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Thomas Nowotny: Für immer jung geblieben

Am 9. März verstarb unser langjähriger Aktivist Thomas Nowotny im Alter von 88 Jahren. Auf seinen Wunsch hielt unser Mitgründer Nikolaus Kowall bei seiner Verabschiedung in der Feuerhalle Simmering eine Trauerrede. Nach vielen Blogbeiträgen von Tommy nun also ein letzter über ihn:

von Nikolaus Kowall

Thomas Nowotny war Sekretär von Bruno Kreisky, Generalkonsul in New York, Konsulent bei der OECD in Paris und Dozent an der Universität Wien. Eine glänzende Karriere – und doch ist das nicht der Thomas Nowotny, den ich kennengelernt habe. Als er in Pension ging, machte ich Matura, und das war noch immer zehn Jahre bevor sich unsere Wege kreuzten.

Meinen Tommy Nowotny lernte ich erst später kennen. Seinen ersten Artikel für den Blog der Sektion Acht schrieb er 2012, mit 75 Jahren. Die Protokolle vermerken seine erste Teilnahme an einer Jahreskonferenz anno 2013.

Er besuchte etliche politische Veranstaltungen, marschierte bei jedem 1. Mai mit – später mit seinem Elektro-Roller. Er brachte sich immer auf höchstem Niveau inhaltlich ein, zuletzt im Winter, als Finanzminister Markus Marterbauer zu Gast war. Er fungierte als Testimonial für Kampagnen der Sektion Acht und nahm sogar in der Corona-Zeit online an Versammlungen teil. Das nötige technische Know how eignete sich der 80-Jährige extra an. Er war publizistisch extrem produktiv und verfasste fundierte politische Anträge. Letztere hatten oftmals etwas Überlänge und nicht alle wurden von einer Mehrheit angenommen. Dabei fiel Tommy kein Stein aus der Krone. Und das, obwohl er jemand war, das halbe politische Establishment des Landes im Handy eingespeichert hatte.

Was ihn auszeichnete, war etwas anderes: Er sprach über Inhalte, nicht über Personen. Er war neugierig, nicht nostalgisch. Er suchte keine Antworten der 1970er-Jahre für die Fragen der Gegenwart – im Gegenteil, seine geistige Beweglichkeit hielt ihn bis zuletzt am Puls der Zeit. Auf wundersame Weise verband er intellektuelle Flexibilität und weltanschauliche Grundsatztreue.

Besonders deutlich wurde mir das 2022. Gemeinsam mit der engagierten Unterstützung von Eva und Tommy verfasste ich für die Sektion Acht einen außenpolitischen Antrag: Maximale Unterstützung der Ukraine im Rahmen der Neutralität. Tommy und ich waren aufgefordert den Text vor der Antragsprüfungskommission der SPÖ Wien zu begründen und bei kritischen Rückfragen Rede und Antwort zu stehen.

Die Szene hatte etwas von einer Prüfungssituation. Tommy aber meisterte sie mit Enthusiasmus und Rollator. Es war ungemein beruhigend, in diesem Moment jemanden an der Seite zu haben, der Erfahrung und Kompetenz so selbstverständlich verkörperte. Seine direkte Verbindung zum Bürgermeister hat sicher nicht geschadet, dass der Antrag letztendlich den entscheidenden Ausschuss der SPÖ Wien passierte. Am Bundesparteitag 2023 wurde der Text sogar offizielle Position der österreichischen Sozialdemokratie.

Aus diesen Aktivitäten entstand schließlich die „Initiative demokratische Außenpolitik“. Eine weitere ehrenamtliche Basisgruppe, in der sich Tommy leidenschaftlich engagierte. Dabei ließ sich erkennen, wie groß und strategisch er dachte: Letzten Herbst machte Tommy in unserer Initiative den Vorschlag, Österreich solle in der Versammlung der Vereinten Nationen eine Resolution einbringen: Sofortiger Waffenstillstand in Gaza und in der Ukraine. So könnte Europa für Frieden und Völkerrecht einstehen, Russland isolieren, sich aus der Umklammerung der USA lösen und auf den globalen Süden zugehen. Wir waren entzückt. Die Versuche unseres Sprechers Helfried Carl die Idee in Außenministerium und SPÖ zu deponieren, blieben leider ohne Erfolg.  

Der Thomas Nowotny, den ich kannte, war weder Mitarbeiter in einem Regierungskabinett noch Karriere-Diplomat, sondern ein politischer Aktivist.

Er war nahbar, herzlich, unprätentiös und konnte Menschen zusammenbringen. Wenn Eva Maltschnig ihre kleinen Kinder mithatte, war er ihnen zugewandt und freute sich sichtbar an ihrem Leben teilzuhaben. Nach einer großen Veranstaltung mit Ibiza-Aufdecker Julian Hessenthalter sagte er zu Lea Six mit einem Funkeln in den Augen: „Es war so lebhaft, es war so schön.“ Die Sektion Acht war für ihn nicht nur intellektuell ein Jungbrunnen. Noch aus dem Krankenhaus rief er Mati Randow an, um mit ihm – der noch einmal zwanzig Jahre jünger ist als ich – über die strategische Bedeutung des Themas Wohnen zu sprechen. Natürlich mit Bezugnahme auf einen mehrseitigen Antrag, den er Jahre zuvor eingebracht hatte.

Vor einigen Wochen startete die besagte Initiative demokratische Außenpolitik einen Blog – eigentlich ein ideales Format für Tommy. Ich habe ihn Anfang März angerufen, um ihm eine fixe Kolumne anzubieten. Er hat nie mehr zurückgerufen.

Warum hat Tommy jemanden gebeten, hier zu sprechen, dessen Wege die seinen so spät gekreuzt haben?

Die Gespräche der letzten Tage geben darauf eine klare Antwort: Sein Alter hat ihn körperlich eingeschränkt, aber nie geistig. Er hat die letzten Jahre nie als eine Epoche betrachtet, die nicht mehr seine ist. Im Gegenteil – er hat aktiv nach zeitgenössischen Ideen gesucht und den politischen Aktivismus als Möglichkeit verstanden, diese Ideen in die Gesellschaft einzubringen.

Ich glaube, das ist eine sehr konkrete, gelebte Form davon, „bis zum Schluss jung zu bleiben“. Thomas Nowotny hatte die letzten Jahre körperlich viel ertragen. Und dennoch bereitete ihm das Leben ein außergewöhnliches Geschenk: Er ist für immer jung geblieben.

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