Ihresgleichen geschieht: Mehr Binnen-I wagen?

Leonhard Dobusch

Ohne Binnen-I, dafür mit Sternchen, Unter-und Schrägstrich - eigentlich ziemlich ästhetisch, dieses Falter-Logo :-)

Ohne Binnen-I, dafür mit Sternchen, Unter- und Schrägstrich – eigentlich ziemlich ästhetisch, dieses Falter-Logo 🙂

Ich bin langjähriger Falter-Leser. Mehrere Jahre lang ließ ich mir den Falter sogar um horrende Summen im Rahmen eines Auslandsabos nach Berlin schicken. Und auch heute lese ich den Falter immer noch sehr gerne, besonders Armin Thurnhers Formulierungsfreude in seinen „Seinesgleichen geschieht“-Leitartikeln erfreut mich jedesmal aufs Neue. So auch diese Woche, in der Thurnher über den „Kampf um die Sprache“ schreibt und kritisiert, dass ich seinen „Kollege[n] Florian Klenk als ’sprachkonservativ‘ ein[ordne], bloß weil der einen Artikel des Schriftstellers Daniel Scholten aus dem Merkur zitiert hatte.“

Das stimmt so nur halb. Denn der Verweis auf den Merkur-Artikel war mir herzlich egal, ich habe ihn nicht einmal erwähnt. Mir ging es darum, dass Klenk die Inhalte und Argumente des Briefs der 800 wider das Binnen-I auf Twitter verteidigt und gemeint hat, Sprache beeinflusse die Wahrnehmung nicht. Dem habe ich mit Anatol Stefanowitsch den Stand psycholinguistischer Forschung entgegengehalten, die genau das nachweist. Thurnher adressiert auch diesen Punkt in seinem Leitartikel:

„Psycholinguistik hin oder her, das generische Maskulinum existiert genauso wie das generische Femininum (‚die Person‘).“

Die Nonchalance mit der hier wissenschaftliche Erkenntnisse vom Tisch gewischt werden, ist schon bemerkenswert. Kaum vorstellbar, in einem Falter-Leitartikel zur Bildungsdebatte mit „Erziehungswissenschaften hin oder her“ zu argumentieren. Und auch der zweite Teil des Satzes ist erstaunlich, betrifft er doch den Kern der Auseinandersetzung, den Unterschied zwischen grammatischem und natürlichem* Geschlecht.

Thurnher schmäht in seinem Leitartikel den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch als „unvermeidlich“ und zeiht ihn der „Manipulationskunst“, ohne sich auch nur in einem Halbsatz mit dessen Forschung auseinanderzusetzen. Zur Klarstellung: natürlich kann auch der „state of the art“ in einem Forschungsbereich Kritik verdienen – der herrschende neoklassische Mainstream in der Ökonomie ist der beste Beweis dafür. Aber Kritik daran muss sich an wissenschaftlichen Maßstäben messen lassen könnnen, will sie mehr sein als bloße Polemik.

Die spannende Frage ist, warum auch kritische und kluge JournalistInnen wie Armin Thurnher und Florian Klenk sich mit geschlechtersensibler Sprache so schwer tun? Warum werden gerade – ich bin fast versucht zu sagen: nur – in diesem Bereich, wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert oder lächerlich gemacht?

Der Verweis auf das „ästhetische Argument“ kann das sicher zum Teil erklären. Gute JournalistInnen lieben ihr Sprachwerkzeug. Andererseits ist Sprachästhetik in erster Linie Konvention. Und Konvention wird in anderen Bereichen von kritischen DenkerInnen kaum als Rechtfertigung akzeptiert.

Eine These wäre, dass gerade das kritische Selbstverständnis der genannten JournalistInnen einer Öffnung gegenüber sprachprogressiven Ideen entgegensteht. Denn würde man sprachwissenschaftliche Erkenntnisse so ernst wie jene der Klimaforschung oder der Erziehungswissenschaft nehmen, das redaktionelle Verbot geschlechtergerechter Formulierungen wäre kaum mehr aufrechtzuerhalten.

Florien Klenk hat sich auf Twitter gegen die Bezeichnung als Sprachkonservativer gewehrt und sich stattdessen als „sprachliberal“ bezeichnet. Wenn dem so ist, was spricht dann dagegen, es im Falter in Zukunft den Autorinnen und Autoren zu überlassen, welche Form sie für Ihre Artikel wählen? Mehr Binnen-I wagen!

*„Natürlich“ bezieht sich hier auf Merkmale (z.B. biologische), nach denen Personen sprachlich einem Geschlecht zugeordnet werden (vgl. dazu auch eine Erklärung Stefanowitschs).

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6 Responses to Ihresgleichen geschieht: Mehr Binnen-I wagen?

  1. punto 26. Juli 2014 at 17:29 #

    Es ist natürlich unfair, aber ich frage trotzdem: was ist denn durch das mittlerweile schon jahrelange gendern für die Frauen besser geworden? Ich meine für die Frauen, die es wirklich bräuchten, weil sie mit irgend einer Drecksarbeit einen Dreck verdienen und nicht Funktionärinnen, die sich mit diesem Unsinn eine gut bezahlte Pfründe verdient haben. Nichts, aber wirklich nichts.

    Die diversen Frauenabteilungen in Partei und Gewerkschaft beschäftigen sich seit Jahren nur mehr mit solchen Fragen. Dabei entsteht oft der Eindruck, dass sie das Gleichbehandlungsgesetz aus dem Jahre 1979 (Dohnal, Kreisky) gar nicht wertschätzen, weil sie auch schon begriffen haben, dass ihre so wertvolle Tätigkeit durch das Gesetz schon von Anfang an überflüssig ist.

    Wenn man aber als Betriebsrat eine Stelle sucht, wo vielleicht eine Kollegin eine Beratung erhalten könnte, kann man „die Frauen“ vergessen.

    Für mich und Generationen vor mir waren die weiblichen Kollegen immer ein selbstverständlicher Teil der Arbeiterschaft dessen explizite Erwähnung aufhorchen ließ, weil das immer einen besonderen Grund hatte. Nicht immer einen wohlmeinenden.

    Für mich ist es widersprüchlich, die Gleichstellung beider Geschlechter und die Hervorhebung eines der beiden gleichzeitig zu betreiben.

    Außerdem zeigen mir meine Kontakte mit Kollegen beider Geschlechter, dass unserer Wählerzielgruppe das Verständnis für eine solche „Politik“ fehlt.

    Falls die SPÖ wirklich wieder auf ihre Stammwähler zu gehen wollte (das wäre eine Wende), dann ginge es nicht ohne
    – die Beendigung von „Projekten“, die niemanden interessieren und
    – die Aufnahme von Themen und Zielen. die in der Bevölkerung (aber nicht in der Partei) täglich artikuliert werden (das wäre ein Wunder).

    • Leonhard Dobusch 26. Juli 2014 at 17:43 #

      1.) Gleichstellung von Geschlechtern benötigt oft Hervorhebung/Förderung/Sichtbarmachung des einen. Das ist kein Widerspruch.
      2.) zum Rest verweise ich auf den Beitrag von Sybille Hamann in der Presse über das Argument „es gibt wichtigeres

      • punto 26. Juli 2014 at 18:11 #

        Das war schnell, Herr Dobusch, aber nicht sinnerfassend.

        Für mich ist das hier ein Blog, in dem ich Probleme der Partei anspreche.
        Aber dafür hätten Sie weiterlesen müssen.

        Was ihre Einwendungen betrifft, so ist die 1. hier genau so unsinnig wie in ihrem Artikel und sonstwo und
        was Frau Hamann in der Presse wichtig findet, ist wohl etwas anderes, als die Politik, die die Talfahrt der SPÖ beenden könnte.

  2. manfred bruckner 24. Juli 2014 at 09:46 #

    So spannend ich Ihre Ausführungen, so enttäuschend sind sie diesmal. Wo ich Thurnher dieswöchig Thurnher las, war ich (wieder einmal) richtig wütend. Selbstgerechte alte Männer, fährt es mir da ins Hirn – einmal mehr.
    http://manfredbruckner.blogspot.co.at/2014/07/der-offene-brief-und-die-schlacht-bei.html

    • manfred bruckner 24. Juli 2014 at 09:49 #

      Sorry, da sind einige Fehler passiert (vor Wut?). Heißen sollte es:

      So spannend ich Ihre letztwöchigen Ausführungen fand, so enttäuschend sind sie diesmal. Wo ich Thurnher dieswöchig las, war ich (wieder einmal) richtig wütend. Selbstgerechte alte Männer, fährt es mir da durch das Hirn – einmal mehr.

  3. Sybille Pirklbauer 23. Juli 2014 at 14:51 #

    Vielen Dank, Herr Leonhard Dobusch! Ein richtiger, wichtiger und sehr wohltuender Kommentar.

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