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	<title>blog.sektionacht.at &#187; Marxismus</title>
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	<description>Blog der Sektion 8</description>
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		<title>Umdeutung der Wirtschaftswissenschaften?</title>
		<link>http://blog.sektionacht.at/2009/02/umdeutung-der-wirtschaftswissenschaften/</link>
		<comments>http://blog.sektionacht.at/2009/02/umdeutung-der-wirtschaftswissenschaften/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 04 Feb 2009 13:37:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Marktfundamentalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Neoklassik]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Anmerkungen zu „Der Marxismus der Konservativen“ von Leonhard Dobusch und Nikolaus Kowall
Simon Sturn und Klara Zwickl*
„Me-ti sagte: Wenn man Bronze- oder Eisenstücke im Schutt findet, fragt man: Was waren das in alter Zeit für Werkzeuge? Wozu dienten sie? Aus den Waffen schließt man auf Kämpfe; aus den Verzierungen auf Handel. Man ersieht Verlegenheiten und Möglichkeiten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anmerkungen zu „<a title="Marxismus der Konservativen" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29169/1.html" target="_blank">Der Marxismus der Konservativen</a>“ von Leonhard Dobusch und Nikolaus Kowall</strong></p>
<p><em>Simon Sturn und Klara Zwickl*</em></p>
<blockquote><p>„Me-ti sagte: Wenn man Bronze- oder Eisenstücke im Schutt findet, fragt man: Was waren das in alter Zeit für Werkzeuge? Wozu dienten sie? Aus den Waffen schließt man auf Kämpfe; aus den Verzierungen auf Handel. Man ersieht Verlegenheiten und Möglichkeiten aller Art.<br />
Warum macht man es mit den Gedanken aus alten Zeiten nicht auch so?“<br />
(Bertolt Brecht: Me-ti. Buch der Wendungen)</p></blockquote>
<p class="MsoNormal">Der Beitrag „Der Marxismus der Konservativen“ von Leonhard und Niki (im Folgenden LN genannt) beschäftigt sich scheinbar mit dem ersehnten Niedergang des Neoliberalismus, dies wird zumindest durch die Überschriften und den Schlussabsatz nahe gelegt. Der Text liest sich aus unserer Sicht aber anders. Wichtigste Kernthese scheint zu sein: neoklassische Ökonomik ≈ orthodox-marxistische Ökonomik = böse und dumm; keynesianische Ökonomik = toll. Zuweilen wird das ökonomische Terrain auch in Richtung des polit-philosophischen verlassen, wobei wir nur auf ersteres Bezug nehmen.<span id="more-182"></span></p>
<p>Die Schlussabsätze widmen sich dann Lobpreisungen Bernsteins und dem Appell an „die Konservativen“, sie mögen doch – nachdem die Sozialdemokratie 1918 ihre Pflicht erfüllt hat, nun die ihre tun und – den FundamentalistInnen in den eigenen Reihen (NeoklassikerInnen) die Leviten lesen. (Um die Logik des letzten Gedankens verstehen zu können, sollte mensch wissen, dass „<em>die Irrtümer einer Lehre nur dann als überwunden gelten [können], wenn sie als solche von den Verfechtern der Lehre anerkannt sind.</em>“ (Bernstein 1969: 46))</p>
<p class="MsoNormal">Auch wenn von LN nicht intendiert, da an ein „konservatives“ Zielpublikum gerichtet, lesen wir ihren Beitrag im Wesentlichen als polemische und unproduktive Kritik an marxistischen Theorien. Unserer Meinung nach sollte aber im Zentrum der Debatte die Frage stehen, ob und wie politische AkteurInnen von keynesianischen und marxistischen (sowie anderen) Ideen profitieren können. Karikaturen der jeweiligen Theoriegebäude zu widerlegen ist in diesem Zusammenhang wenig hilfreich.</p>
<p class="MsoNormal">Viel Lesenswertes ist schon auf LN’s Artikel geantwortet worden (<a title="TELEPOLIS" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29340/1.html" target="_blank">Telepolis</a>, und in diesem Blog, einmal <a title="Blog-Link" href="http://blog.sektionacht.at/?p=165#more-165" target="_blank">hier</a> und <a title="Blog-Link" href="http://blog.sektionacht.at/?p=173#more-173" target="_blank">hier</a>). Da aber die ökonomischen Argumente von LN noch wenig Würdigung fanden, möchten wir insbesondere in dieser Hinsicht einige Punkte ansprechen. Einleitend beginnen wir mit einer kritischen Würdigung der Vorgangsweise von LN.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>1.) Anmerkungen zur Methode</strong></p>
<p>Das Herausarbeiten von Stärken und Schwächen ökonomischer Theorien ist freilich ein sinnvolles Ansinnen. Problematisch erscheint uns aber, dass LN eben dies nicht tun, und stattdessen Oberflächlichkeiten und (Schein-)Argumente zu einem Angriff gegen eine Theorie (marxistische Ökonomik) hochstilisieren, die faktisch fragwürdig sind, und sich durch ähnliche Verdrehungen ebenso gegen die eigene präferierte Theorie (keynesianische Ökonomik) anbringen lassen. Letztendlich wird dadurch eine ernsthafte Diskussion von vornherein untergraben. Damit schaden LN aus unserer Sicht jeder Theoriebildung, nicht nur der für sie feindlichen.</p>
<p>Wird das Ziel verfolgt, eine Idee oder Theorie zu diskreditieren statt zu diskutieren, so empfiehlt sich folgende Vorgangsweise: Mensch konstruiere eineN FeindIn, verorte und konkretisiere dieseN möglichst nicht damit sie/er stets gespenstisch diffus bleibt, unterstelle dieser/m einige Thesen, und mache sich dann an die Demonstration der Unsinnigkeit dieser Thesen. Freilich wird dies ein umso einfacheres Unterfangen, je undifferenzierter und dogmatischer mensch die/den FeindIn argumentieren lässt. Eigene Schwächen in der Argumentation überdecke mensch möglichst mit einer Extraportion Polemik.</p>
<p>(Bspw. könnte mensch, um „den Keynesianismus“ schlecht zu machen, sich auf gewisse, möglichst nicht genauer spezifizierte Mainstream-Interpretationen des „modernen Keynesianismus“ (auch „Bastard-Keynesianismus“ genannt) berufen, und die Ähnlichkeiten zur Neoklassik in der mittel- und langfristigen Analyse, sowie den lohnpolitischen Empfehlungen betonen. Um „den Keynesianismus“ politisch zu diskreditieren, behaupte mensch dann einfach, dass dieser seine eigentliche Verwirklichung in der Wirtschafs- und Beschäftigungspolitik des Dritten Reichs fand, und in jüngster Zeit eigentlich nur noch von der Regierung Bush keynesianische Geld- und Fiskalpolitik betrieben wurde. Das übel riechende Gebräu kann dann nach belieben mit weiterer Polemik aufgefettet werden. Solch ein unseriöses Vorgehen aber, so dachten wir, ist nur im sektiererisch-kleinkrämerischen Milieu üblich.)</p>
<p>Da aber der größte Feind eines jeden großen geistigen Wurfs die differenzierte Betrachtung ist, sind wir uns dann doch nicht ganz sicher, womit wir es bei „Der Marxismus der Konservativen“ zu tun haben. Und auch wenn LN etwas merkwürdige Argumente aus ihrem Zylinder kramen, so entdecken wir doch einen genießbaren Kern unter der schmutzigen Schale. Denn in der Tat scheint es sich auf Marx berufende politische Gruppierungen zu geben, deren wirtschaftspolitische Analyse mehr keynesianischen Einfluss vertragen würde. Daraus aber zu folgern, die marxistische Analyse ähnle in wichtigen Punkten der neoklassischen, scheint uns irreführend.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>2.) Anmerkungen zu einigen vorgebrachten Argumenten</strong></p>
<p>Der sich hinter einem Schleier verbergende zweite Hauptfeind des Artikels von LN, der (orthodoxe) Marxismus, nimmt leider nie fassbare Konturen an. Zusätzlich problematisch ist, dass LN die Begriffe Marx, Marxismus und orthodoxer Marxismus weitgehend synonym verwenden. Es ist deswegen meist unklar, wer gerade kritisiert wird. LN glauben aber jedenfalls „<em>[t]heoretische Parallelen</em>“ zwischen dem nicht näher spezifizierten „<em>Marxismus</em>“ und dem „<em>Marktfundamentalismus</em>“ (alias Neoklassik) zu finden, die weit über äußere Ähnlichkeiten hinausgehen. Wir finden die von LN angeführten Punkte nicht überzeugend.</p>
<p class="MsoNormal">So seien Marxismus und Neoklassik „Theorien der Angebotsseite, in denen die Nachfrage wenig bis keine Rolle spielt. In der marxschen Arbeitswertlehre wird alles konsumiert was produziert wird, die Nachfrage liegt automatisch bei 100 Prozent.“ (Hoffentlich wird nicht alles konsumiert, sondern auch ein Teil des Outputs reinvestiert.) Aus unserer Sicht kann diese Aussage keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Unterschiedliche InterpretInnen gewichten unterschiedliche Aspekte der ökonomischen Schriften Marx’ unterschiedlich. So finden sich in Marx’ Kapital durchaus eindeutige Stellen, die auf eine Würdigung der Nachfrageseite schließen lassen. Bspw. diese hier:</p>
<blockquote><p>„Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“ (Marx 2003: 501)</p></blockquote>
<p class="MsoNormal">Einige AutorInnen präferieren die „reale“ Analyse Marxens Werk und betonen die Rolle von Profit Squeeze (bspw. Glyn 1997), Profitratenfall (bspw. Shaikh 1978) oder Unterkonsumption (bspw. Sweezy 1971) zur Erklärung ökonomischer Ungleichgewichte, wobei die ersten beiden Varianten das Say’sche Theorem nicht explizit abzulehnen scheinen, während die letzte Variante – auch in der Ablehnung des Say’schen Theorems – teilweise Parallelen zu keynesianischen Argumenten aufweist. Andere betonen in deren „monetärer“ Interpretation Marxens Werk die Zentralität von Geld und Kredit (und z.T. die Ähnlichkeiten zur monetären post-keynesianischen Analyse (Hein 2002)), da Marxens Werk (und dessen Ablehnung von Say’s Theorem) nur so schlüssig zu interpretieren sei (bspw. Crotty 1985, Evans 2004, Heinrich 2005). Nach unserem Kenntnisstand der Literatur findet aber zumindest ein wesentlicher Teil der sich mit Marx beschäftigenden PolitökonomInnen – trotz unterschiedlicher Lesearten – dass Marx die Gültigkeit von Say’s Law widerlegte (bspw. Sweezy 1971, Crotty 1985, Hein 2002, Evans 2004, Heinrich 2005). Da sich Marx in den „<a title="ML-Werke" href="http://www.mlwerke.de/me/me26/me26b471.htm" target="_blank">Theorien über den Mehrwert</a>“ explizit über die Nichtablehnung des Say’schen Theorems durch Ricardo auslässt („<em>Es ist dies kindisches Geschwätz eines Say, aber nicht Ric[ardo]s würdig.</em>“), finden wir diese Sichtweise auch nicht überraschend.</p>
<p>Wir wollen nicht sagen, dass eine Marx-Interpretation, wie sie von LN nahe gelegt wird, nicht existiert (oder in früheren Tagen vielleicht sogar dominant war; wir wissen das nicht), aber wir meinen schon, dass eine alternative Rezeption in der heutigen Diskussion deutlich wahrnehmbar bis dominant ist (wir kennen die spezifische Literatur zuwenig um beurteilen zu können, welche Interpretation „Mainstream“ ist). Wir folgern: Entweder enthalten uns LN relevante Sichtweisen in der spezifischen Debatte vor, oder sie wissen um diese nicht bescheid. Wie auch immer, LN verzerren in ihrer Darstellung die Thematik in nichthaltbarer Weise.</p>
<p class="MsoNormal"><span>Eine zweite Parallele zwischen marxistischer und neoklassischer Ökonomie besteht für LN darin, dass beide „</span><em>philosophisch gesehen ökonomistisch, oder wie Marx es nennt ‚materialistisch’</em>“ seien. (Die Gleichsetzung von ökonomistisch mit materialistisch halten wir für fragwürdig.) Soll mit der Ökonomismus-Kritik an die (neo-)gramscianische Tradition angeknüpft werden, muss darauf hingewiesen werden, dass Marx nicht nur ökonomische, sondern auch historische, soziologische und philosophische Werke geschrieben hat. Im besonderen Unterschied zur Neoklassik und den meisten KeynesianerInnen berücksichtigte Marx dabei gesellschaftliche Machtverhältnisse auch in seinen ökonomischen Theorien, und schloss nicht pauschal von ökonomischen Entwicklungen auf gesellschaftliche. So schrieben Marx und Engels im „<a title="Kommunistisches Manifest" href="http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm" target="_blank">Kommunistischen Manifest</a>“ eben nicht, die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft sei die Geschichte der Akkumulation des Kapitals, sondern: „<em>Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.</em>“ (Wobei die Klassengegensätze, also die groben Rahmenbedingungen – Feudalismus oder Kapitalismus – unter welchen diese Kämpfe ausgetragen werden, schon von der Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt sind.) Mensch kann Marx und Engels auch ökonomistisch lesen, und diese Sicht mit entsprechenden Zitaten belegen (dominante Strömungen in der deutschen Sozialdemokratie zu Zeiten Bernsteins taten dies auch), aber uns scheint diese Interpretation nicht die naheliegendste und heutzutage gängige zu sein. Pauschal zu behaupten, Marx bzw. „der Marxismus“ seien ökonomistisch, wird der Literatur und den diversen Marxismen nicht gerecht.</p>
<p class="MsoNormal">Weiters schreiben LN: „<em>Abseits der Angebotsorientierung stellen beide Ansätze den Kampf um den Kuchen in den Vordergrund, das Wachstum des Kuchens findet nur wenig Berücksichtigung</em>.“ Eine unnötige Verrenkung, schließlich beziehen sich LN in diesem Beitrag (wie anderswo) positiv auf den Keynesianismus, bei welchem – wie bei der marxschen Ökonomie – die funktionelle Einkommensverteilung (also der Kampf um den Kuchen) eine bedeutende Determinante zur Erklärung der wirtschaftlichen Entwicklung darstellt, während die Neoklassik diese Thematik außen vor lässt.</p>
<p>Sollten LN mit diesem „Vorwurf“ aber darauf anspielen wollen, dass in kaleckianischen Wachstumsmodellen (einer „Strömung“ in der post-keynesianischen Ökonomie) höher Löhne unter gewissen Bedingungen langfristig zu höherem Wachstum führen können, so möchten wir darauf hinweisen, dass ein inverser Zusammenhang zwischen Löhnen und Profit/Investitionen/Wachstum nicht nur bei neoklassischen und marxistischen Wachstumsmodellen (zumindest implizit oder mittels Mikrofundierung) unterstellt wird, sondern auch bei neu-, neo-, und den anderen post-keynesianischen (bspw. dem Kaldor-Robinson Modell). Nun ist die kaleckianische „Schule“ aus unserer Sicht durchaus die interessanteste unter den (post-)keynesianischen, aber man sollte schon ehrlich sein: Wer hier „ungewöhnlich“ argumentiert sind eher die KaleckianerInnen, nicht die MarxistInnen und NeoklassikerInnen.</p>
<p>Die Behauptung, dass Wachstum in der Marx’schen Ökonomie nur wenig Berücksichtigung findet ist ebenfalls eine eigenwillige Interpretation der Literatur. Bei Marx ist Wachstum zentraler Bestandteil der kapitalistischen Ökonomie (während die Neoklassik die Frage des Wachstums tatsächlich lange Vernachlässigt hat). Die/der KapitalistIn muss bei Marx „bei Strafe des Untergangs“ permanent reinvestieren, wenn sie/er KapitalistIn bleiben will, da sie/er dem Konkurrenzdruck der anderen KapitalistInnen ausgesetzt ist. Wachstum (und Krise) ist ein wesentlicher Bestandteil der Marx’schen Konzeption des Kapitalismus.</p>
<p class="MsoNormal">Weiter argumentieren LN: „<em>Bei Marx stoßen wir im Kapitalismus zwar auf eine produktive Dynamik, von der aber nur die Kapitalistenklasse profitiert, während die Arbeiterklasse im Elend versinkt.</em>“ Bzw. genauer: der Lebensstandard der ArbeiterInnenklasse orientiert sich am sozio-kulturell determinierten Reproduktionsniveau. (Kurzfristig beeinflusst auch die Kampffähigkeit der ArbeiterInnenklasse deren Lohnniveau.) In der Auslegung des vermutlich orthodoxen Marxisten Ernest Mandel heißt das dann, dass das Ersparte der ArbeiterInnen nicht dazu ausreicht, die Seite zu wechseln, und selbst BesitzerInnen von Produktionskapital zu werden (um von der Arbeitskraft anderer leben zu können). Wie auch immer mensch die Schichtdurchlässigkeiten beurteilen mag, die globale Einkommensverteilungssituation sollte gemeinsamer Bezugspunkt progressiver AkteurInnen sein (und eignet sich somit wenig für Polemiken gegen „MarxistInnen“). (Im Übrigen impliziert Marx’ Bestimmung der Löhne – wie bei seinen Klassischen VorgängerInnen, von welchen er diese These übernahm – keine absolute, sondern eine relative Verelendung. Das heißt, die Reallohnentwicklung hält nicht mit der Produktivitätsentwicklung schritt und die Lohnquote fällt (vgl. Hein 2004: 75). Wenn Marx und Engels über die absolute Verelendung bspw. der englischen ArbeiterInnen berichten, ist das wohl eher als damaliges empirisches Datum zu interpretieren, denn als heute empirisch nicht mehr haltbarer theoretischer Misstand in ihrer ökonomischen Konzeption.)</p>
<p class="MsoNormal">Im folgenden Absatz spüren LN den „<em>methodologischen</em>“ Gemeinsamkeiten der Marxschen und neoklassischen Ökonomie nach: „<em>Neoklassik und Marxismus gehen von einer berechenbaren Welt – im wahrsten Sinne des Wortes – aus. Sei es der ‚individuelle Nutzen’ und die entsprechende ‚individuelle Zahlungsbereitschaft’ in der Grenznutzenschule oder im Marxismus das ‚Quantum menschlicher Arbeitskraft’, aus denen ein Wert und in Folge einer Transformation ein Preis entsteht. In beiden Denkrichtungen dominieren Versuche, abstrakte Messeinheiten real quantifizierbar zu machen.</em>“ Wir sind uns nicht sicher worauf genau diese Kritik abzielt. Der Versuch theoretische Konzepte real quantifizierbar zu machen ist Merkmal der gesamten modernen Ökonomie jeglicher Schattierung. Die Kritik bezüglich der Grenznutentheorie muss sich im Übrigen auch an Keynes richten, da er diese von der Neoklassik übernimmt. Bspw. geht Keynes in der General Theory davon aus, dass der Reallohn dem Grenzprodukt der Arbeit entspricht. Ebenso übernimmt er die neoklassische Arbeitsangebotskurve (steigendes Arbeitsangebot bei steigendem Reallohn, was aus soziologischer Sicht eine wenig glaubhafte Begründung des „Arbeitsangebots“ liefert).</p>
<p>Eine weitere Ähnlichkeit zur Untermauerung ihrer These entdeckten LN in den „Dogmen“, dass Märkte „<em>entweder optimal funktionieren (Neoklassik) oder ohnedies mit Sicherheit scheitern müssen (Marxismus)</em>“, wobei letzteres Keynes, Kalecki und Minsky wohl auch nicht anders sehen, und zusätzlich dem „Alternativ-Dogma“ anhängen, dass die privatwirtschaftlichen Allokationsdefizite mittels öffentlicher Interventionen theoretisch vernünftig korrigierbar wären (während „MarxistInnen“ eher zu betonen scheinen, dass Krisen stets auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung zu überwinden versucht werden). Um mit Keynes zu sprechen: „<em>If two-thirds or three-quarters of total investment is carried out or can be influenced by public or semipublic bodies, a long-term program of a stable character should be capable of reducing the potential range of fluctuation…</em>“ (Keynes 1980: 322, zit. in Tcherneva 2008: 12)</p>
<p>Abschließend begnügen wir uns mit dem Hinweis, dass die meisten „großen“ (Post-)KeynesianerInnen – wie Michal Kalecki, Joan Robinson und Piero Sraffa – Marx als einen theoretischen Vorgänger der ihren begriffen haben. Robinson bringt diesen Standpunkt im folgenden Zitat über ihren langjährigen Kollegen Keynes zum Ausdruck: „<em>[H]e maintains that his new theory is going to cut the ground from under the feet of the Marxists. But starting from Marx would have saved him a lot of trouble.</em>“ (Robinson 1980, zit. in Baragar 2003: 474) Und über ihren Kollegen Kalecki schreibt sie, dass dessen größter Vorteil gegenüber Keynes war, dass er nie orthodoxe (neoklassische) Ökonomie gelernt hat, sondern nur Marx (ebd.).</p>
<p class="MsoNormal"><strong>3.) Abschließende Bemerkungen</strong></p>
<p>Trotz deren waghalsiger Deutung der Literatur sprechen LN einen aus unserer Sicht relevanten Punkt an. Denn es scheint tatsächlich marxistisch inspirierten AkteurInnen zu geben, die in wirtschafspolitischer Hinsicht von „KeynesianerInnen“ etwas lernen könnten (bspw. <a title="wirtschaftskrise.blogspot.com" href="http://wirtschaftskrise.blogspot.com/2009/01/debatte-krise-was-nun.html" target="_blank">wirtschaftskrise.blogspot.com</a>). Aus unserer Sicht sollten wirtschafspolitische Interventionen im Interesse der Bevölkerung statt einiger Wirtschafssektoren (bspw. sinnvolle öffentliche Infrastrukturinvestitionen, öffentliche Beschäftigungsprogramme, Vergesellschaftungen von funktionsunfähigen Banken und Betrieben), die Verhinderung von Reallohneinbußen und die Stabilisierung der Einkommen unterer Schichten (mittels Mindestlöhnen, und der Ausweitung von Sozialleistungen) für keynesianisch wie marxistisch inspirierte Menschen sinnvoll und unterstützenswert sein: Aus keynesianischer Sicht um das weitere Sinken der effektiven Nachfrage zu verhindern, und somit die Ökonomie zu stabilisieren; aus marxistischer Sicht um die Zunahme der Ausbeutung zu bekämpfen und die ArbeiterInnen zu motivieren, verstärkt für ihre ökonomischen Interessen einzutreten. (Diese ökonomischen Vorschläge können freilich je nach Präferenzen um politische, libertäre, ökologische, geschlechtsspezifische, etc. Aspekte erweitert werden. Aber unserer Ansicht nach sollte eine gemeinsame Basis für politisches Handeln bestehen.)</p>
<p class="MsoNormal">Auf der anderen Seite sollten sich „KeynesianerInnen“ die Frage stellen, warum ihre überlegenen wirtschafspolitischen Vorstellungen, die wohl zu mehr Wachstum und (Primär-)Einkommen für ArbeitnehmerInnen und UnternehmerInnen (nicht aber Rentiers) führen sollten, – trotz der aktuellen Krise – marginalisiert sind. Oder anders ausgedrückt: „<em>Essentially PKE [Postkeynesian Economics; Anm.] has no answer to the question, why pre-Keynesian economic policies persist.</em>” (Stockhammer/Ramskogler 2008: 23) Zur Beantwortung dieser Frage braucht es eine politökonomische Theorie, welche Macht und Interessen (und eine Analyse des Staates) berücksichtigt. In dieser Hinsicht können „KeynesianerInnen“ von div. marxistischen Theorien lernen (ebd.).</p>
<p>Keynes wies darauf hin, dass Lohnsenkungen in deflationärem Umfeld (wie wir es heute haben) sehr gefährlich und schädlich sein können. Trotzdem werden die ArbeitgeberInnen und ihre Verbände in den nächsten Jahren entschieden für niedrigere Löhne eintreten. Keynes wies darauf hin, dass zur Bekämpfung einer Rezession vor allem staatliche Infrastrukturinvestitionen und Beschäftigungsprogramme angesagt sind. Stattdessen werden von den meisten Regierungen großteils Steuererleichterungen (die eher Sparen als die Nachfrage stimulieren, und jetzt schon den Grundstein für Sparpakete – vermutlich im Sozialbereich – im nächsten Aufschwung legen) und Subventionen für einzelne Branchen beschlossen (statt öffentlichen Eigenkapitaleinlagen, Mitbestimmungsmöglichkeiten und Kreditvergabevorschriften bzw. besser gleich Verstaatlichungen werden dem Bankensektor sehr großzügige – und unwirksame – Regelungen gegönnt). Keynes wies darauf hin, dass ein Großteil der Investitionen von öffentlicher Hand beeinflusst werden können muss, um regelmäßige Konjunkturkrisen zu verhindern. Trotzdem wird der Privatisierungskurs fortgesetzt werden, sobald das Umfeld an den Aktienmärkten dies zulässt (was in den nächsten Jahren wohl nicht der Fall sein wird). Nach Keynes ist dauerhafte Vollbeschäftigung – wenn auch nur mit beträchtlichem öffentlichen Engagement – machbar. Trotzdem prägt seit Jahrzehnten Massenarbeitslosigkeit das Bild, und das Wort Vollbeschäftigung ist im modernen ÖkonomInnenjargon schlicht inexistent. Und obwohl die wichtigen Fragen des ökonomischen Daseins seit Keynes und Kalecki großteils gelöst waren, kam es in den 1970er und 1980er Jahren zur neoklassischen Konterrevolution, mit all ihren Konsequenzen (wie Zurückdrängung der ArbeitnehmerInnenorganisationen, sinkende Lohnquote und ungleichere personelle Einkommensverteilung, höhere Arbeitslosigkeit, „Entfesslung“ der Finanzmärkte, etc.). Warum?</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="Abbildung 1 aus OECD (2008)" src="http://www.dobusch.net/pub/pol/pix/OECD-wage-share.png" alt="" width="626" height="368" /></p>
<p><a title="Teleopolis-Replik" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29340/1.html" target="_blank">Ludwig, Armin und Florian</a> begründen das mit den „<em>von der Kapitalseite mit Entschlossenheit geführten Verteilungskämpfe[n]</em>“. LN blenden in ihrem Beitrag diese Frage aus, die einzig erwähnenswerte Erklärung der jahrzehntelangen Dominanz der Neoklassik ist demnach die („<em>mathematisch modellierbar[e]</em>“) Verknüpfung „<em>wissenschaftlichen Sachzwang[s] und perfekte[r] Utopie</em>“ durch die Neoklassik. Aber trotz LN’s Appell an die Vernunft „der Konservativen“ werden diese – so vermuten wir– nicht so ohne weiteres zur Besinnung kommen, sie wissen schließlich durchaus, was sie am Neoliberalismus hatten. Schließlich sehen sie es regelmäßig in den Aufstellungen ihrer VermögensberaterInnen. Und auch wenn es im letzten Jahr nicht gut lief, so dafür die drei Jahrzehnte davor (zur Illustration dessen siehe die Abbildungen aus OECD 2008). Und sie wissen auch noch, was Vollbeschäftigung und eine undisziplinierte und politisch umtriebige ArbeitnehmerInnenschaft für sie bedeutet haben. Warum sollten sie dahin zurückwollen? Was wir zur Zeit erleben ist ein Schwenk in der Wirtschafspolitik hin zum „<em>Wall-Street Keynesianismus</em>“, in welchem „s<em>ich ein deregulierter Finanzsektor in Krisenzeiten am Staat schadlos hält und gleichzeitig auf deregulierten Arbeitsmärkten beharrt [wird]</em>“ (Stockhammer 2009: 6) – bzw. „<em>Lemon Socialism</em>”, wo die Devise lautet: „<em>Taxpayers support the lemons. Capitalism is reserved for the winners</em>.“ (<a title="Lemon Socialism" href="http://robertreich.blogspot.com/2009/01/how-america-has-embraced-lemon.html" target="_blank">Robert Reich</a>). Mit dem Versuch einer egalitäreren Verteilung der globalen Ressourcen hat das aber nichts zu tun.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="Abbildung 2 aus OECD (2008)" src="http://www.dobusch.net/pub/pol/pix/OECD-income.png" alt="" width="580" height="343" /></p>
<p>Aspekte der Kritik LN’s sind aus unserer Sicht berechtigt. Aber Bruchlinien zu kreieren, wo diese so nicht existieren, scheint uns ein wenig schöpferisches, aber sehr zerstörerisches Gebot der Stunde zu sein. In den kommenden Jahren wird insbesondere den ArbeitnehmerInnen, Arbeitslosen und sozial Schwachen dieser Welt ein außergewöhnlich frostiger Wind ins Gesicht peitschen. Die Welt könnte Druck für eine egalitärere (und ökologischere) Wirtschafspolitik dringend brauchen. Ob keynesianisch, marxistisch oder sonst wie motiviert, ist zweitrangig.</p>
<p><strong>Quellen:</strong></p>
<p>Baragar, Fletcher (2003): Joan Robinson on Marx. In: <em>Review of Political Economy</em>, Vol. 15, No. 4, pp. 467-482</p>
<p>Bernstein, Eduard (1969): <em>Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie</em>. Hamburg: Rowohlt</p>
<p>Crotty, James (1985): <em>The Centrality of Money, Credit, and Financial Intermediation in Marx’s Crisis Theory: An Interpretation of Marx’s Methodology</em> (<a title="PDF-Quelle" href="http://www.people.umass.edu/crotty/CentralityofMoney.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Evans, Trevor (2004): Marxian and post-Keynesian theories of finance and the business cycle. In: <em>Capital &amp; Class</em>, No. 48: pp. 46-100 (<a title="PDF-Quelle" href="http://www.countdownnet.info/archivio/teoria/MarxiantheoriesEvans.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Glyn, Andrew (1997): Does aggregate profitability really matter? In: <em>Cambridge Journal of Economics</em>, Vol. 21, No. 5, pp. 593-619</p>
<p>Hein, Eckhard (2002): Money, Interest, and Capital Accumulation in Karl Marx’s Economics: A Monetary Interpretation. In: <em>WSI Discussion Paper</em>, No. 102 (<a title="PDF-Quelle" href="http://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_diskp_102.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Hein, Eckhard (2004): <em>Verteilung und Wachstum – Eine paradigmenorientierte Einführung unter besonderer Berücksichtigung der post-keynesianischen Theorie</em>. Marburg: Metropolis</p>
<p>Heinrich, Michael (2005): <em>Kritik der politischen Ökonomie – Eine Einführung</em>, Stuttgart: Schmetterling</p>
<p>Marx, Karl (2003): <em>MEW 25 – Das Kapital Dritter Band</em>. Berlin: Dietz</p>
<p>OECD (2008): Growing Unequal? Income Distribution and Poverty in OECD Countries. Paris: OECD<br />
Shaikh, Anwar (1978): <em>An Introduction to the History of Crisis Theories</em> (<a title="PDF-Quelle" href="http://homepage.newschool.edu/~AShaikh/crisis_theories.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Stockhammer, Engelbert/Ramskogler, Paul (2008): Post Keynesian economics – how to move forward. In: <em>Vienna University of Economics &amp; B.A. Working Paper</em>, No. 124 (<a title="PDF-Quelle" href="http://www.wu-wien.ac.at/inst/vw1/papers/wu-wp124.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Stockhammer, Engelbert (2009): Krise des finanzdominierten Akkumulationsregimes. In: <em>Standpunkte</em>, Nr. 5 (<a title="PDF-Quelle" href="http://www.vwl-wu.at/content/view/157/50/" target="_blank">Online</a>)</p>
<p>Sweezy, Paul (1971): <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung</em>. Frankfurt: Suhrkamp</p>
<p>Tcherneva, Pavlina (2008): Keynes’s Approach to Full Employment: Aggregate or Targeted Demand? In: <em>The Levy Economics Institute of Bard College Working Paper</em>, No. 542 (<a title="PDF-Quelle" href="http://www.levy.org/pubs/wp_542.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p><em>* Zu den AutorInnen:<br />
Simon Sturn und Klara Zwickl finden es schade, dass die Menschheit so gemein zu sich selber, den Tieren und zur (Um-)Welt ist.</em></p>
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		<title>Wenn Männer um den Bart streiten</title>
		<link>http://blog.sektionacht.at/2009/01/wenn-manner-um-den-bart-streiten/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Jan 2009 17:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[ Über kaum existente Differenzen und ihre rhetorische Aufblähung
Gastbeitrag von Manuela Hiesmair und Jakob Kapeller*
Dem (Wahn-)Sinn marxistischen Denkens aus österreichischer Perspektive widmeten sich zuletzt zwei Artikel auf TELEPOLIS (nämlich &#8220;Der Marxismus der Konservativen&#8221; und  &#8220;Der Konservatismus der selbsternannten Reformisten&#8220;). Dabei gelang den Autoren, fünf Männern, vor allem eines: Aneinander vorbei zu schreiben und kaum existente [...]]]></description>
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<p><em>Gastbeitrag von <a title="Manuela Hiesmair" href="http://www.gespol.jku.at/e230/e10368/index_ger.html" target="_blank">Manuela Hiesmair</a> und Jakob Kapeller*</em></p>
<p>Dem (Wahn-)Sinn marxistischen Denkens aus österreichischer Perspektive widmeten sich zuletzt zwei Artikel auf <a title="TELEPOLIS" href="http://www.heise.de/tp" target="_blank">TELEPOLIS</a> (nämlich &#8220;<a title="Marxismus der Konservativen" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29169/1.html" target="_blank">Der Marxismus der Konservativen</a>&#8221; und  &#8220;<a title="Der Konservatismus der selbsternannten Reformisten" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29340/1.html" target="_blank">Der Konservatismus der selbsternannten Reformisten</a>&#8220;). Dabei gelang den Autoren, fünf Männern, vor allem eines: Aneinander vorbei zu schreiben und kaum existente Differenzen in der politischen Praxis bei der theoretischen Betrachtung als unüberwindbare Gräben darzustellen.<span id="more-173"></span></p>
<p><strong>Das Erbe des Marx&#8217;schen Euvres</strong></p>
<p>Die Last des Marx&#8217;schen Erbes ist mit Sicherheit keine leichte: So sind die zahlreichen Schriften und Dokumente aus den Federn von Marx und Engels keineswegs frei von Widersprüchen und Ambivalenzen. Bezieht man abseits ihrer Schriften noch ihre persönliche Korrespondenz in die Überlegungen mit ein, wird klar, dass den Theoretikern bei weitem nicht alles so klar war, wie es dem Anschein entspricht, den sie in ihren Texten erwecken. Oder um mit Friedrich Engels zu sprechen: &#8220;Das Proletariat thut, wir wissen nicht was, und können&#8217;s kaum wissen.&#8221; (Brief Engels an Marx 17. März 1845, MEGA Band 12, S. 273)</p>
<p>Dieses Spannungsfeld ist auch die wesentliche Basis aller folgenden Debatten; die gedankliche und thematische Breite des Marx&#8217;schen Euvres liefert je nach gewünschter Intonation die nötigen &#8220;theoretischen Grundlagen&#8221; für unterschiedlichste „orthodoxe“ Theoriekonstrukte. Egal ob MarxistInnen, LeninistInnen, MaoistInnen, TrotzkistInnen oder AustromarxistInnen &#8211; jede dieser Strömungen und ihre jeweilige Lesart lassen sich letztlich, bei Betonung der &#8220;richtigen&#8221; und außer Acht lassen der &#8220;falschen&#8221; Stellen, irgendwie und irgendwo auf den großen alten Mann mit dem Bart zurückführen.</p>
<p>Dass der letztgenannte Punkt, nämlich dass es den „einen“ orthodoxen Marxismus so gar nicht gibt, von Dobusch/Kowall wider besserem Wissen übersehen wurde, ist von Dvorak et al. korrekterweise kritisiert worden. Das nützt aber leider nichts, wenn sich letztere abschließend in den diffusen Allgemeinplatz der „theoretischen [marxistischen] Fundierung“ von „Analyse und Strategie“ zurückziehen und so exakt denselben Fehler von Neuem begehen, nämlich sich selbst in diesem Gewirr nicht klar zu positionieren.</p>
<p><strong>Das Kreuz mit der marxistischen Eschatologie</strong></p>
<p>Nicht zuletzt ob dieser unterschiedlichen Lesarten streiten die VertreterInnen diverser Strömungen auch heute noch darum, die einzig &#8220;richtige&#8221; Interpretation des Marx&#8217;schen Werkes zu liefern. Ohne auf die zahlreichen philosophischen und wirtschaftstheoretischen Spannungsfelder im Detail eingehen zu können, ist eine grundlegende Ambivalenz von zentraler Bedeutung: Sollen die Thesen von Marx und Engels nun als unabdingbare und wörtlich zu verstehende, „wissenschaftlich fundierte“ Heilslehre oder als nebeneinander stehende Thesen, die vielleicht oder auch nicht analytisch brauchbar sein könnten, verstanden werden. Dies ist letztlich der hermeneutische Hintergrund der von Dobusch, Kowall, Dvorak und Konsorten neu aufgerüttelten Revisionismusdebatte; es geht schlicht um Fragen der Interpretation.</p>
<p>Der erste Ansatz führt uns geradewegs zurück in das Babylon der &#8220;marxistischen Orthodoxien&#8221;. Also hin zu den teilweise mittelschwer sektoiden Grüppchen derer, die um die korrekte Exegese des Marx&#8217;schen Euvres rittern und deren Katechismen oft mit unerwarteter Brutalität aufeinander prallen. Gemeinsam ist diesen konkurrierenden Interpretationen meist nur, dass ihr gemeinsames Heil in der Revolution liegt. Es ist dieser Ansatz, der eine sinnvolle Diskussion der Marx&#8217;schen Thesen so schwierig macht und der zu Recht von Dobusch/Kowall als &#8220;Dogmatismus&#8221; kritisiert wird. Eine Leistung, die die Replik von Dvorak et al. nicht sehen kann, nicht sehen will oder zumindest nicht gerne sieht. Es ist aber auch durchaus ein Kardinalfehler von Dobusch/Kowall zu übersehen, dass Marx durchaus mehr hergibt, als den von ihnen kritisierten plumpen Dogmatismus.</p>
<p><strong>Dogmen oder (Hypo-)Thesen</strong></p>
<p>Marx selbst war sich sehr wohl bewusst, dass seine wissenschaftlichen Ausführungen oftmals rein hypothetischen Charakter hatten, wurden sie im internen Sprachgebraucht ja oft bloß als Arbeitshypothesen bezeichnet. In diesem Zusammenhang macht es Sinn auf den leider viel zu früh verstorbenen österreichischen Sozialwissenschafter Egon Matzner zu verweisen, in dessen kleiner Abhandlung &#8220;Zur Aktualität der Marx&#8217;schen Wirtschaftslehre&#8221; die eben beschriebenen Interpretationsweisen folgendermaßen unterschieden werden:</p>
<p>&#8220;Die von Karl Marx im &#8216;Kapital&#8217; aufgestellten &#8216;Thesen&#8217; über die Entwicklungstendenzen des kapitalistischen Systems sowie die dabei verwendeten Forschungsmethoden können entweder als allgemein gültige Dogmen oder als beschränkt gültige Arbeitshypothesen aufgefasst werden. Der erste Weg ist für marxistische und antimarxistische Dogmatiker, der zweite für empirische Wissenschafter kennzeichnend.&#8221; (Matzner, Egon: Zur Aktualität der Marx&#8217;schen Wirtschaftslehre, in: Sozialismus, Geschichte und Wirtschaft &#8211; Festschrift für Eduard März, Wien: Europaverlag, 1973. S. 33)</p>
<p>Leider erweisen sich sowohl Dobusch/Kowall, als auch Dvorak et al. als DogmatikerInnen im Sinne der obigen Definition. Sinnvoller als pauschal pro oder contra Marx zu argumentieren, wäre es, sich endlich einmal die Frage zu stellen, welche Thesen nun politisch und wissenschaftlich gesehen brauchbar, welche unbrauchbar, welche methodisch gesehen operational, welche inoperational sind und gleichzeitig &#8211; wie zurecht von Dvorak et al. eingeworfen &#8211; die Arbeiten der (Neo-)MarxistInnen als die Marx&#8217;sche Theorie ergänzende oder herausfordernde Inputs mit ins Auge zu fassen. So müssten auch Dobusch/Kowall bei der Lektüre des Bernstein&#8217;schen Werkes &#8220;Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie&#8221; erkannt haben, dass es dem Autor nicht wie von ihnen unterstellt, darum ging, der Marx&#8217;schen Theorie den Todesstoß zu geben. Bernstein zielte darin auf eine Modifikation mancher Marx&#8217;scher Thesen ab und nicht auf eine vernichtende Kritik der theoretischen Grundlagen der Sozialdemokratie zur damaligen Zeit.</p>
<p><strong>Reformismusdebatte neu?</strong></p>
<p>Freilich lässt sich „Marx als Ganzes“ als deterministisches Geflecht verstehen, das der modernen Neoklassik nur allzu ähnlich ist; 1:0 für Dobusch/Kowall sozusagen. Doch umgekehrt gilt bei aller historischer Distanz, dass viele Einzelthesen oder gar zentrale Annahmen von Marx ein ehrliches Bemühen im Sinne eines erkenntnistheoretischen Realismus erkennen lassen, was wiederum einen scharfen Kontrast zur fiktionalen Konstruktion der Neoklassik bis in ihre kleinsten Axiome schafft; das 1:1 durch Dvorak et al. folgt daher stante pede.</p>
<p>Insgesamt sollten also die Bemühungen aller Autoren auf eine Analyse verschiedener Marx’scher Thesen hinsichtlich ihrer Operationalisierbarkeit für Politik und Wissenschaft hinauslaufen, um so die Praktikabilität Marx’schen Denkens sorgsam zu überprüfen. Leider ist die zentrale Schreibmotivation allzu oft dem Gegner geschuldet, dem man eine auswischen möchte (Kowall/Dobusch den Liberalen und „orthodoxen“ MarxistInnen, Dvorak et al. den ReformistInnen). Doch das ist letztlich nur der langweilige, habituelle Reflex einer jeden Orthodoxie – egal ob diese Reform oder Revolution predigt.</p>
<p>Interessanterweise ist bei genauerer Betrachtung der jeweils artikulierten Vorstellungen &#8220;richtiger&#8221; sozialdemokratischer Politik zu erkennen, dass die beiden Positionen keineswegs diametral entgegengesetzt am Endpunkt des Spektrums zwischen &#8220;Reform&#8221; und &#8220;Revolution&#8221; angeordnet sind. Staatliche Verteilungspolitik als Ziel findet sich sowohl bei Dobusch/Kowall als &#8220;pragmatische Alltagspolitik&#8221;, genauso wie bei Dvorak et al. der Ausbau des Wohlfahrtsstaat und Umverteilung als Ergebnis fundierter &#8220;marxistischer Analysen von Gesellschaft, Staat und Ökonomie&#8221;. Während auf der theoretischen Ebene versucht wurde Unterschiede herauszuarbeiten, lassen sich bei den Entwürfen für die politische Praxis durchaus ähnliche Vorschläge zur Reform des kapitalistischen Systems finden. Und da sind wir beim springenden Punkt: Die fünf AutorInnen, so sehr Dvorak et al. auch eine Lanze für Marx brechen, argumentieren beide in der Tradition der ReformistInnen &#8211; manche mit wenig(er) Marx-Bezug (Dobusch/Kowall), manche mit mehr (Dvorak/Puller/Wenninger). Beim Versuch, sich voneinander verbal abzugrenzen geht den Autoren hier die gemeinsame Perspektive verloren, nämlich &#8211; wie ironischerweise in beiden Artikeln angedeutet &#8211; progressive, soziale und demokratische Politik zu gestalten. Das ist es nämlich, was übrig bleibt, wenn wir (mäßig gelungene) theoretische Exegese und (maßlos übertriebene) scholastische Polemik aus beiden Artikeln subtrahieren.</p>
<p>Anstelle also geduldig wie Dobusch/Kowall auf die „Selbsterkenntnis der GegnerInnen“ oder wie RevolutionsromantikerInnen auf den „revolutionären Umschwung“ zu warten, sollten die Autoren lieber mit intensivem Einsatz daran gehen, gemeinsam die Forderung nach einer progressiven theoriegeleiteten sozialdemokratischen Politik zu erheben, um dem gemeinsamen Außenfeind Neoliberalismus überhaupt Paroli bieten zu können. Dass sie nämlich mit Ihren Positionen in weiten Teilen der Sozialdemokratie praktisch gesehen gemeinsam eine Minderheit geworden sind, sollte nicht nur Ihnen letztendlich stärker zu denken geben, als ihre marginalen Differenzen.<br />
<em><br />
*Zu den AutorInnen:</em></p>
<p><em>Manuela Hiesmair ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Universität Linz<br />
</em></p>
<p><em>Jakob Kapeller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Universität Linz</em></p>
<p><!--[endif]--></p>
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		<title>Reaktionen auf &#8220;Marxismus der Konservativen&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Dec 2008 04:36:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>leonido</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vor ziemlich genau einem Monat haben Leonhard Dobusch und Nikolaus Kowall in TELEPOLIS und diesem Blog unter dem Titel &#8220;Der Marxismus der Konservativen&#8221; theoretische Parallelen in orthodoxem Marxismus und neoliberalem Marktfundamentalismus aufgezeigt. Ein Monat später haben nicht nur Ludwig Dvork, Armin Puller und Florian Wenninger ebenfalls in TELEPOLIS eine fulminante Replik aus neomarxistischer Perspektive veröffentlicht, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor ziemlich genau einem Monat haben Leonhard Dobusch und Nikolaus Kowall in <a title="Marxismus der Konservativen" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29169/1.html" target="_blank">TELEPOLIS</a> und diesem <a title="Marxismus der Konservativen (Blog)" href="http://blog.sektionacht.at/?p=141" target="_blank">Blog</a> unter dem Titel &#8220;Der Marxismus der Konservativen&#8221; theoretische Parallelen in orthodoxem Marxismus und neoliberalem Marktfundamentalismus aufgezeigt. Ein Monat später haben nicht nur Ludwig Dvork, Armin Puller und Florian Wenninger ebenfalls in TELEPOLIS eine <a title="Konservativismus selbsternannter Reformisten" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29340/1.html" target="_blank">fulminante Replik</a> aus neomarxistischer Perspektive veröffentlicht, sondern es hat sich auch der renommierte Ökonomieblog WEISSGARNIX an einer <a title="WEISSGARNIX-Synthese" href="http://www.weissgarnix.de/?p=791" target="_blank">Synthese</a> versucht.</p>
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		<title>Der Marxismus der Konservativen</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Nov 2008 00:54:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>leonido</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Marktradikalismus ist die doktrinäre Orthodoxie der Konservativen. Es ist ihre Aufgabe, mit ihm fertig zu werden
Leonhard Dobusch und Nikolaus Kowall
Die beiden stärksten Waffen in jeder argumentativen Auseinandersetzung sind einander auf den ersten Blick fundamental entgegensetzt: Auf der einen Seite stehen Sachzwänge, intersubjektiv anerkannte und damit quasi objektive Notwendigkeiten, an denen Wunschdenken und Weltverbesserung zerschellen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Marktradikalismus ist die doktrinäre Orthodoxie der Konservativen. Es ist ihre Aufgabe, mit ihm fertig zu werden</strong></p>
<p><em><a title="www.dobusch.net" href="http://www.dobusch.net" target="_blank">Leonhard Dobusch</a> und Nikolaus Kowall</em></p>
<p>Die beiden stärksten Waffen in jeder argumentativen Auseinandersetzung sind einander auf den ersten Blick fundamental entgegensetzt: Auf der einen Seite stehen Sachzwänge, intersubjektiv anerkannte und damit quasi objektive Notwendigkeiten, an denen Wunschdenken und Weltverbesserung zerschellen. Auf der anderen Seite steht der Idealtypus, die Utopie. Die Anziehungskraft ihrer Perfektion (ver)führt dazu, allen Sachzwängen zum trotz Weltverbesserungsstreben nicht völlig aufzugeben. <a title="Marxismus der Konservativen (Telepolis)" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29169/1.html" target="_self">&gt; Weiterlesen bei TELEPOLIS</a></p>
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