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	<title>blog.sektionacht.at &#187; USA</title>
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	<description>Blog der Sektion 8</description>
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		<title>Occupy Wall Street</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Oct 2011 17:51:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>niki</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik Ausland]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Obama]]></category>
		<category><![CDATA[Occupy Wall Street]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[In die Grassroots-Landschaft der USA kommt wieder Bewegung &#8211; Occupy Wall Street wird zu einem relevanten Faktor in der politischen Debatte. Eva Maltschnig* und Oliver Picek* fragen sich, was daraus werden könnte. New York, Zucotti Park/Liberty Plaza - General Assembly. Ein paar hundert junge Leute versuchen sich basisdemokratisch zu organisieren. Mikrofone sind nicht erlaubt, so behelfen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>In die Grassroots-Landschaft der USA kommt wieder Bewegung &#8211; Occupy Wall Street wird zu einem relevanten Faktor in der politischen Debatte. Eva Maltschnig* und Oliver Picek* fragen sich, was daraus werden könnte.</strong></em></p>
<p><span id="more-1417"></span></p>
<p>New York, Zucotti Park/Liberty Plaza - <a href="http://nycga.cc/">General Assembly</a>. Ein paar hundert junge Leute versuchen sich basisdemokratisch zu organisieren. Mikrofone sind nicht erlaubt, so behelfen sie sich mit menschlichen Verstärkern (auch <a href="http://www.youtube.com/watch?v=2TF8L2DWhpw" target="_blank">Joseph Stiglitz</a> lernte diese Methode bei seiner Stippvisite kennen). Seit dem 17. September ist der Park besetzt, brutales Vorgehen seitens der Polizei und hunderte Verhaftungen friedlicher DemonstrantInnen lenkten Anfang Oktober schließlich doch die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Protest. Mit der Berichterstattung wächst das allgemeine Interesse, in vielen Städten bilden sich Spin-Offs, Gewerkschaften unterstützen die Proteste.</p>
<p><strong>Worum gehts?</strong></p>
<p>Natürlich stellt sich die Frage, wer hier eigentlich wofür oder wogegen demonstriert. Spontane, sich ständig weiter entwickelnde und dezentral organisierte Proteste verweigern aber manchmal die Antwort darauf. Die Proteste an der Puerta del Sol in Madrid und die Audimax Besetzung in Wien zeigten das. Eine ungefähre Richtung gibt es aber doch: So wie #unibrennt nicht von ungefähr im Audimax der Uni Wien begann, liegt der Ausgangspunkt der neuen amerikanischen Proteste nicht zufällig an der Wall Street.</p>
<p>Das Wirtschaftssystem ist das wichtigste Thema: Die durchschnittlichen AmerikanerInnen stehen im finanzialisierten Kapitalismus auf der VerliererInnenseite, und die Wall Street ist das Symbol dafür. Der Slogan &#8220;we are the 99 percent&#8221; soll offenlegen, was Reichtumsstatistiken seit Jahren zeigen &#8211; die ProfiteurInnen des Systems sind tatsächlich happy <em>few</em>. Ihre Privilegien werden politisch geschützt, die Symbiose aus Wirtschaft und Politik und der Klebstoff Wahlkampfspenden sorgen dafür. Den Einfluss der Wirtschaft in der Politik zu verringern, die Finanzmärkte zu regulieren und den 99 Prozent ein besseres Leben zu ermöglichen, sind Forderungen, die viele teilen. Doch ein single issue Projekt ist Occupy Wall Street nicht, und kann es auch nicht sein, wenn sich breite Bevölkerungsschichten damit identifizieren sollen.</p>
<p><strong>Wer engagiert sich?</strong></p>
<p>Beim Protestmarsch am 6. 10. in New York finden sich tausende TeilnehmerInnen verschiedenster Altersgruppen, nachdem die Bewegung auch die New Yorker Gewerkschaften für den Protest gewinnen konnte. People of color sind allerdings deutlich <a href="http://www.huffingtonpost.com/2011/10/06/occupy-wall-street-black-population_n_998722.html" target="_blank">rarer</a>. In der HuffPo werden fehlende Sensibilität der OrganisatorInnen sowie das höhere Risiko, dem nicht-Weiße durch Polizeiübergriffe ausgesetzt sind, als Gründe dafür genannt.</p>
<p>Der &#8220;march&#8221; beginnt um 16:30 am Foley Square und endet um 19:00 am Zuccotti Square. Zuvor haben sich bereits Studierende der NYU und New School am Washington Square (NYU) getroffen, um gemeinsam zum Treffpunkt zu marschieren. Die Demonstation läuft friedlich, sehr fröhlich und vor allem geordnet ab, werden doch die DemonstrantInnen durch Absperrungen nur auf einen Teil der Straße beschränkt, um den Verkehr nicht zu behindern. Nach der offiziellen Demonstration wird auf der Liberty Plaza Essen ausgegeben und TrommlerInnen spielen, aber es gibt keine Schlusskundgebung oder ähnliches &#8211; symptomatisch für die Bewegung, die sich wirklich erst von Beginn an organisieren muss. Es zeigt auch, dass die Protestkultur in den USA in den vergangegen Jahrzehnten fast gänzlich verschwunden ist. Viele TeilnehmerInnen verschwinden nach Hause, doch gibt es auch einen Zustrom an neuen Menschen, die erst jetzt von der Arbeit oder Universität kommen konnten.</p>
<div id="attachment_1446" class="wp-caption aligncenter" style="width: 234px"><a href="http://blog.sektionacht.at/wp-content/uploads/2011/10/IMG_0304.jpg"><img class="size-medium wp-image-1446" title="IMG_0304" src="http://blog.sektionacht.at/wp-content/uploads/2011/10/IMG_0304-224x300.jpg" alt="Demo-Schild in New York" width="224" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Kreative Demo-Schilder finden sich überall.</p></div>
<p>Die Idee, die Wall Street (eine Straße vom Park entfernt) zu besetzen, kommt auf, doch die Polizei war schneller. Eine Dreierreihe des NYPD hat Absperrungen positioniert und sich am Zugang zur Wall Street verschanzt &#8211; dahinter eine Staffel berittener Polizisten auf großen, eleganten Pferden. Die nunmehr fast ausschließlich jungen DemonstrantInnen lassen zunächst nicht locker. &#8220;They are bringing in the police buses, so if you don´t wanna get arrested you should probably leave now&#8221;, so der Hinweis der WG-Kollegin. Doch die Bewegung marschiert zunächst zurück zur Liberty Plaza, an der zunächst Ratlosigkeit herrscht, bis spontan die Idee aufkommt, nach &#8220;Bowling Green&#8221; ganz an den Süden Manhattens zu marschieren. 300-400 Menschen machen sich auf, und sowohl Polizei als auch DemonstrantInnen wissen, was nun folgt. Die Polizei versucht, die sich schnell bewegende Menge einzukesseln. Wer dann nicht nach einer Warnung der Polizei bei drei (oder auch eins) am &#8220;public sidewalk&#8221; statt auf der Straße steht, der wird wegen &#8221;disorderly conduct&#8221; oder &#8220;disrupting traffic&#8221; festgenommen. Dabei wird man zunächst auf den Boden verfrachtet, je nach nach Belieben des Polizisten sanft oder mit übertrieben unnötiger Gewalt. Handschellen werden angelegt, und anschließend geht es in die Polizeibusse, die abfahren, sobald 8-12 Personen drinnen sitzen. Derweil bewegt sich die Menge weiter, und die Polizei riegelt die Straße ab.</p>
<p>Social Media ist überall: Bevor verhaftete Protestierende in die Busse steigen, sind schon drei Personen mit (Handy-)Kameras vor Ort, denen die Verhafteten ihre Namen sagen &#8211; zur Sicherheit. In der Tat ist damit die Chance, <a href="http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&amp;v=uNwzMe8A8eY#!">Polizeigewalt</a> und Menschenrechtsverletzungen festzuhalten, größer als jemals zuvor &#8211; wie zum Beispiel jene von <a href="http://www.youtube.com/watch?v=v5zmzV5IxpQ">Anthony Bologna</a> ein paar Tage zuvor. Doch genau die harsche Polizei &#8211; dabei <a href="http://www.myfoxny.com/dpp/news/occupy-wall-street-protest-broadens-scope-20111005#.To0cU53eLtQ.twitter">trifft es</a> auch einmal die &#8220;Falschen&#8221; &#8211; und die vielen Verhaftungen helfen der Bewegung, die, auch wenn sie die besseren <a href="http://www.youtube.com/watch?v=GGrp1xAhtR0&amp;feature=related">Argumente</a> hat, noch immer relativ klein ist.</p>
<p><strong>Soziale Probleme en masse.</strong></p>
<p>Szenenwechsel &#8211; Ein Solidaritätsmarsch in New Orleans. Die DemonstrantInnen im Deep South sind mehrheitlich jung und ein wenig zerzaust, doch die Ray Ban Brillen, Birkenstock Sandalen, San Pellegrino Wasserflaschen, 700 Dollar Spiegelreflexkameras und Fjällräven Rucksäcke verraten schnell, dass es sich hier um Studierende handelt. Grund genug, sich zu beschweren, gibt es aber besonders für diese Gruppe. Nach dem Uni-Abschluss stehen junge Menschen in Amerika mit zehntaustenden Dollar Schulden da, immer öfter finden sie aber keinen Job, der ihnen ermöglichen würde, ihre Kredite zurückzuzahlen. Auch sie fühlen sich um den American Dream betrogen &#8211; nach jahrelangen Investitionen in ihr Humankapital schaut am Ende nichts raus.</p>
<div id="attachment_1430" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-1430 " title="Occupy New Orleans" src="http://blog.sektionacht.at/wp-content/uploads/2011/10/IMG_8447-300x199.jpg" alt="Vielfältige Forderungen in New Orleans. Ein Spruch mit Lokalkolorit: Who Dat? We Dat 99%!" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Vielfältige Forderungen in New Orleans. Ein Spruch mit Lokalkolorit: Who Dat? We Dat 99%!</p></div>
<p>Neben lokalen Anliegen reicht die Forderungspalette in New Orleans von &#8220;fair taxation&#8221; zu &#8220;end the fed, end big government&#8221;. Beim open mic meint eine enthusiastische Demonstrantin, Ron Paul (Rep.) sei als Präsidentschaftskandiat zu unterstützen, weil er versprochen habe, die Fed abzuschaffen. Besonders viel Applaus bekam sie dafür nicht, doch fundamentale Staatskritik taucht immer wieder auf. Viele DemonstrantInnen tragen Anonymous-Masken, AnarchistInnen sind stark vertreten. &#8220;austerity measures have never protected women of color&#8221;, steht dagegen auf einem anderen Schild.</p>
<p>Ein Thema hat aber tatsächlich das Potenzial für breite gesellschaftliche Resonanz: <a href="http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=141122893" target="_blank">Housing</a>. Das Platzen der Immobilienblase führte zu drastischer Entwertung der Häuser, die BesitzerInnen konnten sie also nicht mehr zum Kaufpreis verkaufen. Allerdings erfordert der amerikanische Arbeitsmarkt mobile Arbeitskräfte, und so haben HausbesitzerInnen momentan oft keine andere Wahl, als ein Verlustgeschäft hinzunehmen. Wer wegen Jobverlust oder Krankheit und den damit verbundenen Kosten den Kredit nicht mehr bedienen kann, der/die fliegt sehr schnell aus dem eigenen Haus. Die zwangsgeräumten Häuser finden wiederum aufgrund der prekären Marktsituation keine KäuferInnen, leerstehende Häuser verschlechtern schließlich den Marktwert einer Gegend weiter. Genauso wie beim amerikanischen Arbeitsmarkt keine Erholung in Sicht ist, wird für den Immobilienmarkt bis 2014 kein Aufschwung erwartet. Das sind düstere Aussichten für die USA und ihre BürgerInnen &#8211; Grund genug zu protestieren gibt es allemal.</p>
<p><strong>Wohin?</strong></p>
<p>Ob Occupy Wall Street nun den Übergang vom <a href="http://www.huffingtonpost.com/peter-dreier/rose-gudiel-_b_999514.html" target="_blank">&#8220;moment&#8221; zum &#8220;movement&#8221;</a> schafft, sehen die AutorInnen dieses Beitrages kritischer als Peter Dreier von der HuffPo. Dreier beschreibt die notwendige Übersetzung der Aktionsformen in Kanäle der Realpolitik als wichtigen Entwicklungsschritt für die Bewegung. Neben Widerstand gegen Zwangsvollstreckungen könnten sich die AktivistInnen in Wahlkämpfe involvieren und so progressiven KandidatInnen und Themen Aufwind verleihen. Auch das Engagement für die Wiederwahl Obamas 2012 fällt für ihn ins Bereich der Möglichkeiten von Occupy Wall Street.</p>
<p>Bloß hat Obama das meiste seiner Strahlkraft, besonders für seine jungen UnterstützerInnen, im letzten Jahr verloren. Die geplante strenge Austeritätspolitik und die Halbherzigkeit, mit der sich der Präsident dagegen wehrte, machen ihn zum Mitverantwortlichen der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Krise. Wie viel er nun tatsächlich &#8220;dafür kann&#8221; sei hier einmal dahingestellt &#8211; aber eine Identifikationsfigur für junge, progressive AmerikanerInnen ist Obama derzeit nicht.</p>
<p>Occupy Wall Street definiert sich als Kontrapunkt zum herrschenden politischen System, ob es sich so schnell in die alten Regeln der Macht eingliedern wird, ist fraglich. Zu wichtig ist die Betonung auf Basisdemokratie und Führungslosigkeit. Der Wunsch, sich vom üblichen Politik-Sumpf abzugrenzen, ist nachvollziehbar. Um den Forderungen nach einem gerechten Wirtschaftssystem eine Chance auf Umsetzung zu geben, müssen sich die AktivistInnen aber überlegen, wie sie bestehende Mechanismen nutzen können. #unibrennt und die Proteste in Madrid sind an dieser Herausforderung gescheitert.</p>
<p><em>* <a href="http://emaltschnig.at/" target="_blank">Eva Maltschnig</a> studiert Doktorat Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien. Momentan arbeitet sie in New Orleans an ihrer Dissertation. Oliver Picek studiert Wirtschaftswissenschaften im PhD Programm der New School, New York.</em></p>
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		<title>US-Gesundheitsreform: Kommentierte Fakten</title>
		<link>http://blog.sektionacht.at/2010/03/us-gesundheitsreform-kommentierte-fakten/</link>
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		<pubDate>Tue, 23 Mar 2010 12:52:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>leonido</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik Ausland]]></category>
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		<category><![CDATA[Health-Care]]></category>
		<category><![CDATA[Obama]]></category>
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		<description><![CDATA[Leonhard Dobusch Die Bedeutung der Health-Care-Abstimmung im US Repräsentantenhaus für Obamas Präsidentschaft und progressive Kräfte innerhalb und außerhalb von Amerika kann kaum überschätzt werden. Obama und die Demokraten waren hart genug, das Gesetz auch gegen den geballten, geschlossenen und radikalisierten Widerstand der US-Rechten durchzuziehen und haben damit demonstriert, dass es sich auszahlen kann, einen Konflikt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a title="www.dobusch.net" href="http://www.dobusch.net" target="_blank"><em>Leonhard Dobusch</em></a></p>
<p>Die Bedeutung der Health-Care-Abstimmung im US Repräsentantenhaus für Obamas Präsidentschaft und progressive Kräfte innerhalb und außerhalb von Amerika kann kaum überschätzt werden. Obama und die Demokraten waren hart genug, das Gesetz auch gegen den geballten, geschlossenen und radikalisierten Widerstand der US-Rechten durchzuziehen und haben damit demonstriert, dass es sich auszahlen kann, einen Konflikt nicht nur auszutragen sondern auch durchzustehen.</p>
<p>Gleichzeitig ist das letztlich beschlossene Gesetzeswerk unübersichtlich und wird auch von vielen US-Linken äußerst kritisch gesehen. Die folgende Liste an Fakten soll die Diskussion darüber versachlichen helfen und eine Übersicht darüber liefern, was am Ende eigentlich alles (nicht) beschlossen wurde. Die Liste gliedert sich in zwei Teile: (a) Veränderungen die in der beschlossenen Fassung bzw. nach Beschluss der Änderungen im Senat (wofür die einfache Mehrheit vonn 51 SenatorInnen reichen wird) in Kraft treten werden. (b) Punkte, die es nicht in das Gesetz geschafft haben.</p>
<p><strong>(a) Beschlossene Änderungen</strong></p>
<p>Die folgende Auswahl an wichtigen Änderungen sind im beschlossenen Entwurf enthalten (inklusive jener Änderungen, die noch von einer 51-Stimmen-Mehrheit im Senat abgesegnet werden müssen):<span id="more-430"></span></p>
<ul>
<li>Einführung einer Versicherungspflicht bei einem der zahlreichen privaten Anbieter, ansonsten Strafzahlung sowohl für Individuen als auch Unternehmen, die sich nicht versichern bzw. keine Versicherung anbieten. Die Strafsteuern gelten ab 2014, endgültig in Kraft tritt diese Versicherungspflicht allerdings nicht vor 2018 (vgl. <a title="the nation medicare for all" href="http://www.thenation.com/blogs/thebeat/543904/next_steps_toward_medicare_for_all" target="_blank">the Nation</a>). Das damit verbundene Verbot für Versicherer, Leute abzulehnen, wird dazu führen, dass bis zu 30 Millionen heute unversicherte AmerikanerInnen spätestens ab 2018 versichert sein werden. Allerdings decken die Versicherungen nicht notwendigerweise sämtliche Kosten der Gesundheitsversorgung ab, was insbesondere bei schweren Erkrankungen auch weiterhin zum Privatkonkurs führen kann.</li>
<li>Schaffung eines staatlich beaufsichtigten, bundesweiten Versicherungsmarktes für den Kauf von Versicherungspolicen, der ebenfalls 2014 starten wird. Für unversicherte Erwachsene die davor keine Versicherung kaufen können (z.B. wegen Vorerkrankungen, „pre-existing conditions“) gibt es ein bis 2014 befristetes Übergangsprogramm. Für Jugendliche gilt das Verbot, wegen „pre-existing conditions“ eine Versicherung zu verweigern, ab sofort.</li>
<li>Die Beaufsichtigung des Versicherungsmarktes wird insbesondere in der Einrichtung von unparteiischen Berufungsstellen für den Fall von Streitigkeiten bestehen.</li>
<li>0,9 Prozent Steueraufschlag für Spitzenverdiener/innen ($200.000/Person/Jahr, $250.000/Haushalt/Jahr) ab 2013 auf die Abgabe zur Finanzierung von Medicare, die damit von 1.45% auf 2.35% steigt (siehe auch weiter unten). Außerdem gibt es für diese Personengruppe eine Sondersteuer in Höhe von 3.5% auf Kapitaleinkünfte, die diese Einkommensgrenzen überschreiten.</li>
<li>Sonderabgaben in Milliardenhöhe für Versicherungsunternehmen in Abhängigkeit des jeweiligen Marktanteils in steigender Höhe ab 2014.</li>
<li>Eine Steuer auf besonders teure Versicherungspolicen (sog. „cadillac health care plans“). Mit dieser Steuer ist eindeutig eine starke Umverteilungswirkung verbunden, allerdings könnte sie – insbesondere wenn die Grenzen nicht regelmäßig an die Inflation angepasst werden – auch gewerkschaftlich organisierte ArbeitnehmerInnen treffen. Sie wurde aber ebenfalls auf 2018 verschoben. Die Steuer wird 40% auf (fast) all jene Kosten betragen, die über $10.200/Person bzw. $27.500/Haushalt hinausgehen.</li>
<li>Außerdem gibt es noch eine Reihe kleinerer Maßnahmen im Steuer- und Abgabenbereich (z.B. Steuerbefreiung für bestimmte, genossenschaftliche Versicherer, eine neue Medikamentensteuer, eine 10%-Steuer auf Sonnenstudios, vgl. <a title="Reuters" href="http://www.reuters.com/article/idUSN1914020220100319" target="_blank">Reuters</a>, bzw. für eine – leider schwer verständliche – Liste vgl. <a title="tax lawyer's blog" href="http://blog.pappastax.com/index.php/2010/03/23/tax-changes-in-healthcare-bill/" target="_blank">Tax Lawyer’s Blog</a>)</li>
<li>Jugendliche werden noch in diesem Jahr die Möglichkeit haben, bis zum Alter von 26 Jahren bei den Eltern mitversichert zu bleiben.</li>
<li>Haushalte und Unternehmen, die sich die Versicherung nicht leisten können, bekommen Steuergutschriften. Ob diese allerdings hoch genug sein werden (können), solange es keine „public option“ als Alternative zu den privaten Versicherern gibt, lässt sich noch nicht abschätzen. Jedenfalls aber wird die Kombination aus Versicherungs- und Zuschusspflicht dazu führen, dass eine (stärkere) Kontrolle der Versicherungsunternehmen unverzichtbar sein wird.</li>
<li>Eine Reihe von Verboten gegen missbräuchliche Klauseln und Praktiken der Versicherungsindustrie, allen voran die Weigerung zu versichern wegen bereits vorhandener Krankheiten („pre-existing conditions“), das Verbot von Höchstgrenzen an Gesundheitsausgaben für eine/n Versicherte/n („life-time caps“), die insbesondere bei schweren Krankheiten wie Krebs schnell erreicht wurden und zu einem Verlust des Versicherungsschutzes geführt haben sowie generell das Verbot, Versicherungen zu kündigen, wenn der/die Versicherte krank wird. Jährliche Kostengrenzen („annual caps“) sind zwar weiterhin erlaubt, werden aber reguliert/kontrolliert. Ältere Versicherungsnehmer müssen allerdings weiterhin teilweise bis zu dreimal so hohe Prämien wie Jüngere zahlen und bis 2017 ist es weiterhin zulässig, bei unternehmensbezogenen Policen erhöhte Prämien bei einem höheren Anteil an Frauen zu verlangen.</li>
<li>Eine Ausweitung des Medicaid-Programms, das Gesundheitsversorgung für Menschen mit geringen Einkommen finanziert und laut <a title="the nation editorial" href="http://www.thenation.com/doc/20100405/editors" target="_blank">the Nation</a> 12-14 Millionen Menschen zusätzlich erfassen wird.</li>
<li>Eine Verbesserung der Medikamenten-Versorgung im staatlichen Medicare-Programm für SeniorInnen (bislang wurden Medikamente-Kosten zwischen $2.700 und $6.154 nicht abgedeckt, vgl. <a title="Reuters" href="http://www.reuters.com/article/idUSN1914020220100319" target="_blank">Reuters</a>).</li>
<li>Es wird zu einer Verdopplung der Anzahl sogenannter „Federally Qualified Community Health Centers“ kommen (10 Milliarden Dollar zusätzliches Budget dafür), die Grund- und zahnärztliche Versorgung für einkommensschwache Familien anbieten und so in der Lage sein werden, 16 Millionen neue PatientInnen zu bedienen.</li>
<li>US-Bundesstaaten wird erlaubt, über diese Maßnahmen hinaus- und stärker in Richtung eines staatlich finanzierten Universalversorgungssystems zu gehen. Diese Bestimmung tritt allerdings erst mit 2017 in Kraft.</li>
<li>Verbot, öffentlichen Förderungen zur Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüche zu verwenden. Das war zwar auch bisher schon so, allerdings werden dank der neuen Steuergutschriften mehr Personen als vorher öffentliche Föderung in Anspruch nehmen (müssen). Diese müssen dann für die Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen Zusatzvereinbarungen unterzeichnen und finanzieren.</li>
</ul>
<p><strong>(b) Folgende Punkte sind <em>nicht </em></strong><strong>im Gesetzesvorschlag enthalten:</strong></p>
<ul>
<li>Die in der ursprünglichen Version des Repräsentantenhaus enthaltene „public option“ – staatlicher oder non-profit Versicherer ähnlich euopäischer Selbstverwaltungsversicherer – als Alternative zu privaten Versicherungsunternehmen wurde im Senat geopfert, um die notwendigen 60 Stimmen zu bekommen. Mitglieder des „progressive caucus“ der House-Democrats haben aber angekündigt, ehebaldigst ein Gesetz zur Einrichtung einer „public option“ einzubringen (vgl. „<a title="Blog-link" href="http://motherjones.com/mojo/2010/03/woolsey-will-introduce-public-option-bill-asap" target="_blank">Woolsey To Introduce Public Option Bill ASAP</a>“)</li>
<li>Es gibt auch keine Ausweitung des populären „Medicare“-Programms, das viele linke Demokraten als einen Schritt in Richtung des von ihnen favorisierten „Single-Payer“-Gesundheitssystems, das auch das linksdemokratische Magazin „the Nation“ unter dem Titel „Medicare for All“ favorisiert (vgl. „<a title="the nation - medicare for all" href="http://www.thenation.com/blogs/thebeat/543904/next_steps_toward_medicare_for_all" target="_blank">Next Steps Toward ‘Medicare for All’</a>“).</li>
<li>Konsequenterweise gibt es auch (noch) nicht die Möglichkeit, sich in das Medicare-Programm “einzukaufen”, wie vom demokratischen Abgeordneten Grayson vorgeschlagen. Sein entsprechender Gesetzesvorschlag hat allerdings mittlerweile 80 UnterstützerInnen im Repräsentantenhaus.</li>
</ul>
<p><strong>Fazit:</strong></p>
<p>Die Gesundheitsreform ist jedenfalls ein großer Schritt in die richtige Richtung, mit einer Reihe von Verbesserungen für breite Teile der US-Bevölkerung. Sowohl dass die Mehrzahl der neuen Leistungen GeringverdienerInnen zu Gute kommen werden als auch dass die Finanzierung der Verbesserung zu einem großen Teil über Steuern für SpitzenverdienerInnen erfolgen wird, machen die Gesundheitsreform auch zu einem der größten Umverteilungsprogramme der jüngeren Geschichte. Die dadurch implizierten, positiven (Nachfrage-)Effekte für die Gesamtwirtschaft sind auch nicht zu unterschätzen. Klar ist aber auch, dass der Weg zu echter „universal health-care“ noch ein weiter ist. Eine öffentliche Alternative zu den Versicherungsunternehmen ist notwendiger denn je, ließe sich aber auch relativ einfach in einem nächsten Schritt ergänzen.</p>
<p>Die wichtigste Botschaft abseits aller Maßnahmen aber, die mit der US Gesundheitsreform verbunden ist, ist der Beweis, dass progressive Politikprojekte möglich sind – gerade auch angesichts budgetärer Schwierigkeiten. Sie erfordern dafür aber ein klares Bekenntnis zu konsequenter (Um-)Verteilungspolitik.</p>
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		<title>10 Thesen für eine bessere Lehre</title>
		<link>http://blog.sektionacht.at/2009/11/10-thesen-fur-eine-bessere-lehre/</link>
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		<pubDate>Tue, 10 Nov 2009 17:36:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>yussi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildungspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Audimax]]></category>
		<category><![CDATA[Lehre]]></category>
		<category><![CDATA[Universitätspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Yussi Pick Vorbemerkungen: In den letzten Tagen ist Unipolitik wieder in aller Blogs. Völlig zurecht hat Niki Kowall an dieser Stelle kritisiert (&#8220;Augenmerk auf die Lehre&#8220;), dass sich die Diskussion in der höheren Bildungspolitik nur um die „big picture“ Themen Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren dreht, nicht aber um die Qualität der Lehre. Er hat dabei den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a title="Yussi goes to..." href="http://yussipick.wordpress.com/" target="_blank"><em>Yussi Pick</em></a></p>
<p><strong>Vorbemerkungen: </strong>In den letzten Tagen ist Unipolitik wieder in aller Blogs. Völlig zurecht hat <a title="Exilnik" href="http://exilnik.blogspot.com" target="_blank">Niki Kowall</a> an dieser Stelle kritisiert (&#8220;<a title="Niki Kowall &quot;Augenmerk auf die Lehre&quot;" href="http://blog.sektionacht.at/2009/11/augenmerk-auf-die-lehre/">Augenmerk auf die Lehre</a>&#8220;), dass sich die Diskussion in der höheren Bildungspolitik nur um die „big picture“ Themen Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren dreht, nicht aber um die Qualität der Lehre. Er hat dabei den Ball aufgenommen, den Jakob Huber in seinem Beitrag &#8220;<a title="Jakob Huber &quot;..Bessere Unis!&quot;" href="http://blogs.webzeilen.net/huber/2009/11/06/sanfte-lenkung-oder-fairness-bessere-unis/" target="_blank">Sanftheit oder Fairness? Bessere Unis!</a>&#8221; gespielt hat. Während Niki vor allem den Status Quo kritisiert, habe ich aufbauend und ergänzend, 10 Thesen zur Verbesserung der derzeitigen Situation geschrieben. Es ist das Ergebniss von sechs Jahren Unierfahrung in Österreich und einem Jahr als Teaching Assistant in den USA.­</p>
<p>Es sind bewusst kleine, unaufwändige und wenig kostspielige Veränderungen, die meine Studienerfahrung an der Uni Wien wesentlich besser gemacht hätten. Es sind keine großen, systemüberwindenden Würfe. Das könnte auch zu Schwierigkeiten bei der Umsetzung führen: Wenige davon sind per top-down Verordnung zu erreichen; die Thesen sind kulturverändernd, plädieren für eine Änderung des Lehrverhaltens jedes/r einzelnen ProfessorIn.</p>
<p>Die Liste ist weder vollständig noch geordnet und aus Perspektive eines Geisteswissenschaftlers geschrieben, was dennoch nicht zu allzu vielen „bei uns ist das aber ganz anders“-Reaktionen führen sollte.</p>
<p><strong>1. Referatsflut eindämmen</strong></p>
<p>Es kursieren zwei Argumente für die Methode „Studierendenreferate in Seminaren“. Erstens ist ein großer Teil von akademischer Arbeit die Präsentation von Ergebnissen, was während des Studiums geübt werden soll; zweitens besteht die romantische Vorstellung, Studierende würden Teilbereiche eines Themas bearbeiten und präsentieren. Die Realität sieht anders aus. Referate blockieren echtes Lernen und echte Diskussionen. Studierende lernen nichts, wenn sie Referate von KollegInnen anhören. Referate sind durchschnittlich schlecht gehalten (Wie können sie auch gut sein, wenn Studierende nie Rückmeldung darauf bekommen) und basieren nicht auf vorangegangenem Forschen. Will man in Seminaren wissenschaftliche Konferenzen simulieren (das scheint zumindest in der CTL Veranstaltung vom 17. April 2009 Mainstream zu sein, es stellt sich die Frage, ob Seminare, wenn schon Simulation, dann jene eines ForscherInnenteams sein sollte), so müssten Studierende zuerst eine Arbeit schreiben und erst dann ihre Ergebnisse präsentieren. Stattdessen halten Studierende Referate die zwar informieren, aber dadurch das Thema nicht aus einer wissenschaftlichen Perspektive vorstellen (Wie können sie auch, wenn sie noch nicht begonnen haben das Thema wissenschaftlich zu bearbeiten). <span id="more-382"></span></p>
<p>Es gibt zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Entweder Studierende müssen vor Präsentation ihres Themas eine wissenschaftliche Arbeit dazu abgeben oder es muss auf Referate verzichtet werden. Auch wenn ich sie nicht während meiner Unikarriere gesehen habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass es außer Referaten keine andere Lehrmethode in der Hochschuldidaktik gibt.</p>
<p><strong>2. Transparente Benotung und Feedback</strong></p>
<p>Eigentlich ein „No-Brainer“, gleichzeitig aber ein durchaus schwieriges Unterfangen. In der Schulpolitik wäre es noch relativ leicht, transparentere Benotung zu gewährleisten: Anonymisierung von Schularbeiten; Benotung der anonymisierten Schularbeiten von fremden LehrerInnen, etc. Auf der Uni ist das nicht mehr so leicht möglich. Dennoch gibt es ein paar Grundregeln, die leicht implementiert werden können: Seminararbeiten dürfen nicht einfach so benotet werden. Es muss eine Überarbeitungsphase geben. In meiner Unikarriere habe ich ein einziges Mal eine Seminararbeit mit Anmerkungen zurück bekommen. Zwar war der größte Kritikpunkt des Lehrenden, dass mir die Überschrift des vierten Kapitels auf Seite 8 gerutscht ist, dennoch hatte ich zum ersten und einzigen Mal das Gefühl, dass meine Seminararbeit aktiv von einer Lehrperson gelesen wurde. Natürlich ist die ProfessorInnenseite verständlich, die mit einem Stapel von 50 Seminararbeiten pro Seminar schon ohne zweite Phase überfordert sind. Das spricht wieder für den für Studierende gewöhnungsbedürftige bis unangenehmen Vorschlag in These Nr. 1, die Arbeiten nicht nach dem Semester sondern während des Semesters zu verlangen. Außerdem – und das wird in These 3 diskutiert werden – ist nicht einzusehen, dass an dieser sinnfreien Seitenanzahl von 20 festgehalten wird. Klar ist, dass diese Maßnahme schwer kostenneutral einzuführen sein wird, als erster Schritt können aber etwa vermehrt Peer Reviews eingesetzt werden. Wenn Studierende gegenseitig ihre Texte lesen und feedbacken, würden auch die quälenden Gruppenarbeiten erträglicher (weil sinnvoll).</p>
<p>Fazit: Durch das Schreiben von Seminararbeiten allein werden wissenschaftliche Skills der Studierenden nicht besser. Durch die Diskussion der Arbeit mit einer Lehrperson schon.</p>
<p><strong>3. Weniger Seminararbeiten, mehr Essays</strong></p>
<p>Die beiden vorhergegangenen Thesen haben eine Fragestellung von zwei Seiten aufgeworfen: Unter welchen Voraussetzungen ist es Studierenden zumutbar, wissenschaftliche Arbeiten unter dem Semester und nicht in der vorlesungsfreien Zeit zu verfassen? Und unter welchen Voraussetzungen ist es Lehrenden zumutbar, diese Arbeiten fundiert und individuell zu kritisieren. Die Antwort ist einfach: Weg von (Pro)Seminararbeiten – vor allem in den ersten Semestern/Proseminaren – hin zu argumentativen Texten. Proseminararbeiten und auch die meisten Seminararbeiten sind Zusammenfassungen wissenschaftlicher Erkenntnisse, also nichts anderes als die Tätigkeit, auf 12-20 Seiten Wortwolken rund um herausgesuchte Zitate zu bauen. Statt dieser meist stupiden Tätigkeit ist es für die weitere Studienkarriere wesentlich hilfreicher, das Aufstellen von Thesen und schriftliches Verteidigen/Argumentieren dieser zu üben. Diese Texte, die nicht länge, als sieben Seiten sein müssen, haben den Vorteil, auch unter dem Semester geschrieben und werden zu können. Es ist Studierenden sogar zuzumuten, zwei dieser Papers zu verfassen und so auf einen gleich hohen Seitenzahlgesamtschreibaufwand bei höherer Qualität zu kommen als bei einer Proseminararbeit.</p>
<p><strong>4. Einrichtung eines Writing Centers</strong></p>
<p>Schreiben ist eine der Haupttätigkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens. Trotzdem kümmert sich die universitäre Lehre nicht darum, dass Studierende es können – sie setzt es voraus. In der Schule wird es nicht gelehrt, wie sollen Studierende es also können? Soll die Universität es ihnen beibringen? Nein, Schreiben kann nicht beigebracht werden. Es soll keine Lehrveranstaltung „Wissenschaftliches Schreiben“ in den ersten Semestern des Studiums geben.</p>
<p>Hier zeigt sich die Unkreativität universitärer Lehre. Sie glaubt, zu Lernendes kann nur in Lehrveranstaltungen vermittelt werden. Dabei würde eine Institution, die an vielen anderen Unis der Welt völlig selbstverständlich ist, reichen: Ein Writing Center. Es soll die erste Anlaufstelle für Studierende sein, die an irgendeiner Stelle im wissenschaftlichen Schreibprozess Schwierigkeiten haben. Sei es bei der Formulierung einer These, beim Erstellen einer Gliederung, Argumentieren oder in der Endredaktion: Eine universitäre Einrichtung – am besten in der Bibliothek angesiedelt – in der Studierende von SchreibtrainerInnen Hilfe und Feedback erhalten, würde die Qualität von wissenschaftlichen Arbeiten enorm heben. Nicht der/die ProfessorIn ist die erste Person, die eine Seminararbeit sieht und sofort benotet, sondern Peers, die nur dafür bezahlt werden, Texte besser zu machen. Wissenschaftliches Schreiben ist ohnehin lange genug eine sehr einsame Arbeit.</p>
<p><strong>5. Mehr Texte in Seminaren</strong></p>
<p>Eine Problematik, mit der sich die Unis in Österreich seit neuestem beschäftigen, ist die Frage, wie „Forschungsgeleitete Lehre“ funktionieren kann. Die einfache Antwort: Gebt uns aktuelle Artikel und Bücher/Kapitel zu lesen! Eine Studienkollegin von mir muss für ihre Diplomprüfung in einer Sprachwissenschaft einen Artikel lesen, in dem sinngemäß steht: „Bald werden silberne Scheiben, von denen der Computer mit Laser Daten ablesen kann, die Verwendung von Wörterbüchern revolutionieren.“ Es wäre schön, wenn diese Geschichte als Ausnahme vom Tisch gewischt werden könnte. Die gute Nachricht ist: Diese Lehrperson arbeitet zumindest mit Artikeln. Das ist nicht immer der Fall. Oft gibt es nicht einmal Literaturlisten in Seminaren (geschweige denn aktuelle), viele Studierende können keine fünf akademischen Journale ihrer Disziplin aufzählen, wissen selten was der/die ProfessorIn eigentlich forscht und wissen vor allem nicht über aktuelle Publikationen Bescheid. Das ist nicht ihre Schuld. Es ist die Schuld der Referatskultur (siehe These 1). Wäre es nicht viel sinnvoller, anstatt sinnloser wöchentlicher Referate zur Vorbereitung des Themas jede Woche ein bis zwei Texte zu lesen zu geben? Bisher wurden Referate – angeblich um den Teilaspekt eines Themas zu beleuchten – gehalten und danach (irgendetwas) diskutiert. Die DiskutantInnen (also alle nicht referatshaltenden Studierenden, die die Scheu vor dem in der LV den Mundaufmachen überwunden haben) hatten dabei zwei Ressourcen für ihre Argumente: Das Referat, dessen durchschnittliche Qualität im Laufe dieser Thesen bereits mehrfach angezweifelt wurde, und ihr Vorwissen – beides keine besonders stichhaltigen Quellen. Würde man Studierenden statt Referaten Texte vorlegen, wäre die Diskussion im Seminar qualitätvoller und die Summe aller Teilaspekte nachhaltiger vermittelt, als durch schlecht gehaltene Referate.</p>
<p><strong>6. Verkettungen nur, wo sie sinnvoll sind</strong></p>
<p>Voraussetzungsketten haben sich in den letzten Jahren langsam eingeschlichen. Man kann LV-B nur machen, wenn man LV-A absolviert hat. Manchmal macht das inhaltlich Sinn. Meistens ist es aber nur ein einfacher Weg der Finanz- und Controllingabteilung, Studierende in Kohorten und Jahrgänge einzuteilen. Für die Planung ist es gut, für die Studiendauer der Studierenden nicht. Es ist eine Dreifaltigkeit, die unnötige Verkettungen für Studierende zu einem Problem macht: Jahrgangssystem, Anmeldung zu Lehrveranstaltungen vor Beginn des Semesters und eben Verkettungen. Dieses Dreigestirn zwingt Studierende vermehrt dazu, Lehrveranstaltungen zu besuchen, die sie nicht besuchen wollen. Haben sie sich einmal angemeldet – ohne den Inhalt der Lehrveranstaltung zu kennen, schließlich steht im Vorlesungsverzeichnis nicht sehr oft mehr als ein Titel – haben sie durch die Verkettung nur zwei Möglichkeiten: Die für sie uninteressante LV zu besuchen oder abzubrechen und damit ihr Studium um ein Jahr zu verzögern – denn LV-A wird nur im Wintersemester angeboten. Verkettungen sind also aus einer Planbarkeitsperspektive das non plus ultra, schrauben aber sonst nur die Quote gelangweilter Studierender in die Höhe, die die LV unfreiwillig weiter besuchen.</p>
<p><strong>7. Shopping Week</strong></p>
<p>Der Weg weg von Referaten hin zu Texten und weg von Seminararbeiten hin zu Essays hätte noch einen Vorteil: Studierende könnten vor Begin der Lehrveranstaltung besser einschätzen, ob sie ihren Vorstellungen entspricht. Bisher gibt es über die Lehrveranstaltung nicht viel mehr Informationen als den Titel. Das wäre nicht so schlimm, könnte man sich die LV für eine gewisse Zeit ansehen. Das wird aber durch die Anmeldephase vor Beginn des Semesters verhindert: Zwar kann man sich gegen eine Lehrveranstaltung entscheiden, aber nicht ohne sein Studium zu verzögern.</p>
<p>Diesen blinden Entscheidungen für  Lehrveranstaltungen kann eben dadurch entgangen werden, dass Lehrende vor Beginn des Semesters den Seminarfahrplan mit Angaben zu zu lesenden Texten online stellen. Zusätzlich dazu sollte die Anmeldephase in die zweite oder dritte Semesterwoche verschoben werden. Zugegeben, ein Alptraum für jene Kräfte an der Uni, die Qualität gerne mit Zahlen ausdrücken und unter dem Schlagwort „Planbarkeit“ die Anmeldesysteme in ihre Kontrolle gebracht haben. Dennoch: Studierenden die Möglichkeit zu geben, eine Lehrveranstaltung und ihre/n -leiterIn ein bis zwei Wochen lang anzusehen, bevor sie sich ein ganzes Semester verpflichten würde die Uni ein großes Stück besser und Studierende ein großes Stück interessierter machen.</p>
<p><strong>8. Orientierungsphase sinnvoll gestalten</strong></p>
<p>Die durch die UG-Novelle zu implementierenden Studieneingangsphasen können als Chance genutzt werden, sinnvolle Orientierungsphasen zu implementieren. Sie können aber auch – weniger sinnvoll – als bloße Zugangsbeschränkungen gesehen werden. Auch wenn ich Zugangsbeschränkungen sehr kritisch gegenüberstehe, gibt es einen wichtigeren Fokus, denn woran bei den Diskussionen um Orientierungsphasen – und das wird auch bei der Gestaltung der Studieneingangsphasen nicht anders werden – nie gedacht wird, ist die Situation nach der negativen Orientierung. Damit meine ich, was ein/e StudierendeR macht, wenn er/sie sich gegen die Studienrichtung entschieden hat oder auch die Uni sich gegen den/die StudierendeN entschieden hat. Zu dem Zeitpunkt, wo die Entscheidung gefällt ist, sind nämlich alle anderen Orientierungsphasen auch schon angelaufen und der/die Studierende muss ein Semester warten, um sich in die nächste Orientierungsphase zu stürzen. Die Entscheidung für ein Studium muss man absurderweise noch immer vor der Orientierungsphase treffen. NACH der Orientierungsphase kann man sich nicht für Studium A oder B entscheiden, sondern nur mehr für oder gegen Studium A.</p>
<p>Dieses Dilemma ist leicht aufzulösen: Die Entscheidung für eine Studienrichtung soll erst nach einer Orientierungsphase fallen müssen. Es gibt genug Lehrinhalte, die in einem ersten Semester disziplinübergreifend gelehrt werden können und die in einer solchen allgemeinen Orientierungsphase abgewickelt werden können. Dabei will ich die Uni in ihrer Phantasie nicht überfordern: Die allgemeinen Orientierungsphasen können durchaus in größere Disziplinen (Fakultäten) unterteilt werden, wie ja auch die Interessen der Erstsemestrigen meist in eine Richtung gehen. Es soll aber durchaus möglich sein, Lehrveranstaltungen aus absolut anderen Disziplinen anzusehen.</p>
<p>Konkret: Im ersten Semester machen Studierende eine Hand voll Kernlehrveranstaltungen der jeweiligen Fakultät; Sozialwissenschaftliches Arbeiten, Methoden, Wissenschaftstheorie, etc. Zusätzlich dazu besuchen die Erstsemestrigen je eine Lehrveranstaltung aus zwei bis vier Studienrichtungen ihrer Wahl, die ihnen natürlich im späteren Studienverlauf problem- und bürokratielos angerechnet werden. Als begleitende Maßnahme besuchen sie ein Tutorium, das von einem/r Doktoratsstudierenden geleitet wird und in dem sie über Studienwahl, Startschwierigkeiten, etc. mit Studierenden interdisziplinär reflektieren. Nach einem Semester entscheiden sie sich dann für eine Studienrichtung.</p>
<p><strong>9. BibliothekarInnen als Ressourcen nicht als VerwalterInnen</strong></p>
<p>Die wichtigste Institution des akademischen Schreibens sind die Bibliotheken. Leider sind viele der Fachbibliotheken an der Uni Wien keine Bibliotheken, sondern nur Räume in denen Bücher stehen. Die besseren Bibliotheken sind zumindest gleichzeitig Arbeitsräume für Studierende – allerdings nur für die einsamste aller Arbeiten: dem Schreiben. Nachdem LehrveranstaltungsleiterInnen zum Leid vieler Gruppenarbeiten eingeführt haben, hätten die Bibliotheken längst reagieren müssen und Gruppenarbeitsräume einrichten müssen. Denn von den Studierenden eine Sozialform abzuverlangen, aber nicht einmal den Hauch einer Infrastruktur dafür zur Verfügung zu stellen ist eigentlich ein Witz. Das Argument des fehlenden Raumes sei der Fairness halber erwähnt. Eine Verbesserung ist allerdings sehr schnell, sehr leicht zu treffen: In Moment sind die BibliothekarInnen vor allem BücherschlichterInnen und EinordnerInnen. Die einzige Auskunft, die sie einem/r wissenschaftlich arbeitenden Studierenden geben können ist, in welchem Regal das Buch steht. Das ist eine Verschwendung an Potential. Alle Angestellten in den Fachbibliotheken sollten ebenfalls das sein: vom Fach. Sie sollten Studierenden als Ressource dienen, als Recherchehilfe. Natürlich können sie nicht zu jedem Thema SpezialistInnen sein, aber sie sollten einen grundsätzlichen Überblick  über Forschungsliteratur, aktuelle Diskurse, Fragestellungen haben und damit Studierenden als erste Anlaufstelle bei Rechercheproblemen dienen.</p>
<p><strong>10. Vier kleine zum Abschluss</strong></p>
<p>Ich gehöre zu den Menschen, die sich immer schon gewundert haben, warum man sich als ersten Wunsch von der Glücksfee nicht einfach unendlich viele Wünsche wünscht. Dementsprechend sind hier kleinere Thesen als eine zehnte zusammengefasst.</p>
<ul>
<li><em>a.Textbasierte Vorlesungen:</em> Vorlesungen sind autodidakte Lehrveranstaltungen. Das heißt, man muss nicht hingehen. Aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund werden Studierende dennoch gezwungen in VOs zu gehen, weil es für viele einfach kein Skriptum gibt und sich Studierende auf schlecht zusammenfassende Mitschriften von KollegInnen verlassen oder selbst in die VO schleppen müssen. Selbst wenn man ProfessorInnen die Freiheit zugesteht, kein Skriptum für ihre Vorlesung zu schreiben, sollte dennoch Pflicht werden, eine Basis an Texten zu veröffentlichen mit Hilfe derer die Prüfung ohne Anwesenheit in der VO mit einem Sehr Gut bestanden werden kann. Wenn man besonders studierendenfreundlich ist, könnte man den Stoff noch auf eine gewisse Seitenanzahl beschränken. Wir wollen aber nicht übermütig werden.<br />
Was auf jeden Fall, ohne große Kosten und sofort eingeführt werden kann und sollte, ist die Digitalisierung von Vorlesungen. Nur wenige PionierInnen bietet ihre Vorlesungen bereits als mp3 zum Download an.</li>
<li><em>b.Studierende sind keine Bürde:</em> Ich hätte gerne an einer Uni studiert an der ProfessorInnen Studierende nicht als Bürde ansehen. Ja, eine Stunde Sprechstunde in der Woche hält vom Schreiben und damit Publizieren ab. Trotzdem will ich nicht vor verschlossenen Türen wieder umdrehen &#8211; vor allem wenn ich extra Arbeitszeiten getauscht habe, um Ihre Sprechstunde besuchen zu können. Ich weiß, ich bin nicht der einzige Studierende, der Ihnen ein Email schreibt, aber in 48 Stunden kann das wohl beantwortet werden. Und wenn sie schon „Herr Kollege“ zu mir sagen, dann meinen sie das doch auch so. Nur ein bisschen.</li>
<li><em>c.Einrichtung eines Learning Centers:</em> Das steht wirklich ganz ganz unten auf der Liste. Aber irgendwann, wenn alle anderen Verbesserungen erreicht sind, könnte man anerkennen, dass manche Studierende Lernschwächen haben könnten und trotzdem eine Daseinsberechtigung an der Uni haben. Wenn man diesen Schritt getan hat, dann könnte man ein Learning Center einrichten, in dem man diesen Studierenden einen Rahmen gibt, in dem sie die Prüfung absolvieren können, etwa durch Ausdehnung der Prüfungszeit. Dort könnten die Studierenden dann auch hingehen, um ihr Lernen zu verbessern, sich neue Techniken anzueignen.</li>
<li><em>d.Weg mit der Bürokratie:</em> Ich habe am 18. Juni 2008 mein Diplomarbeitsthema eingereicht. Genau zwölf Monate später hatte ich meine Sponsion. In den ersten sechs Monaten habe ich 20 Stunden gearbeitet, 16 Semesterwochenstunden absolviert und 130 Seiten Diplomarbeit geschrieben. In den folgenden sechs Monaten habe ich auf Formulare gewartet, sie abgeholt, gewartet, unterschreiben lassen, abgegeben, gewartet und abgeholt. Die Bürokratie (vor allem) am Ende des Studiums macht dieses unerträglich und unnötig lang – dafür den Abschied wesentlich leichter.</li>
</ul>
<p><em>Weitere Texte zum Download finden sich auf: <a title="Yussi goes to..." href="http://www.yussipick.net" target="_blank">www.yussipick.net</a></em></p>
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