Anmerkungen zur Krise (1): Der Turm stürzt ein

Simon Sturn

Vom IWF, über die Financial Times und The Economist, zu bekannten Ökonom/inn/en wie Joseph Stiglitz, Barry Eichengreen, Alan Greenspan, etc. sind sich alle einig: diese Finanzkrise ist die schlimmste seit der Großen Depression 1929.

Mit massiven Interventionen von Seiten der Zentralbanken und der Finanzministerien konnte  fürs erste ein Totalkollaps des Systems verhindert werden. Durch die glaubhafte Versicherung, dass die Regierungen der reichen Staaten dieser Welt alles tun, um den Finanzkreislauf am leben zu halten, und auch vor Verstaatlichungen von Banken nicht zurückschrecken, ist ein run auf diese vorerst abgewendet. Noch ist der Finanzkreislauf aber nur notdürftig reanimiert, und die Krise ist noch lange nicht ausgestanden. Das Schlimmste kommt noch (bigthink.com). The Economist beschreibt die Lage der Weltkonjunktur so:

According to the IMF’s most recent World Economic Outlook, published on Wednesday, the world economy is ‘entering a major downturn’ in the face of ‘the most dangerous shock’ to rich-country financial markets since the 1930s. The fund expects global growth, measured on the basis of purchasing-power parity (PPP), to come down to 3% in 2009, the slowest pace since 2002 and on the verge of what it considers to be a global recession. (…) Given the scale of the financial freeze, the fund’s forecast looks optimistic. Other forecasters are convinced that a global recession is inevitable. Economists at UBS, for instance, expect global growth of only 2.2% in 2009. The rich world’s economies were either shrinking, or close to it, long before September. Recent weeks have made a rich-world recession all but inevitable. (…) Exports will be hit as recession grips the rich world. Falling commodity prices bode ill for the countries that produce them, notably in Latin America. (…) Thanks to more disciplined macroeconomic policies and large cushions of reserves, many emerging economies have strong defences against a rich-world downturn. But they will not escape unscathed. A mild global recession is the best that can be hoped for.

Wenn alles gut läuft, darf in den USA und Europa mit einem verhältnismäßig moderaten Rückgang des BIPs und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um etliche hunderttausend Personen in den nächsten Jahren gerechnet werden (FTD: „Die US-Wirtschaft verlor seit Jahresbeginn 760.000 Jobs.“). Die Berufsoptimisten des IWF prognostizieren der Eurozone für 2009 einen Rückgang des realen BIP-Wachstums von 1,3% auf 0,2%, und einen Anstieg der standardisierten Arbeitslosenquote von 7,6% auf 8,3% (IMF). Ähnliche Zahlen finden sich in der deutschen „Gemeinschaftsdiagnose“. Vorraussetzung für diese recht optimistische Prognose ist, dass der private Konsum relativ stabil bleibt. Ob das in Zeiten einer globalen Rezession sehr wahrscheinlich ist? Es könnte also auch deutlich schlimmer kommen (vgl. z.B. Nouriel Roubini, Boeckler-Stiftung oder Jeff Frieden).

Die Situation ist ernst; das einzig positive was sich ihr (mit Müh und Not) abgewinnen lässt, ist, dass es diesmal schwer fallen dürfte, das übliche Arbeitsmarktdogma zu verkaufen, wonach Sozialstaat, Gewerkschaften und faule Arbeitslose schuld an der hohen Arbeitslosigkeit sind. Dennoch, nach der neoklassischen und (der Mainstream-Variante der) neukeynesianischen Ökonomie bedeutet Arbeitslosigkeit letztendlich nichts weiter, als dass die Löhne zu hoch, und die Anreize zu arbeiten zu gering sind.

Die zentrale Frage die sich in den nächsten Monaten und Jahren stellen wird ist: Wer bezahlt für diese Krise? Und damit sind nicht Steuerzahler/innen vs. gieriger Banker/innen gemeint. Die Frage wird sich allgemeiner stellen, der Konflikt zwischen Lohneinkommens¬bezieher/innen und Arbeitslosen (alias Proletarier/innen) vs. Kapitaleinkommens¬bezieher/innen und Manager/innen (alias Kapitalist/innen) wird sich massiv verschärfen. Bisherige Finanzkrisen in Entwicklungs- und Schwellenländern haben gezeigt, dass diese Massenarbeitslosigkeit, eine Zunahme der Armut, und Einkommensumverteilung zugunsten der Kapitaleinkommen hervorrufen.

Crises are episodes where the distributional struggle intensifies, and the pro-capital balance of power relations that have shaped the era of neoliberal globalization becomes particularly dominant. Thus the outcomes of a crisis are not class neutral. (Onaran)

Der Ruf von Arbeitgeber/inne/n nach mäßigen Lohnabschlüssen angesichts der sich verschlechternden Auftragslage ist bereits zu hören (Märkische Allgemeine).

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