neue Kulturpolitik?, Stuttgart: ifa – Institut für Auslandsbeziehungen
  • Deutschmann, Christoph (2008): Kapitalistische Dynamik. Eine gesellschaftstheoretische Perspektive, Wiesbaden: VS Verlag.
  • Segert, Dieter (2013): Transformationen in Osteuropa im 20. Jahrhundert, Wien: facultas.

*Tamara Ehs ist Politikwissenschafterin in Wien und Salzburg sowie Vizepräsidentin des IWK (Institut für Wissenschaft und Kunst). Am Donnerstag, den 15. Mai, veranstaltet sie am IWK die Tagung Wissenschaft und Kunst sind freigesetzt! Eine Unruhestiftung am Vorabend der Wahlen zum Europäischen Parlament  (auf Facebook).

** Die Politikwissenschafterin Monika Mokre, Mitarbeiterin des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW, wird aus diesem Anlass über Ökonomisierung von Kunst und Wissenschaft im europäischen Kontext referieren.

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