von Daniel Preglau
Die Welt verfehlt ihre Klimaziele – wieder einmal. Kurz vor der 30. Weltklimakonferenz im November 2025 in Belém veröffentlichte UNEP (das Umweltprogramm der Vereinten Nationen) den neuesten Emissions Gap Report. Darin wird deutlich gemacht: Das globale Ziel, Treibhausgasemissionen massiv zu reduzieren und die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, rückt zunehmend außer Reichweite.
Dabei steht Klimapolitik im öffentlichen Diskurs längst auf der Tagesordnung: erneuerbare Energien, CO2-Steuer, Elektroautos und technologische Innovationen. Maßnahmen für ressourcenschonendere Produktion und nachhaltigeren Konsum sollen dabei helfen, dem Klimawandel zu begegnen. Eine Frage geht dabei jedoch oft unter: Womit verbringen wir eigentlich unsere Zeit? Was bedeutet es für das Klima, wenn wir arbeiten? Wie müsste Arbeit gestaltet sein, um weniger umweltschädlich zu sein?
Und tatsächlich gibt es eine Maßnahme, die positive Auswirkungen auf das Klima haben kann: Eine Arbeitszeitverkürzung.
Unsere kapitalistische Wirtschaftsweise ist auf stetiges Wachstum ausgerichtet. Wenn durch technologischen Wandel die Produktivität steigt, kann in kürzerer Zeit mehr produziert werden. Und so wächst die Wirtschaft, anstatt dass die gestiegene Produktivität zu mehr freier Zeit führt. Das sei so notwendig für den Wohlstand. Ganz abgesehen davon, dass der Wohlstand ungleich verteilt ist, kann unendliches Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich sein, ohne planetare ökologische Grenzen zu überschreiten. Da es schlussendlich Arbeit ist, die die Grundlage unserer Wirtschaft bildet und für Wertschöpfung sorgt, ist Arbeit somit nicht nur eine soziale Frage, sondern auch eine ökologische.
Über die menschliche Arbeit treten wir mit der Umwelt in Austausch: In der Landwirtschaft, in der Industrie, aber auch im Dienstleistungsbereich. Jede Tätigkeit in der Arbeit hat einen gewissen Energie- und Ressourcenverbrauch, der Auswirkungen auf die Umwelt hat. Somit ist der Arbeitsprozess in der derzeitigen Wirtschaftsweise meist mit einer Umweltbelastung verbunden. Man könnte sagen: Unsere Gesellschaft hat einen Stoffwechsel mit der Natur. Doch dieser ist aus dem Gleichgewicht geraten: Wir verbrauchen zu viele Ressourcen, verbrennen zu viele fossile Energieträger und nähern uns ökologischen Kipppunkten, deren Folgen kaum reversibel wären.
Eine Arbeitszeitverkürzung kann zumindest teilweise Lösungsansätze bieten. Erwerbsarbeit nimmt für die meisten Menschen den größten Teil ihres Lebens ein. Gleichzeitig haben die meisten Menschen auch keine andere Wahl: Denn zu arbeiten bedeutet nicht nur ein Einkommen und soziale Absicherung zu erhalten, sondern Arbeit kann auch Status, Erfüllung und Zugehörigkeit versprechen. Gleichzeitig klagen viele in der Arbeit über steigende Belastung und Stress. Viele sind nach der Arbeit so erschöpft, dass ihnen kaum Zeit bleibt sich mit „schönen“ Dingen zu beschäftigen. Arbeiten, Netflix, Schlafen ist für viele ein leidiger Tagesrhythmus geworden. Da bleibt wenig Zeit, das Klima zu retten.
An dieser Stelle kann eine Arbeitszeitverkürzung ansetzen, denn sie hat ökologische Benefits über die individuellen und gesellschaftlichen positiven Effekte – z.B. eine bessere Gesundheit oder höhere Lebensqualität – hinaus. Einerseits führen lange Arbeitszeiten oft zu einem Zyklus aus Arbeit und Konsum, da man sich nach der Arbeit gerne „belohnen“ möchte. Durch Werbung und Marketing werden gewisse Bedürfnisse geradezu erschaffen und in der Konsumgesellschaft ausgelebt. Dies führt gleichzeitig zu einem hohen Produktionsniveau, was Ressourcen und Energie verbraucht. Wenn Menschen durch eine Arbeitszeitverkürzung mehr freie Zeit haben bleibt auch mehr Zeit, um Ausgleich und Freude abseits des Konsums zu finden. Allerdings ist dieser Effekt nicht automatisch und mehr freie Zeit kann auch zu mehr Konsum führen. Jedoch gelten klimafreundliche Aktivitäten oft auch als zeitintensiver. Wer neben der Arbeit wenig Zeit hat wird beispielsweise eher zeitsparend und damit oft umweltschädlicher einkaufen, anstatt regional und saisonal. Auch im nächsten Urlaub den Zug zu nehmen, anstatt das Flugzeug, kostet Zeit – und zwar ganz spezifisch Freizeit. Eine Arbeitszeitverkürzung kann hier den zusätzlichen Raum für ökologische Möglichkeiten schaffen. Nicht zuletzt legt eine Reihe an Studien dieses klimafreundliche Potenzial von weniger Arbeitszeit nahe.
Jedoch darf man die Verantwortung für die Klimakrise nicht auf die Konsument:innen schieben, die „falsch“ konsumieren – denn das greift klar zu kurz. Viel mehr gilt es die systemischen Bedingungen der Produktion zu hinterfragen, also was warum produziert wird. Die Verantwortung liegt hier bei der Politik und bei großen Konzernen, nicht beim Individuum, das oft nur wenig Wahl hat.
Eine Arbeitszeitverkürzung kann ein Hebel sein, wenn sie Teil einer wirtschaftlichen Transformation ist. Denn innerhalb der bestehenden Wirtschaftslogik kann eine Arbeitszeitverkürzung auch durch höhere Produktivität oder mehr Konsum wieder ausgeglichen werden. Stattdessen sollte die Produktion der Wirtschaft (und damit auch die Zeit, die in der Arbeit verbracht wird) wieder verstärkt dem Gemeinwohl dienen, nicht dem Gewinnstreben der Milliardäre. Und da vieles darauf hindeutet, dass grünes Wirtschaftswachstum nicht möglich ist, müssen wir uns der Frage widmen, wie umweltfreundliche Wirtschaft stattdessen aussehen kann. Ein wesentlicher Bestandteil davon wird es sein, das Paradigma des unendlichen Wachstums zu durchbrechen – und Arbeitszeitverkürzung kann hier nebenbei dabei helfen, die verbleibende Arbeit auf mehr Personen aufzuteilen.
Der Kampf um eine Arbeitszeitverkürzung war schon immer ein zentrales Projekt der Arbeiter:innenbewegung. Die 40-Stunden-Woche, der 8-Stunden-Tag, Wochenenden, Urlaubsansprüche – sie alle waren die Erfolge einer langen politischen Auseinandersetzung. Dabei ging es nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um die Möglichkeit für Arbeiter:innen und Angestellte sich abseits der Arbeit zu entfalten, Freizeit zu genießen und sich mit den Themen des Lebens zu beschäftigen. Auch politisches Engagement, die Auseinandersetzung mit der Klimakrise oder die Frage, welchen Stellenwert Arbeit in unserer Gesellschaft einnehmen soll, brauchen diesen zeitlichen Raum der Entfaltung.
So zentral, wie Arbeit für unser Leben und für unser Wirtschaften ist, so sehr müssen wir es auch ins Zentrum unserer Analyse rücken. Die Debatte um eine gerechte Klimapolitik muss sich daher auch mit Arbeit und Zeit auseinandersetzen. Und wenn wir uns nicht nur die Frage stellen, wie wir produzieren und konsumieren – sondern auch wie und wie viel wir arbeiten – dann kommen wir einer Lösung der Klimakrise auch gesellschaftlich einen Schritt näher.


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