von Anna Hausmaninger
Der 1. Mai nähert sich. Die Vorbereitungsarbeiten für das traditionelle Hoffest der Sektion Acht laufen. Die gesamte Sozialdemokratie bereitet sich auf ihren wichtigsten Kampf- und Feiertag vor: die einen im Rahmen ihrer bezahlten politischen Arbeit, die anderen engagieren sich freiwillig neben ihrer Erwerbs- und Sorgetätigkeit. Politische Reden werden geschrieben, Biertische für Maifeiern organisiert, aktivistische Plakate bemalt. Manch eine Genossin aus der Sektion überlegt, wie sie die unbezahlte Carearbeit für ihr Kind „auslagern“ kann, um so wenigstens ein oder zwei Stunden für das Hoffest einzubringen. Vielleicht geht sich neben Kind und Kegel „wenigstens“ ein selbst gebackener Kuchen fürs Buffet aus.
Der Erste Mai ist der wichtigste „Feiertag“ der Arbeiter*innenbewegung. Ein Tag, an dem Missstände angeprangert, Errungenschaften gefeiert werden. Ursprünglich war es der Tag des Gedenkens an die Opfer der sogenannten „Haymarket Affair“: Am 1. Mai 1886 begann in Chicago ein mehrtägiger gewerkschaftlich organisierter Streik, um die tägliche Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden durchzusetzen. Es kam am 3. Mai zur Eskalation zwischen Demonstrierenden und Polizei, die zahlreiche Todesopfer und Verletzte forderte. Im Anschluss wurden in politisch geführten Prozessen gegen acht Aktivisten Todesurteile verhängt.
An eine der Forderungen aus der 8-Stunden-Bewegung erinnert das in der damaligen Zeit entstandene Kampflied „8 Stunden“, dessen Refrain lautet: „Eight hours for work, eight hours for rest, eight hours for what we will.“ Eine historische Forderung, die mindestens hierzulande längst umgesetzt ist, könnte vermutet und stolz auf die Errungenschaften der Arbeiter*innenbewegung verwiesen werden. Dies gilt jedoch nur, wenn wir einerseits von einem sehr engen Arbeitsbegriff, dem der Erwerbsarbeit, ausgehen und andererseits auf die „acht Stunden für das, was wir wollen“ – sei dies ungestört (!) ein feines Buch zu lesen, Freund*innen zu treffen oder einfach nur die Sonne zu genießen – vergessen. Diese Zeit steht etwa all jenen, die neben der Erwerbsarbeit für ein Kind, für eine pflegebedürftige Person oder für mehrere Menschen zu sorgen haben, meist nicht zur Verfügung. Für sie schrumpft die „freie“, selbstbestimmte Zeit oft auf ein Minimum oder ist nicht mehr existent. Sie bewegen sich in einer Endlosschleife zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit. Die spontanen Bedürfnisse und Zurufe von Chef*innen, Kolleg*innen, Kindern, Angehörigen geben von früh bis spät den Tagesrhythmus vor: ein Kleinkind, das Hunger hat, ein Anruf aus dem Kindergarten, ein Notarztbesuch, eine Unterschrift oder auch nur die 17 Euro 80 Cent für den Ausflug in bar und „bitte genau abgezählt“, die heute in der Schule benötigt werden (was Eltern typischerweise 3 Minuten bevor das Kind zur Schule losläuft, erfahren) – um all das kann man sich nicht dann kümmern, „wenn es ins Konzept passt“. Sofortiges Handeln ist erforderlich. Aber auch der Arbeitstag der „24-Stunden-Betreuerinnen“ dauert – wie bereits die Job-Bezeichnung sagt – drei Mal so lange wie im vor-vorigen Jahrhundert gefordert.
Auf Kosten ihrer selbstbestimmten Zeit, auf Kosten ihres Wohlstandes und oft auch auf Kosten ihrer Gesundheit stemmen Frauen neben der Erwerbsarbeit den Großteil der unbezahlten Carearbeit für unsere Gesellschaft. Ein Missstand, den Franziska Schutzbach in ihrer soziologischen Untersuchung „Die Erschöpfung der Frauen – Wider die weibliche Verfügbarkeit“ präzise analysiert und unmissverständlich offenlegt. „Für die Frauen ist zu Hause nur Schichtwechsel!“, zitiert Käthe Leichter bereits vor bald hundert Jahren eine Arbeiterin in ihren Studien, in denen sie die Arbeitsbedingungen von Frauen analysierte.
Auf die sogenannte „reproduktive Arbeit“ oder „Sorgearbeit“ – Haushalt, Kindererziehung, Pflege – kann keine Gesellschaft, kein Wirtschaftssystem verzichten. Wie wichtig etwa gesundes, warmes Essen für unsere Kinder, für die Gesundheit unserer Bevölkerung ist, dass „Fertignahrung“ krebserregend ist, darauf werden Sorgearbeitende medial hingewiesen. Die berühmte Arbeit „hinter dem Herd“ wird im Diskurs dennoch verschmäht, die “Kosten”, die mit Einkaufen, Kochen und hinterher Aufräumen verbunden sind, scheinen in keiner Statistik auf. Auch die Gefahren, die Social Media und übertriebener Medienkonsum für unsere Kinder und Jugend darstellen, sind bekannt. Doch welche Räume, welchen Rahmen geben wir der heranwachsenden Generation in der „realen Welt“? Wer „sorgt“ für diesen Rahmen? Wer gibt der Jugend die Aufmerksamkeit, die sie auch von uns braucht? – Nach einem anstrengenden Arbeitstag gehört es zu den größten „Erziehungsherausforderungen“ von Eltern, dem „Medienkonsum“ der Kinder etwas entgegenzusetzen.
Die unbezahlte Arbeit ist nicht nur „gefühlt“ anspruchsvoll. Ihre Ausübung ist tatsächlich gefährlich. Haushaltsunfälle sind laut Kuratorium für Verkehrssicherheit die häufigste (Arbeits)-Unfallursache überhaupt. Es wird gewarnt vor Stürzen, Schnittwunden, Brand- und Verbrennungsgefahr. Nicht nur sich selbst gilt es bei der Hausarbeit zu schützen, sondern auch die oft nebenbei zu versorgenden Kleinkinder, gefährdet etwa durch Gefahren wie Strom und Gift. Eine Versicherungsgesellschaft rät Sorgearbeitenden unter der Überschrift „Konzentration schützt“ Folgendes: „Sei aufmerksam. Unfälle passieren oft durch Unachtsamkeit, wenn wir mehrere Dinge gleichzeitig tun oder gedanklich abwesend sind. Wer sich auf das Hier und Jetzt konzentriert, lebt sicherer.“ – Ein gut gemeinter Tipp, der von mit der Realität konfrontierten Sorgenden möglicherweise eher als „Schlag ins Gesicht“, denn als Rat-schlag wahrgenommen wird: Den “Luxus”, sich auf eine Sache zu konzentrieren, sich einer Sache “hingeben” zu können, haben sie schlicht nicht. Es sind gerade die Gleichzeitigkeit von Anforderungen auf den unterschiedlichsten Ebenen und das oft unterschätze Ausmaß an „Mental Load und Emotional Load“ – die organisatorische und emotionale Belastung, die mit Sorgearbeit einhergeht – welche nicht nur eine Ungerechtigkeit darstellen, sondern Sorgearbeitende auch, wie hier deutlich wird, Risiken aussetzen.
Wenig Spielraum, ihre Zeit außerhalb der Erwerbsarbeit frei zu gestalten, haben aber auch jene, die in prekären Bereichen, z. B. der bezahlten Sorgearbeit, angestellt sind. Ihr Lohn reicht im Fall der „Working Poor“ nicht einmal aus, das eigene Leben zu finanzieren. Ihnen fehlen schlicht die finanziellen Mittel, um die Lebenszeit nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten, Ausflüge zu finanzieren, am kulturellen Leben zu partizipieren, „to do what they will“. Zudem erlaubt es das geringe Einkommen auch nicht, einen Teil der eigenen Sorgearbeit auszulagern, also dafür zu bezahlen. Diese schlecht bezahlten Arbeiten werden oft von Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft übernommen. In einem Land mit einem der restriktivsten Einbürgerungsgesetze im internationalen Vergleich haben sie kein politisches Mitbestimmungsrecht, was Veränderung erschwert und Ausbeutung vereinfacht.
Wider all unsere Erfahrung wird die Bedeutung der Carearbeit für die Wirtschaftsleistung eines Staates oft verschleiert, müsste man sich wohl sonst mit einer nicht zu rechtfertigen Ungleichheit befassen: Für das Jahr 2022 hat das Momentum Institut errechnet, dass unbezahlte Arbeit 23% der österreichischen Wirtschaftsleistung entspricht. Insgesamt arbeitet Österreich jährlich rund 16 Milliarden Stunden, zwei Drittel davon sind unbezahlt! Würde man die unbezahlte Arbeit in die Berechnung des Gender Pay Gap einbeziehen, würde laut Momentum Institut durch die Mehrarbeit der Frauen im unbezahlten Sektor die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen von 15,8 % auf 45 % steigen. Ein inakzeptabler Zustand.
Die Datenlage zum Thema ist erdrückend, aber auch die Bereitschaft, das Problem zu benennen und sichtbar zu machen, steigt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass es sich in Museumsräume hineinreklamiert. Beobachtbar ist, dass Museen zusehends ihren – oft unhinterfragt verwendeten – Arbeitsbegriff überdenken und unbezahlte oder schlecht bezahlte Carearbeit zum Thema von Ausstellungen machen. In Wien sind gleich mehrere Ausstellungen parallel zu sehen, die die herkömmliche Gleichstellung von „Arbeit“ mit „Erwerbsarbeit“ herausfordern:
Die Albertina Modern zeigt aktuell bis zum 28. Juni 2026 unter dem Titel „Care Matters“ Werke von 33 Künster*innen, die in Fotos, Objekten und Installationen Sorgearbeit sichtbar machen und deren ungleiche Verteilung (zwischen den Geschlechtern, aber auch global) kritisch reflektieren und Missstände benennen.
Die Ausstellung „Alles in Arbeit“ im Dommuseum – zu sehen bis 30. August 2026 – verhandelt „Arbeit“ als zentralen Aspekt menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Vor dem Hintergrund der sich tiefgreifend wandelnden Arbeitswelt – Plattformarbeit, Digitalisierung, Arbeitsmigration, Care-Krise – stellt die Ausstellung mit historischen und zeitgenössischen Werken den Begriff „Arbeit“ zur Debatte und diskutiert dabei auch die Abwesenheit von Arbeit, etwa die „Pause als Protest“.
Während die beiden genannten Ausstellungen die künstlerische Auseinandersetzung mit Care-Arbeit in den Mittelpunkt stellen, nähert sich eine dritte Ausstellung dem Thema aus einer historischen Perspektive: Im Haus der Geschichte Österreich ist bis 10. Jänner 2027 die Ausstellung „Alles Arbeit. Frauen zwischen Erwerbs- und Sorgetätigkeit, Fotoarchiv Blaschka 1950–1966“ zu sehen. Die Ausstellung des Museums für Geschichte Graz (Universalmuseum Joanneum) beschäftigt sich mit dem Verhältnis von bezahlter und unbezahlter Arbeit im Leben von Frauen in der Steiermark der Nachkriegszeit. Ausgangspunkt war das Archiv einer Grazer Pressefotoagentur. Anhand der Fotografien von Frauen in Arbeitskontexten werden Geschlechterverhältnisse und die Rolle von Bildern bei der Konstruktion gesellschaftlicher Normen thematisiert und auch in Bezug zu den Erfahrungen der Ausstellungsbesucher*innen gesetzt.
Bezahlte, unbezahlte, politische, physische, intellektuelle Arbeit wird dem üblichen und in der Ausstellung hinterfragten Wertekontext enthoben und unter dem Titel „Alles Arbeit“ hierarchiefrei nebeneinander gestellt. Mitten in den repräsentativen Räumlichkeiten der Hofburg, die Reichtum und Macht der Herrschenden zur Schau stellen, wird der Arbeit von Frauen aus der Steiermark in den 50er- und 60er-Jahren Sichtbarkeit und vor allem Wertschätzung gegeben. Gleich vom Treppenaufgang zum „Alma Rosé-Plateau“ blicken wir auf großformatige Fotografien: Eine Dachdeckerin und eine Frau mit einem Staubsauger in der Hand empfangen die Besucher*innen in Lebensgröße. Es ist verblüffend, wie die Schwarz-Weiß-Fotos in der Architektur der Neuen Burg zur Geltung kommen. So hängen diese beiden Bilder etwa neben einer Gemäldegalerie habsburgischer Männer auf der sogenannten „Prunkstiege“. Nun direkt neben den tatkräftigen Frauen platziert wirkt Joseph I. auf dem Gemälde verloren, sein Feldherrenstab scheint im Vergleich zum Staubsauger nutzlos.
Die Ausstellung setzt sich über übliche Kategorisierungen von Arbeit hinweg: Es ist für uns nicht erkennbar, ob eine fotografierte Arbeit in einem professionellen Kontext als Erwerbsarbeit oder „privat” als unbezahlte Arbeit ausgeführt wird. Damit tritt die Unsinnigkeit der strikten Trennung von bezahlter und unbezahlter Arbeitsleistung im Gesellschaftsdiskurs zutage.
Die drei Ausstellungen bieten eine gute Gelegenheit, sich intensiv mit dem Arbeitsbegriff und der ungleichen Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit auseinanderzusetzen. Diese ungleiche Verteilung von Erwerb und Arbeit zwischen den Geschlechtern, die zu Pay-Gap, Pension-Gap und Care-Gap führen, fordert sozialdemokratisches politisches Handeln. Ein wesentlicher Schritt in Richtung Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist die Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie, die derzeit von der Regierung ausgearbeitet wird. Diese wird es uns, so hoffen wir, noch diesen Sommer ermöglichen, offen über unsere Gehälter zu reden und Durchschnittslöhne von unseren Arbeitgeber*innen zu erfragen.
Reden wir dann also über unsere Löhne! Reden wir – Männer wie Frauen – aber auch über unbezahlte Hausarbeit, über Sorgearbeit, über Mental und Emotional Load. Reden wir darüber, wie viel Zeit wir damit verbringen, was uns daran freut, was uns belastet und was sie uns kostet. Reden wir darüber, ob wir Haus- und Sorgearbeit delegieren (können) oder alles an uns selbst „hängen bleibt“. Haben wir Großeltern oder Verwandte, die uns unterstützen? Haben wir finanzielle Ressourcen, Sorgearbeit auszulagern? Wer hilft uns beim Putzen, Kochen, bei der Kindererziehung? Reden wir darüber, wie viel wir den Menschen, die für uns putzen, kochen, Kinder versorgen oder uns pflegen, bezahlen. Reden wir auch darüber, wer für die – oft in anderen Staaten lebend – Kinder und Eltern derjenigen sorgt, die uns die Sorgearbeit abnehmen. Reden wir über die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen für unbezahlte Sorgearbeit: Gibt es einen schönen Park ums Eck, in dem Kinder sicher miteinander spielen können, haben wir einen eigenen Garten oder muss das Kind quer durch die Stadt begleitet werden, um sich frei bewegen zu können? Haben die Kinder in der Bildungseinrichtung eine gesunde, warme Mahlzeit erhalten, oder liegt es an uns, diese am Abend (nach der Erwerbsarbeit) bereitzustellen oder sie schon in der Früh “vorzukochen”?
Museen und Prunkräume der Republik haben sich geöffnet, um dem Thema der (unbezahlten) Sorgearbeit Raum zu geben, es sichtbar zu machen. Die Ausstellungen fordern gerade auch am Tag der Arbeit dazu auf, den Arbeitsbegriff neu zu denken und die konkreten rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für „alle Arbeit“ zu schaffen: Es geht um eine gerechte Aufteilung von Arbeit und Erwerb. Es geht darum, die Sorge füreinander in unserer Gesellschaft zu teilen und ihr Raum und Wertschätzung zu geben. Es geht um ein gutes Leben für alle. Das Recht auf selbstbestimmte Zeit steht allen Menschen zu.


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